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nette und der doppelte Weihnachtsmann

Weihnachtlich sah die Stadt wirklich nicht aus. Der Wind wehte statt Schneeflocken die vertrockneten Blätter der Bäume durch die Straßen. Es regnete tagaus, tagein. Überall standen große Pfützen, in denen sich die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung spiegelten, so dass die Weihnachtssterne und Glocken gleich doppelt zu sehen waren. Statt Pudelmütze und dickem Wintermantel waren Gummistiefel und Regenjacke angesagt. Aber trotzdem redeten alle voller Vorfreude von Weihnachten.

Das begann schon, als die Girlanden mit den Lichtern in der Stadt aufgehängt wurden und im Supermarkt viel zu früh die ersten Weihnachtslieder erklangen. Während das alles noch ein wenig unwirklich erschien, wurde das nahe Weihnachtsfest für Anette zur Gewissheit, als ihre Mama im Wohnzimmer den Adventskranz aufstellte und dann am Sonntagnachmittag tatsächlich die erste rote Kerze angezündet wurde. Jetzt konnte man die Tage bis zum heiligen Abend zählen. Und wenn sich die Zeit bis dahin auch unendlich lange hinzuziehen schien, waren die Tage doch ausgefüllt mit den Vorbereitungen für das schönste Ereignis des Jahres und mit ganz vielen Träumen davon, wie es wohl diesmal sein würde.

Und immer wieder drehten sich diese Träume um eine wunderschöne Puppenstube: ein richtiges Wohnzimmer mit einem Sofa, links daneben ein Schlafzimmer mit zwei großen Betten und an der rechten Seite eine kleine Küche mit einem Herd und einem Schrank und einem Regal mit winzigen Töpfen, Pfannen und Tellerchen, alle Zimmer mit elektrischem Licht und an den seitlichen Fenstern kleine Blumenkästen und Fensterläden.

Als im Kindergarten Tante Käthe alle Kinder fragte, was sie sich denn vom Weihnachtsmann wünschen, sagte Anette auch gleich: "So eine schöne Puppenstube, wie sie bei Strathmanns im Schaufenster steht! Mit drei Zimmern und elektrischem ..." - "Gar nicht wahr!" platzte da Petra dazwischen, "gar nicht wahr, die Puppenstube bringt der Weihnachtsmann zu mir!"

Anette war sprachlos. Ausgerechnet Petra sollte die Puppenstube bekommen? Die war doch immer so doof und ärgerte die anderen Kinder beim Spielen und wischte sich die Nase immer mit der Hand ab und konnte sich noch nicht mal selbst die Schuhe zubinden.

"Das glaube ich aber nicht," wandte Anette vorsichtig ein, "ich wünsche mir so eine Puppenstube schon ganz lange und habe sie auch auf meinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann gemalt."

"Und ich kriege die Puppenstube doch!" beharrte Petra und grinste Anette dabei frech an. "Ich wünsche sie mir nämlich auch. Und mein Papa hat darüber schon mit dem Weihnachtsmann gesprochen, und der Weihnachtsmann macht alles, was mein Papa sagt, weil mein Papa Polizist ist."

Was sollte Anette darauf sagen? Einerseits war sie wütend über Petras Frechheit und hätte ihr am liebsten eine geklebt, aber das durfte sie doch nicht, dann wäre Tante Käthe sicher böse geworden. Und anderseits war sie traurig, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass der Weihnachtsmann hinter ihrem Rücken ausgerechnet dieser Petra die schöne Puppenstube verspricht.

Tante Käthe hatte das alles mit angehört, und als sie sah, dass eine kleine Träne über Anettes Wange kullerte, sei es nun aus Wut, sei es aus Traurigkeit, klatschte sie schnell in die Hände und sagte: "Nun wollen wir wieder singen: Lasst uns froh und munter sein...", und alle Kinder sangen das fröhliche Nikolauslied.

Anette sang zwar auch mit, aber viel leiser als sonst, und ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe, den ganzen Tag nicht. Der Weihnachtsmann war doch ihr Freund, und sie hatte ihn so lieb. Sogar im Sommer dachte sie manchmal an ihn. Und pünktlich zur Adventszeit hatte er ihr sogar geschrieben, dass ihr Wunschzettel angekommen war und dass er sich darüber gefreut hatte und dass er sich auch schon darauf freut, Anette am Heiligen Abend zu besuchen. Da war es doch ganz unmöglich, dass er heimlich ein anderes Mädchen vielleicht sogar noch mehr lieb hat als Anette, und noch dazu diese Petra. Das passte alles nicht zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Aber wie sollte sie das rauskriegen?

Mama streichelte ihr besorgt über den Kopf, als sie Anette ins Bett brachte, und fragte: "Was hast du denn mein Kleines? Du bist den ganzen Tag so traurig? Machst du dir Sorgen?" Anette schüttelte nur wortlos den Kopf. "Magst du nicht mir darüber reden?" Anette schüttelte wieder den Kopf. "Na, vielleicht heute nicht. Schlaf erst mal drüber. Morgen können wir ja auch noch sprechen." Und dann gab sie Anette einen Kuss und knipste das Licht aus.

Anette kuschelte sich unter ihre Decke, und dann kam ihr eine Idee. Natürlich - das wars. Sie musste darüber reden, nicht mit irgendwem, nicht mit Tante Käthe im Kindergarten, auch nicht mit Mama - mit dem Weihnachtsmann selbst musste sie über diese Sache sprechen. Er würde ihr sicher alles erklären, und dann wäre alles wieder gut. Aber wie sollte sie den Weihnachtsmann finden? Und ob er wohl Zeit für sie hätte, jetzt so kurz vor Weihnachten? Darf man den Weihnachtsmann überhaupt besuchen? Wie sollte sie da hinkommen, denn er wohnt doch sicher sehr weit weg in der Nähe vom Nordpol. Ach was - wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann klappt das auch!

Während Anette noch überlegte, begann ihr Bettchen leise zu schaukeln. Sie guckte überrascht in die Dunkelheit. Was war das? Im nächsten Augenblick öffnete sich das Fenster wie von selbst. Ein Lichtstrahl des Mondes reichte bis an ihr Bett, und darauf segelte das Bett aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Anette sah unter sich die Lichter der Stadt, die immer kleiner wurden, und über sich die Lichter der Sterne, die immer heller wurden. Das  Bett flog immer schneller. Der Wind blies ihr um den Kopf. Unter ihr war alles dunkel. Dann machte das Bett einen großen Bogen, und Anette wäre beinahe hinausgefallen. Doch als sie sich wieder richtig hingelegt hatte, hörte sie silberne Glöckchen und ein schnelles Trappeln. Es wurde heller, und Anette erkannte, dass sie durch eine weiße tief verschneite Winterlandschaft fuhr, das Bett flog nicht mehr, es wurde von zwei Rentieren, an deren Geweih die Glöckchen hingen, durch den Schnee gezogen. Aus dem fliegenden Bettchen war ein richtiger großer Schlitten geworden, und Anette saß darin, dick eingepackt in ihre Bettdecke. Jetzt kamen sie an einem Wegweiser vorbei, darauf stand "korvatunturi". Das konnte Anette zwar nicht lesen, aber das musste der Ort sein, wo der Weihnachtsmann in Lappland wohnt. Dann stand da ein dicker Schneemann, der nach links zeigte. Die Rentiere bogen also nach links ab und hielten bald vor einem großen prächtigen Haus. Das Dach war dick mit Schnee bedeckt, aus dem Schornstein kringelten Rauchwolken. An der Tür war ein Namensschild neben der Klingel, darauf stand "joulupukki". Das verstand Anette auch nicht, aber es musste so viel wie Weihnachtsmann heißen. "Weihnachtsmann" konnte ja nicht draufstehen, denn das hätte in Lappland keiner verstanden.

Anette reckte sich so hoch wie sie konnte, reichte gerade an den Klingelknopf heran und drückte zaghaft darauf. Nichts geschah. Dann hörte sie von drinnen ein Poltern und Brummen, der Schlüssel wurde gedreht, dann ein Riegel geschoben und die Tür ging auf und vor ihr stand leibhaftig der Weihnachtsmann. Der rieb sich erst mal erstaunt die Augen und fragte dann: "Anette??? Bist du es wirklich? Wie kommst du denn hierher?"

"Ich bin mit meinem Bettchen, also eher in einem Flugzeug, oder besser mit dem Schlitten gekommen," antwortete Anette.

"Ganz allein?"

"Ja, ganz allein, und das darf niemand wissen."

"Na, du machst Sachen. Nun komm aber erst mal rein, sonst erkältest du dich noch und musst Weihnachten im Bett verbringen."

Der Weihnachtsmann nahm Anette bei der Hand und zog sie zu sich ins Haus. Dass er vergaß, die Tür wieder fest abzuschließen, bemerkte er gar nicht. Im Haus roch es nach frischer Farbe und Leim, nach Öl und Sägemehl. In einem Raum, dessen Tür weit offen stand, waren schon ganz viele Pakete aufgestapelt, und auf einem Tisch lagen ganze Stapel von Wunschzetteln. Dann führte der Weihnachtsmann Anette in seine Weihnachtsmannstube und sagte ihr, sie solle sich auf das Sofa setzen. Gleich neben dem Sofa stand ein großer Weihnachtsbaum, an dem ganz viele Kerzen brannten. "Den Baum stelle ich mir schon immer ein paar Wochen vor Weihnachten auf, damit ich in die richtige Stimmung komme," erklärte ihr der Weihnachtsmann. An den Wänden waren ganz viele Bilder von Kindern. "Das sind alles Kinder, die immer besonders brav und lieb waren, schau sie dir nur genau an." Anette musterte die vielen Bilder. Da waren Jungen und Mädchen, alle verschiedener Hautfarbe, Kinder aus der ganzen Welt. Ein Bild kam ihr sehr bekannt vor. Das war bestimmt Mama, als sie noch klein war. Weil Anette sich nicht ganz sicher war, wollte sie den Weihnachtsmann fragen. Der war aber gerade in seiner Küche und kochte für Anette einen großen Topf Kakao und schnitt ein paar Stücke von einem Christstollen ab. Das setzte er alles vor Anette auf den Tisch und fragte dann: " Also was führt dich zu mir? Das muss ja was ganz besonderes sein, denn eigentlich kommen Kinder nie zu mir nach Hause. Nur ich besuche sie immer am Heiligen Abend."

Anette schluckte brav ihren Christstollen herunter, spülte mit einem großen Schluck von dem köstlichen Kakao nach und erzählte dann dem Weihnachtsmann von ihrem Puppenstubenwunsch. "Das weiß ich alles von deinem Wunschzettel. Komm zur Sache, denn ich habe nicht viel Zeit so kurz vor den Feiertagen," unterbrach er sie etwas unwirsch.

Nun kam die Geschichte mit Petra an die Reihe, und Anette vergaß kein einziges Wort, das gefallen war, und keinen einzigen Gedanken, der ihr durch den Kopf gegangen war. Der  Weihnachtsmann hörte ihr geduldig zu, und als sie zum Ende gekommen war, strich er ihr beruhigend über den Kopf und sagte: "Das war klug von dir, direkt zu mir zu kommen. Man muss nicht alles glauben, was die Leute erzählen, und wenn sie Unsinn reden, wendet man sich am besten an Leute, die etwas von der Sache verstehen. Und vor Weihnachten sollen sch die Leute auch nicht streiten, sondern sich gemeinsam auf die Geburt des Christkindes freuen." Anette nickte zustimmend mit dem Kopf und der Weihnachtsmann fuhr fort: "Und was nun deine - " hier biss sich der Weihnachtsmann schnell auf die Zunge und verbesserte sich: "was nun die Puppenstube angeht, so musst du dich einfach bis Weihnachten gedulden. Mal sehen, was sich machen lässt. Ich werde deinen Wunschzettel noch einmal ganz genau studieren."

Diese Worte des Weihnachtsmanns beruhigten Anette sehr. Jetzt konnte sie wieder unbeschwert plaudern, wie es ihre Art war, und so viele Fragen stellen, dass ein weniger geduldiger Mensch als der Weihnachtsmann sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlüge. Aber der Weihnachtsmann beantwortete alle Fragen so gut er konnte und wie es ein kleines Mädchen verstehen kann und ging dann sogar noch mit Anette in seine Werkstatt. Da standen Feuerwehrautos und Kaufläden, Fahrräder und Schlittschuhe und noch viel mehr Dinge, die Kinder sich so zu Weihnachten wünschen, und mittendrin eine  wunderschöne  große Puppenstube, viel schöner als die in Strathmanns Schaufenster. Vor den Fenstern hingen richtige Gardinen, auf dem Wohnzimmertisch stand ein kleiner Blumenstrauß, die Betten hatten buntkarierte Bezüge und der Küchentisch war mit kleinen Tellerchen und Tässchen eingedeckt, grade als ob dort die Puppen gleich zum Frühstück Platz nehmen wollten.

"Darf ich die Tellerchen mal anfassen?" fragte Anette den Weihnachtsmann.

Da schnarrte hinter ihr eine laute Stimme: "Lass da die Finger davon! Du machst alles kaputt! Diese Puppenstube ist nicht für dich!"

Anette drehte sich erschrocken um. Da stand doch tatsächlich ein zweiter Weihnachtsmann, nicht ganz so groß wie der, mit dem sie gerade noch gesprochen hatte, aber auch der hatte einen langen weißen Bart, eine rote Zipfelmütze, einen roten Mantel mit weißem Pelzbesatz und schwarze Stiefel an. Man könnte meinen, sie seien Zwillinge.

hallo

hallo

Anette sah die beiden Weihnachtsmänner an, die sahen sich gegenseitig an, und es war mucksmäuschenstill in der Werkstatt.

"Wer bist du denn? Und wo kommst du her?" herrschte der eine Weihnachtsmann den anderen an.

"Durch die Tür bin ich gekommen, die stand ja auf, und weil ich der Weihnachtsmann bin, bin ich in das Weihnachtsmannhaus gekommen," entgegnete der andere Weihnachtsmann.

"Du bist ein Lügner, aber kein Weihnachtsmann!"

"Natürlich bin ich der richtige Weihnachtsmann und passe auf, dass solche Gören wie diese Anette nicht die Weihnachtsgeschenke anderer lieber Kinder kaputt machen."

Woher wusste dieser andere Weihnachtsmann ihren Namen, wunderte sich Anette.

"Du bist ein Betrüger, nichts anderes. Sag mir doch mal, wie der Weihnachtsmann auf Lappländisch heißt."

"Das ist ein Geheimnis, das verrate ich dir nicht."

"Das kannst du auch gar nicht verraten, weil du es nicht weißt. Sogar diese kleine liebe Anette weiß das aber."

"Ja, das weiß ich," mischte sich Anette ein, "der heißt joulupukki."

"Ach Quatsch, pukkujuli oder kilojukki, das ist doch ganz egal. Hauptsache man ist der Weihnachtsmann."

"Dir erzähle ich was - sich über meinen Namen lustig zu machen!" Und mit diesen Worten gab der eine Weihnachtsmann dem anderen eine schallende Ohrfeige, dass im sogar die Mütze vom Kopf flog und eine große blanke Glatze zum Vorschein kam. Da musste Anette doch lachen.

"Das hast du nicht umsonst getan, jetzt mache ich dich fertig!" schrie der andere Weihnachtsmann und packte seinen Gegner am roten Mantel. Der packte zurück, und so rangen sie miteinander, bis dem glatzköpfigen Weihnachtsmann der Mantel aufsprang und darunter eine grüne Uniform zu sehen war.

"Jetzt weiß ich, wer du bist," rief der richtige Weihnachtsmann, und Anette wusste es auch gleich, als der Weihnachtsmann dem Eindringling den falschen weißen Bart aus dem Gesicht riss: das war Petras Papa, der Polizist Lindemann!!!

"Du solltest dich schämen, Lindemann," schimpfte ihn der Weihnachtsmann aus. "Ein ordentlicher Mensch geht nicht in fremde Häuser und erschreckt auch keine kleinen Mädchen. Ein Polizist schon gar nicht. Der soll ein Freund der Kinder sein, so wie der Weihnachtsmann. Nun verschwinde hier, ich will dich nicht mehr sehen. Die Rechnung für deine Frechheit wirst du am Heiligen Abend erhalten." Mit diesen Worten schob ihn der Weihnachtsmann zur Tür hinaus, rief noch einmal "Lass dich hier nie wieder blicken!" hinterher und Schlingel, der Hund des Weihnachtsmanns, bellte und knurrte auch so lange, bis Lindemann hinter den Bäumen des Waldes verschwunden war, gerade so, wie man immer singt "Schlingel bellt, Schlingel bellt ...".

"Wirst du nun gar nicht zu Lindemanns gehen am Heiligen Abend?" fragte Anette, als die beiden wieder alleine waren.

"Nein, um solche bösen Menschen mache ich einen großen Bogen," bestätigte der Weihnachtsmann.

"Da wird Petra aber traurig sein, wenn du nicht zu ihr kommst. Sie kann doch nichts dafür, dass ihr Papa so böse ist," wandte Anette ein.

"Du hast ein gutes Herz, Anette," freute sich der Weihnachtsmann, "ich werde mir das mit Petra noch mal überlegen, obwohl sie ja zu dir auch nicht gerade freundlich war."

"Ach was," wehrte Anette ab, "wir Kinder im Kindergarten müssen doch zusammenhalten, und am schönsten ist es, wenn wir alle nach Weihnachten erzählen können, worüber wir uns gefreut haben."

"Nun wird es aber Zeit, dass du wieder nach Hause kommst und ein bisschen schläfst, sonst verschläfst du morgen den Kindergarten," mahnte der Weihnachtsmann. Das sah Anette ein. Sie verabschiedete sich vom Weihnachtsmann mit einem dicken Kuss auf die Wange, so dass der richtig ein bisschen rot wurde. Und als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie schon alles vergessen, was sie in der Nacht erlebt hatte. Nur gut, dass es hier aufgeschrieben ist, damit es nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Text © Manfred Wolff, 30.11.2003

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