Anette bei der Eiskönigin

Weihnachten war nun schon ein paar Wochen vorbei, aber Anette musste noch immer daran denken. Der Tannenbaum in der guten Stube hatte so gut geduftet, war so bunt behängt mit ganz vielen Kugeln in allen Farben, und in denen spiegelten sich die Kerzen, die das ganze Zimmer in ein wunderbares Licht tauchten. 16 Kerzen waren es, Anette hatte sie immer wieder gezählt, denn so weit konnte sie schon zählen.

Sie hatte mit der Mutter am Tannenbaum gesessen, nachdem das Christkind mit dem Schmücken fertig war und sie endlich auch in das Weihnachtszimmer durfte, wo die Mutter dem Christkind schon tüchtig zur Hand gegangen war. Sie hatten gemeinsam die schönen Lieder gesungen, die sie in der Vorweihnachtszeit am Adventskranz geübt hatten, und Anette wiederholte immer wieder das Gedicht, das sie für den Weihnachtsmann auswendig gelernt hatte.

Und dann kam der Weihnachtsmann! Er war soo lieb zu Anette, und sie war richtig traurig, als er sich wieder verabschiedete, weil er ja noch andere Kinder besuchen musste. Am liebsten hätte sie es gehabt, wenn er einfach dageblieben wäre, denn sie war richtig in den Weihnachtsmann verliebt und hätte nur zu gern von ihm ihre Gutenachtgeschichte gehört und wäre auch nur zu gern am nächsten Morgen von ihm geweckt worden.

Dass an Weihnachten gar kein Schnee lag, wie das immer in den Bilderbüchern zu sehen war, hatte sie nicht gestört, doch als dann im neuen Jahr doch noch eines Morgens die ganze Welt unter einer dicken weißen Decke lag, die gerade so aussah wie Anettes Bettdecke und aus der die grünen Buchsbaumsträucher im Garten herausschauten wie der Teddybär aus ihrem Bettchen, da freute sich Anette doch mächtig. Nun konnte sie wieder Schlitten fahren, einen Schneemann bauen mit einer roten Mohrrübennase, und alles war wie in den Bilderbüchern mit den Weihnachtsgeschichten. Nur der Weihnachtsmann würde wohl nicht mehr kommen.

Bitterkalt war es auch geworden. Am Morgen war das Fenster im Schlafzimmer mit dicken Eisblumen bedeckt. Da erhoben sich Zweige mit feinen Blättern, Blütenrispen stachen aus dem Blätterwald hervor, weiße Gräser wogten, und kleine silberne Wölkchen schwebten darüber hin. Was sich wohl hinter diesem Urwald verbirgt, fragte sich Anette, als sie mit verschlafenen Augen das Wunder betrachtete. Vielleicht könnte sie es ja besser erkennen, wenn sie die Augen zukniff ... Bewegte sich da nicht etwas?

Eine Hand schlug die Zweige auseinander, und eine wunderschöne Frau lächelte ihr zu. Sie war fast so schön wie Mama. Und während Anette sich noch fragte, ob sie die Frau kannte, rief die ihr zu: "Hallo, Anette. Schön, dass du zu mir kommen willst." Eigentlich wollte sie doch gar nicht irgendwohin gehen, und eigentlich durfte sie auch nicht mit anderen Leuten mitgehen, aber sie war doch neugierig. "Na gut. Ich komme mal. Aber zum Frühstück muss ich wieder hier sein, sonst wird Mama böse. Wer bist du denn?"

"Du kennst mich nicht?" antwortete die Frau, "ich bin die Eiskönigin und möchte dir meinen Palast zeigen." Mit diesen Worten nahm sie Anette bei der Hand und führte sie durch den Eisblumendschungel. Der Weg war spiegelblank und eisglatt, und Anette schlitterte ausgelassen neben der Eiskönigin her. "Das ist toll! Bei uns auf der Straße streuen sie immer gleich, wenn  es mal schön glatt ist." - "Ja, so sind die Menschen: wenn sie jung sind, schlittern sie. Die Alten streuen Sand und Asche. Das ist bei mir streng verboten."

Und dann standen sie vor dem Palast. Silbern erhob er sich fast bis in den Himmel. Mächtige Säulen aus Eiszapfen schmückten das Portal, aus den Fenstern strahlte ein geheimnisvolles bläuliches Licht, und die Dächer waren dick mit Schnee bedeckt. Das große Tor öffnete sich von allein. Sie traten ein und standen in einem großen Saal, von dem nach allen Seiten weite Flure abgingen. Alle Wände waren aus großen Eiswürfeln gebaut und mit einer glitzernden Tapete von Raureif verkleidet. Ein eisiger Hauch zog durch den Saal. Es war ganz still, so dass die Worte der Eiskönigin, die doch ganz leise mit Anette sprach, lange nachhallten: "Das also ist mein Reich. Sieh dich um, schau dir alles genau an. Wenn es dir gefällt, kannst du alles haben und meine Eisprinzessin werden."

Das wollte Anette wohl gefallen: tagaus tagein schlittern, vielleicht sogar auf richtigen Schlittschuhen wie die Eisprinzessinnen im Fernsehen mit ihren schönen bunten Kleidchen. "Was ist das dort drüben?" fragte sie die Eiskönigin und zeigte auf einen großen Saal, aus dem fortwährend große bunte Kugeln hervorrollten, gelbe, rosa, braune, grüne. "Das ist meine Eisdiele. Dort wohnen die drei Eisheiligen - Langnese, Schoeller und Dr.Oetker. Das ganze Jahr machen sie Vanilleeis, Schokoladeneis, Pistazieneis, Himbeereis. Das essen hier alle am liebsten. Das ganze Jahr. Von früh bis spät." Und wie zur Bestätigung sang die Eiskönigin dazu "Himbeereis zum Frühstück ..." - "Darf ich auch davon essen?" – „Aber sicher doch! Iss soviel du magst." Das musste sie Anette nicht zweimal sagen. Genüsslich schleckerte sie von allem und nahm sich auch noch ein großes Eis am Stiel mit auf den weiteren Weg.

In einer Ecke standen ein paar Mädchen zusammen. Sie trugen kurze Kleidchen wie Eisprinzessinnen, aber die waren schon recht alt und verschlissen, und die Mädchen sagten immerzu "Autsch!". "Was machen die?" wollte Anette wissen. "Das sind Mädchen, die die Prüfung zur Eisprinzessin nicht bestanden haben. Jetzt drücken sie sich gegenseitig Eispickel aus." Das gefiel Anette gar nicht.

Auf einmal hüpfte ein kleines rotes Männchen vor ihnen über das spiegelglatte Eis und schlug Purzelbäume und machte die komischsten Kapriolen. "Du bist aber lustig," lachte Anette, "wer bist du denn?" - "Ich bin der Eisprung," kicherte das rote Männchen. Aber schon im nächsten Moment zischte es die Eiskönigin an: "Hau ab! Hier ist nicht dein Platz, du gehörst in das Märchen von Knaus und Ogino!" und mit einem scharfen Eissturmhauch pustete sie den kleinen Kerl aus dem Weg und weiter aus einem der offenstehenden Fenster.

"Und dies ist mein ganzer Stolz und mein liebstes Spielzeug," erklärte die Eiskönigin, als sie Anette durch eine schmale Tür schob. Vor ihnen lag ein großes Eisstadion, und die Eiskönigin forderte Anette auf, in der  großen VIP-Loge Platz zu nehmen, wo ihnen auch gleich zwei Pinguine einen Eisshake servierten.  "Am Abend tanzen hier immer meine Eisprinzessinnen zur Musik von Kurt Eisler. Aber noch besser sind die Eishockeyspiele. Die Mannschaft mit meinem Bild auf dem Trikot spielt wunderbar und gewinnt immer, egal wie sehr sich die anderen auch anstrengen. Sie sind wahre Meister und ich schenke ihnen nach jedem Spiel einen großen Pokal aus silbrigem Eis." Das fand Anette nun sehr ungerecht, und sie beschloss, der anderen Mannschaft, die einen bunten Indianerkopf auf dem Trikot hatte, künftig immer fest den Daumen zu drücken. Vielleicht würden sie ja dann auch wenigstens einmal gewinnen ... Sonst ging es wie bei einem richtigen Eishockeyspiel zu. Auf den Tribünen saßen die Eisbären und pfiffen und grölten, und wenn sie unzufrieden waren, warfen sie Eisbomben auf die Eisfläche.

Aus einer Nische des großen Saals stiegen große Dampfwolken auf. Davor saßen drei Männer an einem Tisch mit Messer und Gabel in der Hand. "Das," machte die Eiskönigin Anette auf die drei aufmerksam, " sind drei Männer aus Eisleben. Sie wollen Polarforscher werden, deshalb habe ich sie zu mir eingeladen, damit sie schon mal mit dem Forschen anfangen können, indem sie tagaus tagein Eisbein essen."

Je weiter sie kamen, desto seltsamere Leute trafen sie. Da gingen welche mit einem Eisbeutel auf dem Kopf herum, in einem Liegestuhl lag eine Frau, in eine Eisdecke gehüllt, und da drüben tanzte doch tatsächlich ein Esel auf dem Eis.

Als Anette und die Eiskönigin auf eine Terrasse hinaustraten, tat sich vor ihnen der Blick in eine weite weiße Landschaft auf. Hohe Eisberge begrenzten am Horizont ein weites Tal, das bis ans Eismeer reichte. An dessen Ufer saß vor einem Eisloch ein Mann, der Eisschollen angelte. Eisvögel flatterten hin und her, und auf den Blüten eines Eisbegonienfeldes saßen Eisfalter, die eisigen Nektar sogen.

"Na, gefällt dir das alles?" fragte die Eiskönigin.

"Ja, es ist alles wunderschön und sehr lustig," antwortete Anette, "aber ich bin schon ganz durchgefroren. Und Bauchschmerzen habe ich auch von dem vielen Schokoladeneis. Und ich muss wieder nach Hause, damit Mama nicht merkt, dass ich heimlich weggelaufen bin."

"Nach Hause?" Die Eiskönigin war empört. "Das könnte dir so passen. Da würdest du dann allen erzählen, was du hier gesehen hast, und mein schönes Eiskönigreich würde von neugierigen Besuchern überlaufen. Nein, das schlag dir mal aus dem Kopf. Du bleibst jetzt für immer hier. Am Nachmittag beginnt für dich die Eisprinzessinnenschule."

So hatte sich Anette das aber nicht gedacht. Wie sollte sie aber wieder hier herauskommen? Sie kannte die Wege nicht, alles sah gleich eisgrau und eisblau aus. Oh weh! Gegen diese mächtige Eiskönigin konnte ihr nur einer helfen: der Weihnachtsmann. Der wohnt doch am Nordpol, und das kann gar nicht so weit von hier sein, schloss sie messerscharf. Wenn sie den riefe, würde er es sicher hören und ihr zur Hilfe kommen.

"Weeeiiiihnachtsmaaaaaaaaan!" rief sie ganz laut, "hiiilf miiiir! bring mich nach Haauuuuseee!"

"Der alte Mann wird dir nicht helfen," sagte die Eiskönigin schnippisch, "der verpennt doch das ganze Jahr oder bastelt in seiner Werkstatt an Puppenstuben und Feuerwehrautos."

Da hatte sich die Eiskönigin aber geirrt! Schon hörte man von fern ein leises Glöckchenläuten, das immer näher kam. Schon konnte  man den Schlitten mit den Rentieren davor erkennen (der Weihnachtsmann hatte nämlich doppelt gespannt, weil es schnell gehen musste!), und als er bei Anette ankam, zog der Weihnachtsmann sie in seinen Schlitten und unter das dicke Eisbärenfell, das er sich über die Knie gelegt hatte. Er rief Hüh!, die Rentiere rannten los, der Schlitten hob sich in die Lüfte.

"Hierbleiben! Hierbleiben!" schrie die Eiskönigin, aber das war bald gar nicht mehr zu hören.

"Anettchen, Anettchen," brummelte der Weihnachtsmann, "du bist so ein liebes Mädchen. Aber immer wieder machst du Kapriolen, ich muss sehr auf dich aufpassen." Und weil er wusste, dass sich die Menschen kaum ändern, fügte er hinzu: "Ich glaube, dein ganzes Leben muss ich um dich sein und auf dich aufpassen..."

Zuhause angekommen legte er Anette, die unter dem warmen Eisbärenfell gleich eingeschlafen war, in ihr Bettchen. Als er sie gut zudecken wollte, kam aber schon die Mama herein, um Anette zu wecken. Da verschwand der Weihnachtsmann ganz schnell wieder, um Anette nicht zu verraten oder sogar peinliche Fragen beantworten zu müssen, warum er mitten im Januar da war und wo er herkam.

So musste sich Anettes Mama einen Reim darauf machen, was sie sah. "Du hast dich ja wieder ganz bloß gestrampelt und bist jetzt durchgefroren," sagte sie zu Anette, die sich die Augen rieb. "Du wirst dich noch richtig erkälten. Wir haben Frost. Sieh mal die schönen Eisblumen am Fenster." - "Wenn die wüsste ..." dachte Anette, "wenn die wüsste..." und dabei lief es ihr richtig kalt über den Rücken.

Text © Manfred Wolff, 2003

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