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Die
Würde des Menschen ist unantastbar Von Manfred Wolff Als die deutschen Truppen im September 1939 Warschau besetzt hatten, ordneten die ihnen unmittelbar folgenden Gestapostellen sofort eine Zählung der Juden in der Stadt an. Zweck
dieser Maßnahme sollte es sein, ein Ghetto, das heißt einen ausschließlich
den Juden zugewiesenen Wohnbezirk zu schaffen. Doch
eine entsprechende Anordnung der deutschen Verwaltung vom September 1939
konnte so nicht verwirklicht werden, denn die Stadt Warschau war mit Flüchtlingen
überfüllt, darüber hinaus mussten zahlreiche Polen, die in den
entsprechenden Stadtteilen wohnten, umgesiedelt werden. Erst
im Spätherbst 1940 konnte der Plan der Nazis verwirklicht werden. Die
Zufahrten zum jüdischen Wohnbezirk wurden geschlossen, die Juden
durften das Ghetto nicht mehr verlassen. Im
Sommer 1941 wurde rund um das Ghetto eine 14 km lange und drei Meter
hohe Mauer errichtet, deren Krone mit Glasscherben bewehrt war, damit
sie unüberwindbar wurde. Über
450.000 Menschen wurden in einem Stadtteil Warschaus eingesperrt, in dem
vor dem Krieg 160.000 Menschen wohnten. Zu
dem Stadtteil gehörte kein Park, es gab keinen Zugang zur Weichsel. Im
Ghetto herrschte unbeschreibliches Elend. Die
Leute waren zusammengepfercht, 8 - 10 Personen teilten sich ein Zimmer. Die
meisten Bewohner waren arbeitslos und verfügten über kein Einkommen. Ersparnisse
waren schnell verbraucht. Die
Kinder durften nicht in die Schule gehen, denn das hielten die Nazis für
zu gefährlich. Das
gleiche galt übrigens auch für die polnische Bevölkerung außerhalb
des Ghettos. Die
Menschen in den eroberten Gebieten sollten nach den Plänen der
Deutschen lediglich Arbeitstiere sein, die den Herrenmenschen zu
Diensten sein sollten. Zu
ihrer Belustigung dachten sich die Besatzer zahlreiche entwürdigende
Schikanen aus. Wenn
ein Jude einem Deutschen begegnete, musste er vor ihm die Kopfbedeckung
abnehmen. Dem
religiösen Juden ist es aber untersagt, ohne Kopfbedeckung zu sein. Ihm
ist es auch untersagt, sich den Bart scheren zu lassen. Deshalb
machten sich die Soldaten einen Spaß daraus, ihnen mit Schneiderscheren
den Bart abzuschneiden. Am
Übergang vom großen zum kleinen Ghetto griffen sich die Posten wahllos
Leute aus der Menge und zwangen sie, bis zur Erschöpfung zu tanzen oder
Kniebeugen zu machen. Die
unerträgliche Enge und die mangelhafte Versorgung der Menschen mit
Lebensmitteln sowie die katastrophalen hygienischen Bedingungen machten
das Ghetto bald zu einer Brutstätte für ansteckende Krankheiten. Im
Laufe des Sommers 1941 raffte eine Flecktyphus-Epidemie über 50.000
Menschen hinweg. Sie
wurden in Massengräbern auf einem früheren Fußballplatz beerdigt. Der
deutsche Gouverneur des Distrikts Warschau Dr. Ludwig Fischer sah darin
die Gelegenheit, die jüdische Frage auf dem Friedhof zu erledigen. Am
22. Juli 1942 begann die Liquidierung des Ghettos: Täglich wurden 6.000
Menschen am Umschlagplatz in Güterwagen gesperrt und zur Vernichtung
nach Treblinka gebracht. Am
5. August 1942 ging der große Pädagoge Janusz Korczak mit seinen
Kindern des jüdischen Waisenhauses diesen schweren Gang. Im
Oktober 1942 wurden die Deportationen unterbrochen. Bis
zu diesem Zeitpunkt hatten die deutschen Besatzer über 300.000
Ghettobewohner „umgesiedelt“, wie es offiziell hieß. In
Wirklichkeit bedeutete es, dass sie alle in dem von der SS errichteten
Vernichtungslager Treblinka, 75 km nordöstlich von Warschau gelegen,
ermordet worden waren. Im
Ghetto war das Schicksal der Deportierten bekannt geworden. Man
wusste, dass den Juden des Ghettos der sichere Tod bevorstand. Einige
glaubten sich retten zu können, wenn sie in den Fabriken, die deutsche
Unternehmen im Ghetto eingerichtet hatten, für ein Stück Brot und eine
Wassersuppe arbeiteten. Sie
sollten sich täuschen. Junge
Leute aus der im Herbst 1942 gegründeten żydowska
Organizacja Bojowa (Jüdische Kampforganisation), deren Kommandant
Mordechaj Anielewicz war, entschieden sich, nicht kampflos in den Tod zu
gehen. Sie
verfügten nur über wenige Gewehre und Pistolen. Sie
hatten sich Molotow-Cocktails gebaut. Als
im Januar 1943 die Deportationen wieder aufgenommen werden sollten,
leisteten die Juden am Umschlagplatz zum ersten Mal Widerstand: zwei
SS-Leute wurden erschossen. Die
Aktion wurde abgebrochen. Die
Planung der Deutschen sah vor, die endgültige Liquidierung des Ghettos
zum 20. April durchzuführen, quasi als Geburtstagsgeschenk für Adolf
Hitler. Am
18. April begann die Konzentration der Truppen rund um das Ghetto. Am
19. April wurden die deutschen Truppen in den Straßen des Ghettos mit
Gewehrfeuer und Brandsätzen angegriffen und mussten sich zurückziehen. Der
Aufstand des Ghettos hatte begonnen, am Abend des Pessachfestes, an dem
die Juden der Befreiung von der Sklaverei in Ägypten gedenken. Auf
der deutschen Seite übernahm Jürgen Stroop das Kommando. Es
begann die systematische Zerstörung des Ghettos, Haus für Haus wurde
niedergebrannt. Die
Einwohner starben in den Häusern. Wenn
sie sich vor den Flammen durch einen Sturz aus dem Fenster retten
wollten, schossen die deutschen Soldaten auf die Stürzenden. Die
lebend in die Hände der Deutschen fielen, wurden in der Zamenhof-Straße
erschossen. Am
8. Mai entdeckten die Deutschen den Bunker, in dem sich das
Hauptquartier der Aufständischen befand. Sie
griffen den Bunker mit Gas an: Um nicht in die Hände der Deutschen zu
fallen nahmen, sich die dort versteckten 120 Menschen, fast der ganze
Stab der Jüdischen Kampforganisation, zusammen mit ihrem Kommandanten,
dem 24-jährigen Mordechai Anielewicz, das Leben. Symbolisch
ließ SS-Gruppenführer
Stroop die Synagoge in der Tłomackie-Straße sprengen und
meldete an seine Vorgesetzten: „Das
ehemalige jüdische Wohnviertel besteht nicht mehr… Gesamtzahl
der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt
56.065.“ Nur
wenige der Kämpfer des Ghettos konnten durch die Kanalisation
entkommen. Einer von ihnen war Marek Edelman, der heute noch in Lodz
lebt.
„Einmal
sah ich auf der Żelazna
einen Menschenauflauf. Alles
drängte sich um ein Fass, ein normales hölzernes Fass. Darauf
stand ein Jude, ein alter kleiner Jude mit einem langen Bart. Bei
ihm waren zwei deutsche Offiziere. Zwei schöne stattliche Männer neben
dem kleinen krummen Juden. Und
diese Deutschen schnitten mit einer Schneiderschere ihm den Bart ab, Stück
für Stück. Sie schüttelten sich dabei aus vor Lachen… Damals
begriff ich das Allerwichtigste: Man darf sich nicht auf solch ein Fass
zwingen lassen. Niemals. Von
niemandem. Verstehst
du? Alles, was ich später getan habe, habe ich nur getan, um das zu
verhindern.“
Er
drückt damit aus, was wohl alle bewegte, die im Widerstand gegen die
Nazityrannei ihr Leben in die Waagschale geworfen haben. Es
war ein Kampf um die Menschenwürde, den die Widerstandskämpfer führten,
und eine Vernichtungsaktion gegen die Menschenwürde, die die Nazis führten. So
wie die Nazis und die Deutschen, die ihnen folgten, den Menschen
verachteten, ihn auf alle nur erdenkliche Weise zu erniedrigen suchten,
mit Vernichtung und Zerstörung die Menschen in ihrer unveräußerlichen
Würde zu treffen suchten, so war es der Glaube an den Menschen, für
den sich die Träger des Widerstands in die Pflicht genommen wussten. Diesen
Glauben an den Menschen hat Israel in die Geschichte eingebracht, und
deshalb war das jüdische Volk zu allen Zeiten ein Ärgernis für die Mächtigen
und Möchtegern-Mächtigen. Die
Gewissheit, dass alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind,
erhebt die Würde des Menschen zum Prinzip des Menschentums schlechthin. Alle
Menschen sind mit dieser Würde ausgestattet. Nicht
bloß dieser oder jener ist Ebenbild Gottes, sondern jeder Mensch
schlechthin. In
allen ist der menschliche Adel, ihn einem abzusprechen, hieße ihn allen
rauben. Die
Offenbarung der Menschenwürde ist Recht und Beruf zugleich. Sie
nimmt alle Menschen in die Verantwortung für jeden Menschen. Es
gilt die Menschenwürde ohne Ausnahme und ist durch Israel allen Völkern
verliehen. Es
ist also nicht die Unterscheidung in Menschen unterschiedlichen Wertes
oder unterschiedlicher Entwicklung erlaubt. Wenn
im 10. Kapitel des Buches Genesis die 70 Völker aufgezählt werden,
geschieht das nicht, um auch nur eines auszugrenzen, sondern um die
ganze Menschheit zu erfassen. Das
war anstoßerregend in der Zeit, da das niedergeschrieben wurde, als zum
Beispiel die Griechen den Fremden als Barbaren bezeichneten, einen, der
eben nicht mit menschlicher Sprache redete. Und
das erregt auch heute noch
Anstoß, wo unsere Großeltern und Urgroßeltern von Herren- und
Untermenschen sprachen, wo sich heute ein neuer Nationalismus erhebt,
sei es in Form ethnischer Säuberungen, sei es in der Gestalt nationaler
Überhebung. Da
wird in einer furchtbaren Verkennung der Tatsachen eine Auserwähltheit
proklamiert, die sich nur aus der Verachtung des anderen speist. Auch
Israel ist auserwählt, aber nicht, um über andere Völker zu
herrschen. Seine
nationale Exklusivität ist eine ethische Exklusivität: „Ihr sollt
mir heilig sein, denn ich bin heilig, der Ewige…“ heißt es im Buch
Leviticus 20, 26. Die
Juden sind aufgefordert, das Recht des Menschen auf seine Würde und
seine sittliche Freiheit zu bekennen. Sie
sollen eine Aristokratie des Gewissens sein. Und
wer ein Gewissen hat, weiß, wie es Dostojewski einmal sagte, dass die
Dinge geändert werden müssen. Das
Gewissen treibt an, es nimmt den Menschen in die Pflicht, seine eigene Würde
zu wahren und die Würde des Mitmenschen zu achten und zu fördern. Aus
der unendlichen Vielzahl der Menschen wird diese Pflicht zur unendlichen
Aufgabe. Sie
beginnt bei der Ehrfurcht vor sich selber, springt in der Aufforderung
„Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ (Leviticus 19, 18) auf
einen und damit auf alle Menschen über. Die
Menschenwürde wird nicht nur plakativ dahergetragen, sondern sie
verwirklicht sich im konkreten Handeln. Im
Talmud sagt Ben Soma: „Ehre ist die Menschen zu ehren.“ Diese
konkrete Verantwortung war es, die die Frauen und Männer des
Widerstands und insbesondere die Kämpfer des Ghettos beispielhaft
antrieb, die Verantwortung für sich und für alle Menschen. Wenn
wir in diesen Tagen des Widerstands gedenken, werden wir ihm nicht
gerecht, wenn wir die Toten nur
betrauern und ihre Leistung rühmen. Die
Frauen und Männer des Widerstands sind aufgestanden, um die Pflicht zur
Achtung und Liebe der Menschen zu erfüllen und weiterzugeben, uns, die
Überlebenden und die Nachgeborenen in die unendliche Kette der
Pflichterfüllung gegen die Menschen und damit gegen den Ewigen
einzubinden. Die
Frauen und Männer des Widerstands, die Opfer der Verbrechen am Menschen
schlechthin, die von Deutschen begangen wurden und nicht nur im
deutschen Namen, wie es oft euphemistisch heißt, sie bilden den
wertvollsten Schatz unserer Geschichte. Nach
dem Krieg knüpften die Gründer des neuen Staates an die Erfahrungen
des Widerstands an. Das
Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung bleibt ohne diesen historischen
Bezug unverständlich, denn es ist nicht nur die Einräumung einer
Bequemlichkeit, sondern vor allem die Verpflichtung zur Achtung und
Wahrung der Menschenwürde. Schuld
an den schrecklichen Verbrechen, die hier dokumentiert sind, tragen nur
die, die sich schuldig gemacht haben, durch Tun oder Unterlassen. Aber
die Verantwortung für das, was heute geschieht, tragen wir gemeinsam.
Die Opfer haben uns diese unendliche Aufgabe weitergegeben und uns ein
Beispiel gegeben. An uns ist es, ihr Werk der Verteidigung der Würde
des Menschen fortzusetzen. Text
© Manfred Wolff |