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Und
immer wieder drehten sich diese Träume um eine wunderschöne
Puppenstube: ein richtiges Wohnzimmer mit einem Sofa, links daneben ein
Schlafzimmer mit zwei großen Betten und an der rechten Seite eine
kleine Küche mit einem Herd und einem Schrank und einem Regal mit
winzigen Töpfen, Pfannen und Tellerchen, alle Zimmer mit elektrischem
Licht und an den seitlichen Fenstern kleine Blumenkästen und Fensterläden.
Als
im Kindergarten Tante Käthe alle Kinder fragte, was sie sich denn vom
Weihnachtsmann wünschen, sagte Anette auch gleich: "So eine schöne
Puppenstube, wie sie bei Strathmanns im Schaufenster steht! Mit drei
Zimmern und elektrischem ..." - "Gar nicht wahr!" platzte
da Petra dazwischen, "gar nicht wahr, die Puppenstube bringt der
Weihnachtsmann zu mir!"
Anette
war sprachlos. Ausgerechnet Petra sollte die Puppenstube bekommen? Die
war doch immer so doof und ärgerte die anderen Kinder beim Spielen und
wischte sich die Nase immer mit der Hand ab und konnte sich noch nicht
mal selbst die Schuhe zubinden.
"Das
glaube ich aber nicht," wandte Anette vorsichtig ein, "ich wünsche
mir so eine Puppenstube schon ganz lange und habe sie auch auf meinen
Wunschzettel für den Weihnachtsmann gemalt."
"Und
ich kriege die Puppenstube doch!" beharrte Petra und grinste Anette
dabei frech an. "Ich wünsche sie mir nämlich auch. Und mein Papa
hat darüber schon mit dem Weihnachtsmann gesprochen, und der
Weihnachtsmann macht alles, was mein Papa sagt, weil mein Papa Polizist
ist."
Was
sollte Anette darauf sagen? Einerseits war sie wütend über Petras
Frechheit und hätte ihr am liebsten eine geklebt, aber das durfte sie
doch nicht, dann wäre Tante Käthe sicher böse geworden. Und
anderseits war sie traurig, weil sie sich einfach nicht vorstellen
konnte, dass der Weihnachtsmann hinter ihrem Rücken ausgerechnet dieser
Petra die schöne Puppenstube verspricht.
Tante
Käthe hatte das alles mit angehört, und als sie sah, dass eine kleine
Träne über Anettes Wange kullerte, sei es nun aus Wut, sei es aus
Traurigkeit, klatschte sie schnell in die Hände und sagte: "Nun
wollen wir wieder singen: Lasst uns froh und munter sein...", und
alle Kinder sangen das fröhliche Nikolauslied.
Anette
sang zwar auch mit, aber viel leiser als sonst, und ihre Gedanken ließen
ihr keine Ruhe, den ganzen Tag nicht. Der Weihnachtsmann war doch ihr
Freund, und sie hatte ihn so lieb. Sogar im Sommer dachte sie manchmal
an ihn. Und pünktlich zur Adventszeit hatte er ihr sogar geschrieben,
dass ihr Wunschzettel angekommen war und dass er sich darüber gefreut
hatte und dass er sich auch schon darauf freut, Anette am Heiligen Abend
zu besuchen. Da war es doch ganz unmöglich, dass er heimlich ein
anderes Mädchen vielleicht sogar noch mehr lieb hat als Anette, und
noch dazu diese Petra. Das passte alles nicht zusammen. Irgendetwas
stimmte nicht. Aber wie sollte sie das rauskriegen?
Mama
streichelte ihr besorgt über den Kopf, als sie Anette ins Bett brachte,
und fragte: "Was hast du denn mein Kleines? Du bist den ganzen Tag
so traurig? Machst du dir Sorgen?" Anette schüttelte nur wortlos
den Kopf. "Magst du nicht mir darüber reden?" Anette schüttelte
wieder den Kopf. "Na, vielleicht heute nicht. Schlaf erst mal drüber.
Morgen können wir ja auch noch sprechen." Und dann gab sie Anette
einen Kuss und knipste das Licht aus.
Anette
kuschelte sich unter ihre Decke, und dann kam ihr eine Idee. Natürlich
- das wars. Sie musste darüber reden, nicht mit irgendwem, nicht mit
Tante Käthe im Kindergarten, auch nicht mit Mama - mit dem
Weihnachtsmann selbst musste sie über diese Sache sprechen. Er würde
ihr sicher alles erklären, und dann wäre alles wieder gut. Aber wie
sollte sie den Weihnachtsmann finden? Und ob er wohl Zeit für sie hätte,
jetzt so kurz vor Weihnachten? Darf man den Weihnachtsmann überhaupt
besuchen? Wie sollte sie da hinkommen, denn er wohnt doch sicher sehr
weit weg in der Nähe vom Nordpol. Ach was - wenn man sich etwas ganz
fest wünscht, dann klappt das auch!
Während
Anette noch überlegte, begann ihr Bettchen leise zu schaukeln. Sie
guckte überrascht in die Dunkelheit. Was war das? Im nächsten
Augenblick öffnete sich das Fenster wie von selbst. Ein Lichtstrahl des
Mondes reichte bis an ihr Bett, und darauf segelte das Bett aus dem
Fenster hinaus in die Nacht. Anette sah unter sich die Lichter der
Stadt, die immer kleiner wurden, und über sich die Lichter der Sterne,
die immer heller wurden. Das Bett
flog immer schneller. Der Wind blies ihr um den Kopf. Unter ihr war alles
dunkel. Dann machte das Bett einen großen Bogen, und Anette wäre
beinahe hinausgefallen. Doch als sie sich wieder richtig hingelegt
hatte, hörte sie silberne Glöckchen und ein schnelles Trappeln. Es
wurde heller, und Anette erkannte, dass sie durch eine weiße tief
verschneite Winterlandschaft fuhr, das Bett flog nicht mehr, es wurde
von zwei Rentieren, an deren Geweih die Glöckchen hingen, durch den
Schnee gezogen. Aus dem fliegenden Bettchen war ein richtiger großer
Schlitten geworden, und Anette saß darin, dick eingepackt in ihre
Bettdecke. Jetzt kamen sie an einem Wegweiser vorbei, darauf stand
"korvatunturi". Das konnte Anette zwar nicht lesen, aber das
musste der Ort sein, wo der Weihnachtsmann in Lappland wohnt. Dann stand
da ein dicker Schneemann, der nach links zeigte. Die Rentiere bogen also
nach links ab und hielten bald vor einem großen prächtigen Haus. Das
Dach war dick mit Schnee bedeckt, aus dem Schornstein kringelten
Rauchwolken. An der Tür war ein Namensschild neben der Klingel, darauf
stand "joulupukki". Das verstand Anette auch nicht, aber es
musste so viel wie Weihnachtsmann heißen. "Weihnachtsmann"
konnte ja nicht draufstehen, denn das hätte in Lappland keiner
verstanden.
Anette
reckte sich so hoch wie sie konnte, reichte gerade an den Klingelknopf
heran und drückte zaghaft darauf. Nichts geschah. Dann hörte sie von
drinnen ein Poltern und Brummen, der Schlüssel wurde gedreht, dann ein
Riegel geschoben und die Tür ging auf und vor ihr stand leibhaftig der
Weihnachtsmann. Der rieb sich erst mal erstaunt die Augen und fragte
dann: "Anette??? Bist du es wirklich? Wie kommst du denn
hierher?"
"Ich
bin mit meinem Bettchen, also eher in einem Flugzeug, oder besser mit
dem Schlitten gekommen," antwortete Anette.
"Ganz
allein?"
"Ja,
ganz allein, und das darf niemand wissen."
"Na,
du machst Sachen. Nun komm aber erst mal rein, sonst erkältest du dich
noch und musst Weihnachten im Bett verbringen."
Der
Weihnachtsmann nahm Anette bei der Hand und zog sie zu sich ins Haus.
Dass er vergaß, die Tür wieder fest abzuschließen, bemerkte er gar
nicht. Im Haus roch es nach frischer Farbe und Leim, nach Öl und Sägemehl.
In einem Raum, dessen Tür weit offen stand, waren schon ganz viele
Pakete aufgestapelt, und auf einem Tisch lagen ganze Stapel von
Wunschzetteln. Dann führte der Weihnachtsmann Anette in seine
Weihnachtsmannstube und sagte ihr, sie solle sich auf das Sofa setzen.
Gleich neben dem Sofa stand ein großer Weihnachtsbaum, an dem ganz
viele Kerzen brannten. "Den Baum stelle ich mir schon immer ein
paar Wochen vor Weihnachten auf, damit ich in die richtige Stimmung
komme," erklärte ihr der Weihnachtsmann. An den Wänden waren ganz
viele Bilder von Kindern. "Das sind alles Kinder, die immer
besonders brav und lieb waren, schau sie dir nur genau an." Anette
musterte die vielen Bilder. Da waren Jungen und Mädchen, alle
verschiedener Hautfarbe, Kinder aus der ganzen Welt. Ein Bild kam ihr
sehr bekannt vor. Das war bestimmt Mama, als sie noch klein war. Weil
Anette sich nicht ganz sicher war, wollte sie den Weihnachtsmann fragen.
Der war aber gerade in seiner Küche und kochte für Anette einen großen
Topf Kakao und schnitt ein paar Stücke von einem Christstollen ab. Das
setzte er alles vor Anette auf den Tisch und fragte dann: " Also
was führt dich zu mir? Das muss ja was ganz besonderes sein, denn
eigentlich kommen Kinder nie zu mir nach Hause. Nur ich besuche sie
immer am Heiligen Abend."
Anette
schluckte brav ihren Christstollen herunter, spülte mit einem großen
Schluck von dem köstlichen Kakao nach und erzählte dann dem
Weihnachtsmann von ihrem Puppenstubenwunsch. "Das weiß ich alles
von deinem Wunschzettel. Komm zur Sache, denn ich habe nicht viel Zeit
so kurz vor den Feiertagen," unterbrach er sie etwas unwirsch.
Nun
kam die Geschichte mit Petra an die Reihe, und Anette vergaß kein
einziges Wort, das gefallen war, und keinen einzigen Gedanken, der ihr
durch den Kopf gegangen war. Der Weihnachtsmann
hörte ihr geduldig zu, und als sie zum Ende gekommen war, strich er ihr
beruhigend über den Kopf und sagte: "Das war klug von dir, direkt
zu mir zu kommen. Man muss nicht alles glauben, was die Leute erzählen,
und wenn sie Unsinn reden, wendet man sich am besten an Leute, die etwas
von der Sache verstehen. Und vor Weihnachten sollen sch die Leute auch
nicht streiten, sondern sich gemeinsam auf die Geburt des Christkindes
freuen." Anette nickte zustimmend mit dem Kopf und der
Weihnachtsmann fuhr fort: "Und was nun deine - " hier biss
sich der Weihnachtsmann schnell auf die Zunge und verbesserte sich:
"was nun die Puppenstube angeht, so musst du dich einfach bis
Weihnachten gedulden. Mal sehen, was sich machen lässt. Ich werde
deinen Wunschzettel noch einmal ganz genau studieren."
Diese
Worte des Weihnachtsmanns beruhigten Anette sehr. Jetzt konnte sie
wieder unbeschwert plaudern, wie es ihre Art war, und so viele Fragen
stellen, dass ein weniger geduldiger Mensch als der Weihnachtsmann
sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlüge. Aber der
Weihnachtsmann beantwortete alle Fragen so gut er konnte und wie es ein
kleines Mädchen verstehen kann und ging dann sogar noch mit Anette in
seine Werkstatt. Da standen Feuerwehrautos und Kaufläden, Fahrräder
und Schlittschuhe und noch viel mehr Dinge, die Kinder sich so zu
Weihnachten wünschen, und mittendrin eine
wunderschöne große
Puppenstube, viel schöner als die in Strathmanns Schaufenster. Vor den
Fenstern hingen richtige Gardinen, auf dem Wohnzimmertisch stand ein
kleiner Blumenstrauß, die Betten hatten buntkarierte Bezüge und der Küchentisch
war mit kleinen Tellerchen und Tässchen eingedeckt, grade als ob dort
die Puppen gleich zum Frühstück Platz nehmen wollten.
"Darf
ich die Tellerchen mal anfassen?" fragte Anette den Weihnachtsmann.
Da
schnarrte hinter ihr eine laute Stimme: "Lass da die Finger davon!
Du machst alles kaputt! Diese Puppenstube ist nicht für dich!"
Anette drehte sich erschrocken um. Da stand doch tatsächlich ein zweiter Weihnachtsmann, nicht ganz so groß wie der, mit dem sie gerade noch gesprochen hatte, aber auch der hatte einen langen weißen Bart, eine rote Zipfelmütze, einen roten Mantel mit weißem Pelzbesatz und schwarze Stiefel an. Man könnte meinen, sie seien Zwillinge.
| hallo | |
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| hallo |
Anette
sah die beiden Weihnachtsmänner an, die sahen sich gegenseitig an, und
es war mucksmäuschenstill in der Werkstatt.
"Wer
bist du denn? Und wo kommst du her?" herrschte der eine
Weihnachtsmann den anderen an.
"Durch
die Tür bin ich gekommen, die stand ja auf, und weil ich der
Weihnachtsmann bin, bin ich in das Weihnachtsmannhaus gekommen,"
entgegnete der andere Weihnachtsmann.
"Du
bist ein Lügner, aber kein Weihnachtsmann!"
"Natürlich
bin ich der richtige Weihnachtsmann und passe auf, dass solche Gören
wie diese Anette nicht die Weihnachtsgeschenke anderer lieber Kinder
kaputt machen."
Woher
wusste dieser andere Weihnachtsmann ihren Namen, wunderte sich Anette.
"Du
bist ein Betrüger, nichts anderes. Sag mir doch mal, wie der
Weihnachtsmann auf Lappländisch heißt."
"Das
ist ein Geheimnis, das verrate ich dir nicht."
"Das
kannst du auch gar nicht verraten, weil du es nicht weißt. Sogar diese
kleine liebe Anette weiß das aber."
"Ja,
das weiß ich," mischte sich Anette ein, "der heißt
joulupukki."
"Ach
Quatsch, pukkujuli oder kilojukki, das ist doch ganz egal. Hauptsache
man ist der Weihnachtsmann."
"Dir
erzähle ich was - sich über meinen Namen lustig zu machen!" Und
mit diesen Worten gab der eine Weihnachtsmann dem anderen eine
schallende Ohrfeige, dass im sogar die Mütze vom Kopf flog und eine große
blanke Glatze zum Vorschein kam. Da musste Anette doch lachen.
"Das
hast du nicht umsonst getan, jetzt mache ich dich fertig!" schrie
der andere Weihnachtsmann und packte seinen Gegner am roten Mantel. Der
packte zurück, und so rangen sie miteinander, bis dem glatzköpfigen
Weihnachtsmann der Mantel aufsprang und darunter eine grüne Uniform zu
sehen war.
"Jetzt
weiß ich, wer du bist," rief der richtige Weihnachtsmann, und
Anette wusste es auch gleich, als der Weihnachtsmann dem Eindringling
den falschen weißen Bart aus dem Gesicht riss: das war Petras Papa, der
Polizist Lindemann!!!
"Du
solltest dich schämen, Lindemann," schimpfte ihn der
Weihnachtsmann aus. "Ein ordentlicher Mensch geht nicht in fremde Häuser
und erschreckt auch keine kleinen Mädchen. Ein Polizist schon gar
nicht. Der soll ein Freund der Kinder sein, so wie der Weihnachtsmann.
Nun verschwinde hier, ich will dich nicht mehr sehen. Die Rechnung für
deine Frechheit wirst du am Heiligen Abend erhalten." Mit diesen
Worten schob ihn der Weihnachtsmann zur Tür hinaus, rief noch einmal
"Lass dich hier nie wieder blicken!" hinterher und Schlingel,
der Hund des Weihnachtsmanns, bellte und knurrte auch so lange, bis
Lindemann hinter den Bäumen des Waldes verschwunden war, gerade so, wie
man immer singt "Schlingel bellt, Schlingel bellt ...".
"Wirst
du nun gar nicht zu Lindemanns gehen am Heiligen Abend?" fragte
Anette, als die beiden wieder alleine waren.
"Nein,
um solche bösen Menschen mache ich einen großen Bogen," bestätigte
der Weihnachtsmann.
"Da
wird Petra aber traurig sein, wenn du nicht zu ihr kommst. Sie kann doch
nichts dafür, dass ihr Papa so böse ist," wandte Anette ein.
"Du
hast ein gutes Herz, Anette," freute sich der Weihnachtsmann,
"ich werde mir das mit Petra noch mal überlegen, obwohl sie ja zu
dir auch nicht gerade freundlich war."
"Ach
was," wehrte Anette ab, "wir Kinder im Kindergarten müssen
doch zusammenhalten, und am schönsten ist es, wenn wir alle nach
Weihnachten erzählen können, worüber wir uns gefreut haben."
"Nun
wird es aber Zeit, dass du wieder nach Hause kommst und ein bisschen
schläfst, sonst verschläfst du morgen den Kindergarten," mahnte
der Weihnachtsmann. Das sah Anette ein. Sie verabschiedete sich vom
Weihnachtsmann mit einem dicken Kuss auf die Wange, so dass der richtig
ein bisschen rot wurde. Und als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte
sie schon alles vergessen, was sie in der Nacht erlebt hatte. Nur gut,
dass es hier aufgeschrieben ist, damit es nicht ganz in Vergessenheit
gerät.
Text © Manfred Wolff, 30.11.2003