Danzig


"Mama, wo ist Danzig?"

"Danzig ist weit weg."

"Warst du in Danzig?"

"Nein."

"Kennst du Danzig?"

"Nein."

"Mama, fahren wir nach Danzig?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Danzig ist abgebrannt..."  

Ich war damals etwas über sechs Jahre alt, als dieser Dialog stattfand, und er beendete mit einer traurigen Pointe meine Träume, die mich seit einigen Tagen bewegten. Es waren, wenn ich mich recht erinnere, die ersten Träume, die mir aus dem schwarz auf weiß Gedruckten erwuchsen und so ganz und gar meine Phantasie, meine Sinne und meine Sehnsucht ausfüllten.  

Gerade Danzig? Hätte es nicht näher gelegen, nach dem Hexenhaus zu fragen, in dem Hänsel und Gretel gefangen waren, in das Schlaraffenland zu reisen, wo die gebratenen Tauben in den Mund fliegen (eine verlockende Phantasie im Hungerwinter 1946/47!), oder vom Schloss des gestiefelten Katers zu träumen in einer engen kleinen Wohnung, wo man zur Erledigung der Notdurft zwei Treppen hinunter und über den Hof gehen musste?

Gerade Danzig? Ich habe leider meine Mutter nie gefragt, was sie sich dachte, als ich sie nach Danzig fragte. Es muss ihr wohl seltsam vorgekommen sein, dass ihr sechsjähriges Kind nach einer Stadt fragte, die sie auch nur vom Hörensagen kannte, und auch obendrein auch noch dahin wollte. Sie selbst ist bis dahin nie recht aus der Kleinstadt Schöningen bei Braunschweig, in der ich aufwuchs, herausgekommen, und es hat sie vielleicht erschreckt oder misstrauisch gemacht, was da im Kopf ihres Kindes vorging. Und das alle weiteren Mutmaßungen und Wünsche abschneidende Argument "Danzig ist abgebrannt" hatte nicht nur den Vorzug, wahr zu sein, was bei Gesprächen mit Kindern leider nicht immer der Fall ist, es bewahrte sie auch vor weiteren Fragen, auf die sie vielleicht keine wahren Antworten wusste.

"Danzig ist abgebrannt." - Darunter konnte ich mir durchaus etwas vorstellen. Zwar war unsere kleine Stadt vom Krieg völlig verschont geblieben, aber ich war in Braunschweig und Wolfenbüttel und hatte die rauchenden Ruinen nach einem Bombenangriff wahrgenommen, die bizarren Skelette der ausgebrannten Häuser mit Unverständnis bewundert. So also sah jetzt Danzig aus, und das erfüllte mich mit tiefer Trauer.

Denn gerade erst hatte ich gelernt, dass Danzig der schönste und geheimnisvollste, der prächtigste und wunderbarste Ort war, den ich mir denken konnte.

In dem Haus, in dem ich mit meinen Eltern wohnte, war gegen Ende des Krieges auch eine ältere Lehrerin untergekommen, die in Magdeburg ausgebombt war. Diese Dame - Fräulein Amendt hieß sie - beschäftigte sich sehr viel mit mir, nicht nur aus beruflicher Gewohnheit, sondern auch aus wahrhaftiger Zuwendung zu Kindern, und ich war das Einzige Kind im Haus. Sie erzählte mir Geschichten, an die ich mich leider nicht mehr erinnern kann, und als mein Drang nach immer mehr Neuigkeiten über immer mehr fremde und seltsame Leute wuchs und wuchs, wurde es ihr wohl selbst zu viel, und sie brachte mir das Lesen bei. Sollte ich mich doch selbst mit den Geschichten versorgen, von denen ich nicht genug kriegen konnte.

 

Clara Nast: Unseres Ännchens Schuljahre

 

Anscheinend begriff ich sehr schnell, wie aus den schwarzen Zeichen auf dem weißen Papier Laute empor klangen, sich zu Wörtern zusammenfügten und Begriffe schufen, aus denen wiederum Bilder, Panoramen und ganze Welten erblühten, denn ich war gerade sechs Jahre alt und hatte mir schon den Ehrentitel einer Leseratte verdient. Leider gab es in unserer Familie nicht viele Bücher, schon gar nicht solche, die für Kinder geeignet waren. So war es ein wahrer Glücksfall, dass eines Tages auf dem Dachboden gleich drei solcher Exemplare entdeckt wurden, die man der Leseratte zum Fraß vorwerfen konnte. Unter pädagogischen Aspekten waren ach die nicht sonderlich geeignet, einen sechsjährigen Jungen zu unterhalten, aber sie waren doch besser als "Die Mutter" von Maxim Gorki oder "Menschen im Hotel" von Vicky Baum oder die politischen Traktate, die mein Vater von den Gewerkschaftsversammlungen mit nach Hause brachte. Also setzte man sie mir vor, und ich begann sie mit dem Eifer eines neu in die Kunst (des Lesens) eingeweihten zu verschlingen.

Diese drei Bücher, dich ich heute noch besitze, stammten von einer Autorin - Clara Nast - und erzählten unter den Titeln "Ännchens Kinderjahre", "Ännchens Schuljahre" und "Wie es unserem Ännchen erging" die Geschichte eines kleinen Mädchens vom Vorschulalter bis zur Vermählung mit all den Irrungen und Wirrungen, die solcher Art Literatur anscheinend gesetzmäßig anhaftet. Also wirklich kein Buch für kleine Jungen!  

 

Clara Nast: Wie es unserem Ännchen erging

 

Die Geschichten spielten in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, überwiegend in einem kleinen Ort nahe der Grenze, Eydtkuhnen glaube ich, dass ja damals in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland lag. Die Verhältnisse dort entsprachen so ziemlich dem Muster der Kleinstadt, in der auch ich lebte, und so beeindruckten sie mich nicht besonders. Auch die Verliebtheiten des Mädchens Ännchen ließen mich kalt, perlten ab an meinem Unverständnis. Allein ihre Abenteuer in der Kindheit mit bösen Buben erregten meine Anteilnahme, aber gegen die Absicht der Autorin nahm ich begeistert Partei für die Jungen, die sie hänselten und neckten: Mädchen sind nun mal für Jungen bis zum 15. Lebensjahr einfach doof.

Ich hatte also nichts verstanden, könnte man sagen, das Lesen war ein ziemlich mechanischer, nur begrenzt unterhaltsamer Prozess, wenn dieses Mädchen nicht eine Großmutter gehabt hätte und diese Großmutter nicht in Danzig gewohnt hätte. Einmal in jedem Band wurde Ännchen auf Reisen geschickt, um die Großmutter zu besuchen, und ich begleitete sie in die wunderbare Welt der Hansestadt an der Mottlau und erlebte mit ihr eine wirkliche Alternative zum kleinstädtischen Alltag.

Ich folgte Ännchen, wie sie an der Hand ihres Onkel Hans die Stufen des Beischlags hinaufkletterte, den dunklen Hausflur betrat, der von einem Fenster beleuchtet war, das überlebensgroß den Heiligen Christophorus zeigte, wie er das Jesuskind trägt, sich über die großen schwarzen Möbel wunderte und schließlich im ersten Stock der Oma gegenübertrat, die wie eben eine wirkliche Patriarchin einer hanseatischen Kaufmannsfamilie in einem hohen Stuhl am Fenster thronte.

Ich schlenderte mit ihr durch die Straßen und Gassen: auf dem Königsweg vom Goldenen zum Grünen Tor über den Langen Markt, bewunderte die alten Häuser mit den kunstvoll verzierten Giebeln, bestaunte den Wald der Schiffsmasten an der Mottlau, stieg dann mit ihr die Frauengasse hinauf zur riesigen Marienkirche und betrat, immer dem kleinen Mädchen neugierig folgend, die große kühle Halle dieses Backsteinfelsens mitten in der Stadt, die ich schon vorher mit ihr bei der Anreise wie eine große Glucke wahrgenommen hatte, die ihre Küken behütet.

Ausflüge führten mich nach Oliva, wo ich von der Flüstergrotte im Park ebenso in Bann geschlagen wurde ( wie ist so etwas möglich?) und hinter das Geheimnis der beweglichen Posaunenengel auf der Orgel des Doms zu gelangen suchte. In Zoppot schließlich spazierte ich auf der Mole über dem Meer und sah die elegant gekleideten Badegäste.

Nicht nur die Bauwerke und Straßen waren rätselhaft und auf wunderbare Weise so ganz anders als alles,  was ich bis dahin gesehen hatte. Auch die Menschen, die dort lebten, entsprachen so gar nicht denen, die ich im Kreis der Familie oder in unserer kleinen Stadt traf. Die alten Frauen dort waren entweder gutmütige Omas, so wie meine beiden, oder kleinliche, ja zänkische Alte, die mit Kindern nichts im Sinn hatten. Dagegen Ännchens Großmutter: eine würdevolle Greisin, der man sich nur ehrfurchtsvoll nähern konnte, regierte sie doch über ein Haus, dessen Kontakte bis in ferne Welten reichten, und deren Zuwendung wie ein kostbares Geschenk zu empfangen war, erschien es doch nicht weniger herzlich als eben von einer richtigen Oma. Von einer bereits verstorbenen Verwandten war die Rede: einer wunderschönen Polin, die mit ihrer fröhlichen und lebensfrohen Art den strengen Rahmen des Kaufmannshauses sprengte, was nicht ohne tadelnden Unterton berichtet wurde. Im Dachgeschoss lebte die Witwe eines verunglückten Mitarbeiters der großmütterlichen Firma mit ihrem Sohn, und im Haus wirkte eine Dienstbotin aus der Kaschubei, wo immer dieses fremde Land liegen mochte.

Das alles ist, wusste ich beim Lesen, Danzig, eine exotische Welt für ein Kind aus der Kleinstadt, wie es sie auch für dieses Ännchen ist, ein Ort, nach dem man sich sehnen kann, der die Erfüllung aller geheimen Wünsche verspricht, nicht in irgendeiner Traumwelt des Märchens, sondern wirklich mit wirklichen Menschen und wirklichen Gebäuden, keine Kulisse für Traumfiguren.

 "Danzig ist abgebrannt."

Das alles war, wusste ich nun aus diesem einen Satz meiner Mutter, Danzig, nun doch nur noch eine Traumkulisse mit nicht mehr wirklichen Personen, eine versunkene Stadt, wie Vineta nicht vom Wasser, aber vom Feuer verschlungen, kein Ziel der Sehnsucht mehr, kein Ort wo sich die Wünsche eines Kleinstädters erfüllen. Ich verbarg mein kindliches Bild von Danzig irgendwo in den Tiefen meines Bewusstseins und richtete mit der Zeit meine Träume und Sehnsüchte nach anderen Zielen: nach Winnetou und seinen indianischen Freunden, nach Livingstone im dunklen Afrika, nach mittelalterlichen Rittern und neuzeitlichen Detektiven, die Gangster jagen, wie es ja für einen heranwachsenden Jungen auch viel angemessener ist, als auf den Spuren eines kleinen Mädchens zu wandeln.

Aber so tief das Bild von Danzig auch vergraben gewesen sein mag: wann immer der Name der Stadt fiel, fiel auch ein Lichtstrahl auf dieses Bild und ließ es wieder aufleuchten, nährte ein wenig die verschüttete Sehnsucht, speiste die Neugier, weckte die Anteilnahme. Es war nicht viel, was ich danach von Danzig hörte, und schon gar nicht viel Erfreuliches. Fast nichts passte zu meinem Danzig. Der Beginn des Krieges auf der Westerplatte, das Schicksal der Vertriebenen aus dieser Stadt, die Vorwürfe des Kalten Krieges gegen die räuberischen Polen legten eher graue Schleier auf mein Danzigbild. Die in Schulbüchern und Zeitungen abgebildeten Photos zeigten meist immer wieder die Silhouette des Krantores, wie ein drohend, warnend erhobener Zeigefinger in den grauen Himmel ragend. Auch das Danzig von Günter Grass, das eher das kleinbürgerliche Langfuhr als die stolze Hansestadt war, tröstete nur wenig über diesen Verlust aus der Kindheit hinweg. Da waren die Schopenhauers schon aus anderem Holz geschnitzt, die in hanseatisch-polnisch-republikanischem Stolz die Stadt verließen, als sie preußisch werden sollte.

Anfang der siebziger Jahre änderte sich dann das Bild Danzigs im Bild der Welt, wie  es in der Bundesrepublik veröffentlicht wurde. Nun wechselten die Bilder vom rekonstruierten Danzig mit den Bildern des Danzig unmittelbar nach dem Krieg. Da gingen wieder Leute über den Langen Markt, der jetzt Dlugi Targ hieß, zwischen den steil aufragenden Giebeln und durch die Frauengasse, die jetzt Mariacka hieß, zwischen den Beischlägen. Und die Marienkirche thronte wieder über der Stadt, ihre Bewohner beschützend und behütend.  

Altes Stadtbild von Danzig mit dem Krantor an der Mottlau

Sicher, die Bewohner waren keine hanseatischen Kaufleute mehr, die Namen, die jetzt aus Danzig erwähnt wurden, hatten nicht mehr den niederdeutschen oder niederländischen Anklang, aber die Leute, die jetzt hier wohnten, schienen den stolzen und freiheitsliebenden Wesenszug der Stadt mit ihrer Ansiedlung in sich aufgenommen zu haben. Der Aufstand der Werftarbeiter 1970 und die Solidarnosc-Bewegung 1980 schienen mir so einzigartig zu Danzig zu passen wie zu keiner anderen Stadt. Gab es nicht eine direkte Linie von diesen Werftarbeitern zu den Bürgern zurück, die nicht preußisch werden wollten? Danzig war wieder ein Ort der Hoffnung und Sehnsucht geworden.

Und im indirekten Zusammenhang damit nahm auch in meiner Biographie die Geschichte von Ännchen wieder ihren Faden auf. Wie dieses Mädchen durch Heirat schließlich Bürgerin von Danzig wurde, so kam auch ich durch Heirat nach Polen und schließlich zur Verwandtschaft in Danzig.

Was würde das für eine Begegnung mit dieser Stadt sein? Stand mir eine Enttäuschung bevor? Würden meine Träume, seit vierzig Jahren verwahrt wie ein kostbarer Schatz, zerplatzen wie eine Seifenblase? Würde es nur ein Besuch in noch einer fremden Stadt wie schon so viele vorher?

Es wurde ein Erlebnis, wie ich es vorher schon einmal hatte, als ich zum ersten Mal Jerusalem besuchte. Auch das eine Stadt, von der man tausendmal gehört hat, an der Geschichten haften von tiefer seelischer Bewegkraft wie an keiner zweiten, Geschichten und Bilder, die 2000 Jahre alt sind und mit der heutigen Wirklichkeit eigentlich nichts mehr gemein haben. Und dennoch vom ersten Augenblick an dieselbe Vertrautheit mit jedem Schritt, als kehre man in seinen alten Heimatort zurück, hinter jeder Ecke das Erwachen eines prägenden Erlebnisses, nicht überdeckt, sondern unterstrichen von dem verfremdenden lebhaften Treiben der Gegenwart.

Danzig ist nicht Jerusalem. Aber auch hier schien mir jeder Schritt vertraut, meinte ich ihn schon tausendmal gegangen zu sein. Die Silhouetten der Häuser schienen mich wie einen alten Bekannten zu begrüßen, die Türme der Kirchen mich von einer Straße zur anderen zu begleiten, die Skulpturen an den Häusern mir zuzuzwinkern und die große dicke Marienkirche freundlich tadelnd zu sagen "Da bist du ja endlich." Hatte ich nicht schon immer auf diesem Beischlag in der Dämmerung gesessen? War ich nicht schon oft durch das Krantor gegangen und hatte die Arbeit der Sträflinge in den Laufrädern mit Schauder angesehen? Hatte ich nicht so ganz beiläufig in die Mottlau gespuckt, der Weite des Wassers trotzend? Wo war doch gleich das Loch im Zaun, durch das zu springen Weltgeschichte bedeuten sollte? Ist es nicht merkwürdig, dass mich den Besucher aus einem anderen Land - und erst einmal auch aus einer anderen Zeit! - Leute nach dem Weg fragen, und ich kann sie nicht verstehen?

Vielleicht ist das alles gar nicht so merkwürdig. Vielleicht ist es nur wie mit dem Entlein, dass jedem gelben Gummistiefel nachläuft, nur weil der erste Mensch, den es sah, als es aus dem Ei schlüpfte, eben gelbe Gummistiefel trug. Frühkindliche Prägung nennen das wohl die Verhaltensforscher. Sei es drum - was konnte mir besseres passieren, als gerade auf Danzig geprägt zu sein, nur weil gerade kein anderes Buch für die kleine Leseratte zur Verfügung stand als jene Geschichten vom Ännchen und ihren Reisen nach Danzig. Vielleicht wäre es im anderen Fall so ein Wolkenkuckucksheim geworden, das ein pädagogisch bemühter Autor sich in seiner pseudokindlichen Phantasie ausgedacht hätte, für mich immer unerreichbar und deshalb letztlich enttäuschend.

Jetzt weiß ich: auch ein Traum kann wahr werden. Danzig ist nicht mehr abgebrannt. Und der Traum hat eine Verlängerung bekommen: nicht nur Danzig zu sehen, sondern in Danzig zu wohnen.

Text ©  Manfred Wolff,1999

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