Das Warschauer Ghetto

 Von Dr. Andreas Ruppert

 1. Prolog

Als es Anfang der 20er Jahre in Berlin Übergriffe gegen Juden gab, wollte der Schriftsteller Alfred Döblin Juden kennen lernen. Man sagte ihm, das könne er in Polen. So fuhr Döblin 1924 nach Polen, ein Jahr später schrieb er darüber. Die Passage über Warschau beginnt mit den Sätzen:

„350.000 Juden wohnen in Warschau, halb so viel wie in ganz Deutschland. Eine kleine Menge sitzt verstreut über die Stadt, die Masse haust im Nordwesten beieinander. Es ist ein Volk. Wer nur Westeuropa kennt, weiß das nicht. Sie haben ihre eigene Tracht, eigene Sprache, Religion, Gebräuche, ihr uraltes Nationalgefühl und Nationalbewusstsein.“

Tatsächlich bildeten die meist Jiddisch sprechenden Juden eine eigene Nation innerhalb Polens, einem Land mit vielen Minderheiten, und Warschau war ihr Zentrum: Mit einer unglaublichen Vielfalt an Leben, an Arbeit, an Kultur, an Politik, an Religion. Der neue polnische Staat hatte eine Zukunft, und seine Juden gehörten dazu.

Alles das änderte sich am 1. September 1939. Man darf nicht glauben, dass sich die Brutalität des Aggressors erst im Laufe des Krieges entwickelt habe, und dass auch die Entscheidung zum Judenmord erst im Krieg gefallen sei, so, als habe die deutsche Führung plötzlich nicht mehr gewusst, wo sie mit all den Juden hin solle. Der Vernichtungswillen lag vor und ist mit dem ersten Kriegstag entfesselt worden. Die Mordkommandos von Polizei und SS folgten der Wehrmacht auf dem Fuße.

Der Ablauf des Geschehens hat einen roten Faden. Er wurde am Schreibtisch geplant und als Abfolge einzelner Verwaltungsakte durchgeführt. Jeder Beteiligte wusste, worum es ging, aber jeder konnte sich später auf die relative Bedeutungslosigkeit des eigenen Handelns berufen und entging so der Rechenschaftspflicht. Über Schuldbewusstsein oder Schuldgefühle braucht man dabei nicht zu sprechen. Schuldgefühle haben viele überlebende Opfer, nicht die Täter.

Der Ablauf entsprach dem im Reich: Entrechtung; Entzug von Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten; Zwang zur Mithilfe durch Vertreter der jüdischen Bevölkerung; Konzentration; Terror von Körperverletzung bis Mord; gewollte Unterernährung; zuletzt die Deportation mit Hilfe der Reichsbahn.

Beteiligt waren keine Bestien, oder Gescheiterte, wie man es den Funktionären des NS-Regimes gerne nachsagt, sondern „ganz normale Männer“, um den berühmten Buchtitel von Christopher Browning zu zitieren: Verwaltungsbeamte und Polizisten, Angestellte des öffentlichen Dienstes, promovierte Juristen, die ihre Karrieren vor dem Krieg begonnen hatten und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nach dem Krieg fortsetzten.

Polen wurde im Herbst 1939 geteilt. Der Osten wurde an die Sowjetunion ausgeliefert, große Gebiete im Westen um Posen wurden abgetrennt und dem Reich angeschlossen. Der Rest des Landes wurde als „Generalgouvernement“ zur Ausplünderung freigegeben. Generalgouverneur mit Sitz in Krakau wurde Dr. Hans Frank. Das Generalgouvernement war in fünf Distrikte eingeteilt. Chef des Distrikts Warschau war Dr. Ludwig Fischer. Unter sich hatte Fischer den Stadthauptmann für die polnische Stadt Warschau und den „Kommissar für den jüdischen Wohnbezirk“, Dr. Heinz Auerswald.

Parallel dazu bestand die Polizeiverwaltung. In Krakau saß der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich-Wilhelm Krüger. Die Distrikte hatten eigene SS- und Polizeiführer. In Warschau übernahm am 19. April 1943 der gebürtige Detmolder Jürgen Stroop diese Funktion.

2. Leben und Sterben im Warschauer Ghetto

Ziel der deutschen Politik in den eroberten Gebieten war das Verschwinden der Juden. Die Konzentration in „jüdischen Wohnbezirken“, den Ghettos - die es in Polen zuvor nie gegeben hatte -, war eine Vorstufe, über die sich SS, Gestapo und Wehrmacht schon im September 1939 verständigt hatten. Wie das Verschwinden aussehen sollte, hat Distriktschef Dr. Ludwig Fischer später unzweideutig formuliert:

„Die Juden werden vor Hunger und Elend eingehen und von der jüdischen Frage wird nur noch ein Friedhof übrig bleiben.“

Im Mai 1940 wurde das hauptsächlich von Juden bewohnte Viertel Warschaus westlich der Altstadt zum „Seuchensperrgebiet“ erklärt und mit Mauern und Zäunen umgeben. Am 2. Oktober 1940 ordnete Fischer die Errichtung des Ghettos an. Es wurde von deutscher und polnischer Polizei bewacht. 80.000 Polen wurden ausgesiedelt. Ca. 400.000 Juden waren nun gefangen.

In das Ghetto wurden auch Juden aus den Gemeinden westlich von Warschau gebracht, es handelte sich um ca. 72.000 Personen. Andere flohen gezielt hierher, weil sie ihre Überlebenschancen in der Stadt für größer hielten, Schätzungen gehen von 20.000 Personen aus.

Das Ghetto war von Anfang an überfüllt. Die Not wurde durch die unzureichenden Lieferungen von Lebensmitteln und Medikamenten weiter verschärft. Zum Alltag gehörten von Anfang an verhungernde Menschen auf den Straßen - Berichte und Fotos halten dies bis heute fest. Statistisch gesehen kamen auf jeden Ghetto-Bewohner 1200 Kalorien täglich. Sie wurden nicht gleichmäßig verteilt, und die Mittellosen, die Kinder, die Alten waren zum Sterben verurteilt. Zum Alltag gehörten auch ständige Erschießungen. Juden durften nach geringsten Übertretungen deutscher Anordnungen an Ort und Stelle erschossen werden. Jeden Monat starben so etwa 5000 Menschen.

Das Einzige, wovor die Besatzer Angst hatten, waren ansteckende Krankheiten, vor allem Typhus und Fleckfieber. Eine Fleckfieberepidemie gab es im Winter 1941 auf 1942. Man wusste, dass die Viren und Bakterien die deutschen Kategorien zur Einteilung von Menschen nicht kannten und sich auch von der Ghettomauer nicht abschrecken ließen.

Legale Verdienstmöglichkeiten gab es im Ghetto nur in Betrieben, die als Zulieferer für die Wehrmacht agierten. Ihre Bedeutung wird bis heute überschätzt. Einerseits benötigte die Wehrmacht bestimmte Lieferungen, andererseits hatten die deutschen Bevölkerungswissenschaftler schon vor dem Krieg eine Überbevölkerung in Osteuropa konstatiert und als Problem beschworen, das es zu lösen gelte. Das Überleben durch Arbeit für die Wehrmacht war also von vornherein nur eine Lösung auf Zeit.

Es handelte sich um 16 Betriebe, von denen zwei aus Deutschland eigens hierher verlagert worden waren: Die Textilfabriken Fritz Schultz und Walther Többens.

Von der Fa.Schultz sind zahlreiche Fotos überliefert. Sie waren vor etwa zehn Jahren im Widukindmuseum in Enger zu sehen.

Für die legalen Außenbeziehungen des Ghettos war eigens eine „Transferstelle“ eingerichtet worden; sie verfügte über einen Gleisanschluss im Norden des Ghettos, den „Umschlagplatz“.

Der „Umschlagplatz“ ist ein wichtiger Ort in der deutschen, der jüdischen und der polnischen Geschichte geworden. Hier wurden die Waren des Ghettos umgeladen. Hier wurden die Lebensmittel angeliefert. Hier kamen die deutschen Juden an. Von hier wurden mehrere Hunderttausend Menschen in den Tod geschickt.

Die Belegschaften hofften durchzuhalten, bis die Wehrmacht besiegt sei. Sie waren damit in einer absurden Situation: Sie arbeiteten für eine Armee, deren Untergang sie zutiefst wünschten. In allen Ghettos klammerten sich Juden bis zuletzt an diese Hoffnung. Sie hat fast niemanden gerettet. Die 70.000 Menschen in Litzmannstadt, des letzten Ghettos, das dieses Ziel verfolgte, wurden noch im Juli 1944 deportiert.

Kurzfristige Überlebenschancen gab es für Menschen, die etwas besaßen, das als Schmuggelgut für die „arische“ Seite taugte, und Menschen, die diesen Schmuggel organisieren konnten. Das waren meist Profis im Gewerbe, und außerdem, überraschenderweise, viele Kinder und Jugendliche. Von ihnen liegen bemerkenswerte Schilderungen vor.

Auch einzelne Personen konnten herausgeschmuggelt und ins Ausland gebracht werden. Berühmt ist der Pädagoge Janusz Korczak - der diese Möglichkeit erhielt, aber verzichtete, um seine Waisenkinder in den Tod zu begleiten.

Es gibt viele Schilderungen über den Alltag im Warschauer Ghetto, und überraschend viele Fotografien. Es waren auch mehrfach deutsche Kameraleute dort, um „authentische“ Szenen für ihre antisemitischen Filme zu drehen. Dazu kamen eigene Sammlungen von Texten und Bildern durch den jüdischen Widerstand, die später vom Leben und Sterben im Ghetto Auskunft geben sollten.

Der wichtigste Chronist war Emanuel Ringelblum. Ringelblum hatte das Ghetto überlebt, aber er wurde am 7. März 1944 in seinem Versteck entdeckt und mit seiner Familie und den polnischen Helfern ermordet.

Seine Unterlagen hatte er in Milchkannen versteckt und vergraben. Sie wurden später gefunden und veröffentlicht. Die Milchkannen stehen heute im Jüdischen Historischen Museum in Warschau.

Es gibt auch Schilderungen durch polnische Beobachter. Im Sommer 1942 ging Jan Karski, Kurier der polnischen Exilregierung in London, zweimal in der Begleitung von Mitgliedern des jüdischen Widerstandes durch das Ghetto. 35 Jahre später hat er Claude Lanzmann für den Film „Shoah“ seine Eindrücke geschildert. Seine Begleiter sagten ihm ständig:

„Behalten Sie das im Gedächtnis! Sagen Sie es denen dort drüben. Sie haben es gesehen. Vergessen Sie es nicht! Denken Sie daran, denken Sie daran.“

Auch den Assistenten des deutschen Kommissars Auerswald, Dr. Franz Grassler, konnte Lanzmann befragen. Dessen Erinnerungen waren weniger präzise. Er sagte:

„Irgendwie war das doch eine bedrückende, eine schlechte Zeit. Eindeutig, dass der Mensch schlechte Zeiten - Gott sei Dank! - leichter vergisst als schöne Erinnerungen.“

Für die Nachkriegskarriere als Staatsanwalt war solche Amnesie sicher günstig. Dr. Grassler ist für seine Tätigkeit im Ghetto ebenso wenig zur Rechenschaft gezogen worden wie sein Vorgesetzter Dr. Auerswald. Ihrem Selbstverständnis nach waren sie Verwaltungsbeamte, die ihre Pflicht getan hatten.

Der Judenrat

Der Judenrat - eine Institution, die es in jedem Ghetto gab - wird von vielen Überlebenden in schwarzen Farben gemalt. Der Judenrat war kein Selbstverwaltungsorgan, sondern eine von der Gestapo erzwungene Einrichtung, die helfen musste, die deutschen Maßnahmen umzusetzen. Er hatte wenige zugestandene Machtbefugnisse, und er hatte eine eigene Polizei, den Jüdischen Ordnungsdienst, der die Befehle mit Gewalt ausführte.

Dennoch wäre es falsch, nun dem Judenrat die Schuld an der Vernichtung der Ghettos zu geben. Seine Vorsitzenden wollten die ihnen anvertrauten Menschen retten, und zwar in einer Weise, die 2000 Jahre lang in feindlicher Umgebung mehr oder weniger erfolgreich war: Durch Anpassung, durch Kooperation, durch eine gerechte Verteilung von Mitteln und Lasten, durch ein Zurückweichen in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Niemand hat den Judenräten in Polen vorausgesagt, dass am Ende die Massengräber stehen würden. Als dies erkannt wurde, als Teile der jüdischen Gemeinde ausgeliefert wurden, um einen anderen Teil zu retten, wurden die Judenräte schuldig. Dennoch steht es uns nicht zu, über sie zu richten.

In Warschau wurde der Judenrat schon im Oktober 1939 eingerichtet, zu seinem „Obmann“ wurde Adam Czerniaków bestimmt, ein Ingenieur, der den traditionellen Weg zu gehen versuchte: Durch Zugeständnisse Leben zu retten. Illusionen hatte er keine, er schrieb: „Wir sind Marionetten. Wir haben keine Macht.“

Czerniaków hat ein Tagebuch geführt, das zum Eindrucksvollsten aus jener Zeit gehört. Raul Hilberg nennt es „ein Fenster“, durch das wir eine jüdische Gemeinde beim Erlöschen ihrer Existenz beobachten können.“

Am 22. Juli 1942 musste Czerniaków erleben, dass seine Macht nicht mehr ausreichte, um wenigstens die Kinder vor der Deportation zu retten. Am folgenden Tag brachte er sich um. Sein letzter Tagebucheintrag lautet:

„Es ist fünfzehn Uhr. Viertausend sind schon bereit zur Abreise. Neuntausend sollen es bis sechzehn Uhr sein.“

Es gibt keinen Grund, diesen Mann in die Reihe der Mörder zu stellen.

Bevor das Ghetto im Frühjahr 1943 geräumt wurde, wurden die letzten Mitglieder des Judenrates herausgelockt und am „Umschlagplatz“ erschossen. Die Deutschen brauchten sie nicht mehr.

Deportationen deutscher Juden, Hedwig Block

Seit dem Frühjahr 1942 wurden auch Deportationszüge deutscher Juden nach Warschau geleitet. Ihre Überlebenschancen waren nicht größer als an den früheren Zielorten, etwa in Riga. Auch aus Bielefeld ging am 31. März 1942 ein Deportationszug mit etwa 1000 Menschen nach Warschau ab. 34 Menschen aus Lippe waren darunter, 26 von ihnen aus Detmold. Robert Levi aus Schlangen, einer der wenigen Überlebenden, hat später Zeugnis für mehrere der Ermordeten abgelegt.

Zu den Opfern gehörte auch die Lehrerin Hedwig Block, die mit Schülerinnen und Schülern der jüdischen Schule aus Detmold nach Warschau geschickt wurde. Und plötzlich ist Warschau ganz nah. Hier die kleine lippische Residenzstadt, dort die polnische Metropole und in ihr das Ghetto - nun durch den Namen von Hedwig Block miteinander verbunden.

Die deutschen Juden - es handelte sich um mehrere Tausend Personen - waren in Warschau verloren. Sie hatten keinen Zugang zu den Ostjuden, sie verstanden weder Jiddisch noch Polnisch. Sie konnten nicht schmuggeln und sie hatten keine Kontakte auf der „arischen“ Seite. Noch verlorener war nur noch die kleine Minderheit der deutschen Juden, die getauft war.

Czerniaków versuchte, ihnen eben so zu helfen, wie er später den deutschen Zigeunern helfen wollte, die im Juni und Juli 1942 in Warschau ankamen. Aber er konnte ihnen nicht helfen.

3. Die Deportationen im Sommer 1942

Im März 1942 - wenige Wochen nach der Wannseekonferenz in Berlin - hatte Himmler die Vernichtung der Ghettos im Generalgouvernement angeordnet. In der deutschen Verwaltungssprache hieß es: „Aussiedlungsaktionen“; in Wirklichkeit waren es die Deportationen in die Gaskammern von Chełmno, Bełżec und Sobibór. In den Distrikten Lemberg und Lublin begannen sie im März, in Krakau im Mai, in Radom im August. Leiter der „Aktionen“ waren die jeweiligen SS- und Polizeiführer.

Für Warschau war der Beginn auf den 22. Juli angesetzt worden. Ganz lautlos lässt sich so etwas allerdings nicht einmal von deutschen Spezialisten vorbereiten, und so schwirrten schon vorher Gerüchte durchs Ghetto. Czerniaków ging zu den deutschen Dienststellen und fragte nach. Seinen Eintrag vom 20. Juli 1942 möchte ich zitieren:

„Morgens 7:30 bei der Gestapo. Ich fragte Mende, wie viel Wahrheit an den Gerüchten ist. Er entgegnete, er habe nichts davon gehört. Als nächstes wandte ich mich an Brandt, er antwortete, ihm sei nichts darüber bekannt. Auf die Frage, ob das dennoch passieren könne, erwiderte er, er wisse gar nichts. Unsicher ging ich von ihm weg. Ich wandte mich an seinen Chef, Kommissar Boehm. Der erwiderte, dass das nicht seine Abteilung sei, dass Hohenmann eventuell im Zusammenhang mit den Gerüchten etwas mitteilen könnte. Ich bemerkte, den ausgestreuten Gerüchten zufolge solle die Aussiedlung heute um 19:30 beginnen. Darauf antwortete er, dass er wohl etwas wüsste, wenn dies geschehen solle. Da ich keinen anderen Ausweg hatte, begab ich mich zum stellvertretenden Leiter der Abteilung III, Scherer. Er gab seiner Verwunderung über das Gerücht Ausdruck und erklärte, er wisse auch nichts darüber. Schließlich fragte ich, ob ich der Bevölkerung erklären könne, dass kein Anlass zu Befürchtungen besteht. Er antwortete, das könne ich, alles, was die Leute reden, sei Quatsch und Unsinn.“ Ich beauftragte Lejkin, über die Bezirke die Bevölkerung davon zu unterrichten. Ich fuhr zu Auerswald. Er erklärte, er habe dem SS-Polizeioberführer von allem berichtet. First war inzwischen bei Jesuiter und Schleterer, die empört waren über die ausgestreuten Gerüchte und eine Ermittlung in dieser Angelegenheit ankündigten.“

Für die „Aussiedlung“ war ein „Aussiedlungsstab“ eingerichtet worden, den SS-Obersturmbannführer Hermann Höfle leitete. Höfle war ein Fachmann: Er hatte schon die Morde im Distrikt Lublin organisiert. Am 21. Juli 1942 diktierte Höfle im Büro des Judenrates den Deportationsbefehl - niedergeschrieben hat ihn, weil er deutsch konnte, Marcel Reich-Ranicki.

Vom folgenden Tag bis zum 30. September rollten die Züge vom „Umschlagplatz“ nach Treblinka. Mehr als 240.000 Menschen aus Warschau wurden dort umgebracht. Dazu kamen noch mehrere Zehntausend Menschen aus den umliegenden kleineren Ghettos. Ausgenommen waren vorerst die Beschäftigten der 16 für die Wehrmacht arbeitenden Betriebe.

Manchmal wird Verwunderung darüber geäußert, dass die Deportationen möglich waren, obwohl die Wehrmacht doch dringend Lokomotiven und Wagen brauchte. Man will noch im Nachhinein ein rationales Verhalten der Wehrmacht anmahnen. Das ist jedoch ein Trugschluss. Das Vorgehen war rational. Das ist ja das Erschreckende und unterscheidet das deutsche Morden von den in Polen und Russland über Jahrhunderte üblichen Pogromen: Das rationale Kalkül. Die Versorgung des Ghettos mit Lebensmitteln und Arbeitsmaterialien band viel mehr rollendes Material als die Deportationen. Die Spezialisten auf der Krakauer Burg hatten längst errechnet, dass das Ghetto ein unrentabler Zuschussbetrieb war. Was mit Menschen geschah, die unrentabel waren, hatte das Euthanasieprogramm im Reich schon gezeigt.

Im Vorfeld hatte sich aber ein Problem ergeben. Die Bahnstrecke zum vorgesehenen Mordlager Sobibór war dringend reparaturbedürftig, und Lokomotiven und Waggons waren angesichts des Sommerfeldzugs der Wehrmacht in Südrussland tatsächlich knapp. Eigens für die Ermordung der Warschauer Juden wurde das Vernichtungslager Treblinka gebaut und eine andere Bahnstrecke ausgewählt.

Um das alles zu regeln, wählte Himmler den „kurzen Dienstweg“. Er wandte sich direkt an den für die Reichsbahn zuständigen Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium, Dr. Albert Ganzenmüller, Teilnehmer am sog. Hitlerputsch vom 9. November 1923. „Besorgen Sie mir Züge“, schrieb Himmler, und Ganzenmüller konnte am 28. Juli stolz vermelden:

„Seit dem 22.7. fährt täglich ein Zug mit je 5000 Juden von Warschau über Malkinia nach Treblinka.“

1945 floh Ganzenmüller nach Südamerika. Als er zwanzig Jahre später zurückkam, wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Für ein Hauptverfahren aber war Ganzenmüller immer zu krank.

Hier hatte man einen der vielzitierten Schreibtischtäter in der selbstgestellten Falle. Seine Schreiben haben die Qualität von Geständnissen: Man brauchte keine Zeugen und keine Indizien. Und was passierte mit ihm - nichts.

4. Das noch bestehende Ghetto

Zurückgeblieben waren etwa 50.000 bis 70.000 Menschen. Die Hälfte von ihnen war den deutschen Razzien entgangen und versteckte sich im sog. Wilden Ghetto. Die andere Hälfte war bei Schultz und Többens beschäftigt. Sie klammerten sich weiter an die Hoffnung, durch Arbeit zu überleben. Nicht, dass sie sich noch Illusionen über die deutschen Ziele gemacht hätten. Aber man wusste, dass die Wehrmacht in Russland zurückgeschlagen wurde, man war über Stalingrad informiert, man wusste, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten. Es ging also darum, durchzuhalten.

Himmlers Pläne waren andere. Er verfolgte zwei Ziele: Zum einen die Übernahme der Produktion für die Wehrmacht durch die SS. Dies gehörte in sein Konzept der Stärkung der SS auf Kosten der Wehrmacht. Im Zusammenhang damit stand zum anderen die Verlagerung der Betriebe samt ihren Belegschaften aus Warschau in den Distrikt Lublin.

Warschau sollte eine Stadt ohne Juden werden, das Ghetto sollte abgerissen und zu einem Park umgestaltet werden. Schon im Oktober 1942 hatte Himmler den Verlagerungsbefehl erteilt, der jedoch nicht umgesetzt wurde. Am 9. Januar 1943 kam Himmler selbst in die Stadt und erteilte den Befehl erneut. Wer nicht zu den Belegschaften gehörte, sollte nach Treblinka gebracht werden. Himmlers Befehl sollte am 18. Januar umgesetzt werden.

Dieses Datum kennzeichnet den Beginn des Aufstandes. Das Klima hatte sich inzwischen geändert. Im Ghetto war man sich bewusst, dass man durch die Erfüllung der deutschen Anordnungen niemanden retten konnte. Jetzt erst war der Aufstand möglich geworden. Er begann mit einer Aktion zur Befreiung Verhafteter aus den Zellen der Ghettopolizei - die Rolle von Judenrat und Jüdischem Ordnungsdienst war zu Ende. Von Ende Januar 1943 stammt der erste öffentliche Aufruf der jüdischen Widerstandsleitung:

„Jüdische Volksmassen, die Stunde naht. Ihr müsst bereit zum Widerstand sein! Ihr dürft euch nicht wie die Hammel abschlachten lassen! Kein einziger Jude soll mehr in die Waggons verladen werden ... Unsere Parole muss jetzt sein: Jeder sei bereit, wie ein Mensch zu sterben!“

5. Der Aufstand

Am 18. Januar 1943 begann der bewaffnete Widerstand - an verschiedenen Stellen und unabhängig voneinander. Es gab nicht den Widerstand, sondern Aktionen einer Reihe kleinerer Gruppen, deren Überlegungen zum gleichen Ergebnis gekommen waren. Insofern wird es auch nie die Geschichte des Widerstandes im Warschauer Ghetto geben. Die Deutschen waren überrascht und zogen sich zurück. Es gab jedoch keinen Grund zum Triumph: 6.500 Menschen wurden auch an diesem Tag gefangengenommen und nach Treblinka geschickt. Dazu kam das massenhafte Morden auf der Straße. Ein deutscher Polizist schrieb in sein Tagebuch:

„18. bis 21. Januar 1943. Die letzten Tage haben wir Furchtbares erlebt im Ghettoeinsatz. Die Bilder verfolgen einen bei Tag und Nacht. Sechshundert bis Siebenhundert Menschen wurden erschossen, wie auf einem Schlachthof sah es aus.“

Natürlich hatten die Deutschen ihre Pläne nach dem Rückzug nicht aufgegeben. Im Februar 1943 hatten die Inhaber der Firmen Schultz und Többens Verträge mit dem SS- und Polizeiführer in Lublin, Odilo Globocnik, abgeschlossen, nach denen eine SS-Firma, die Ostindustrie GmbH (Osti) beide übernehmen würde. Die Fa. Schultz sollte in das Arbeitslager Trawniki, die Fa. Többens in das Arbeitslager Poniatowa überführt werden.

Diesem Ziel diente der erneute Versuch der Ghettoräumung, der am 19. April begann und nach deutscher Vorstellung drei Tage dauern sollte. Beteiligt waren Einheiten von SS, Polizei, Wehrmacht, polnischer Polizei sowie mit „fremdvölkischen“, d.h. ukrainischen, estnischen und anderen Hilfstruppen, insgesamt mehr als 900 Mann. Leiter der später nach ihm benannten „Aktion“ war Jürgen Stroop. Zimha Rotem, einer der Militanten, erinnert sich:

„Am 19. April um vier Uhr morgens sahen wir deutsche Soldaten auf ihrem Weg in das Hauptghetto die Nalewki-Kreuzung passieren. Sie marschierten, endlos. Nach ihnen kamen Panzer, Panzerwagen, leichte Artillerie und Hunderte Männer der Waffen-SS auf Motorrädern.“

Dem hatte das Ghetto Knüppel, Messer, Molotow-Cocktails, wenige selbstgebaute Minen und wenige Schusswaffen entgegen zu setzen. Pistolen und Karabiner waren schwer zu bekommen. Polnische Schmuggler ließen sie sich teuer bezahlen. Polnische Widerstandskämpfer aber behielten sie eher für sich selbst.

Die Kämpfe dauerten nur wenige Tage. Am 21. April gingen die Deutschen dazu über, auf den Straßenkampf zu verzichten und stattdessen die Häuser in Brand zu stecken. Die Menschen, die von den Flammen erreicht wurden, hatten keine Chance. Die Deutschen zeigten sich als interessierte Beobachter ihrer Leiden. Zimha Rotem sagt: „Das Ghetto war ein einziges Flammenmeer.“ Es brannte mehr als drei Wochen lang.

Schwieriger war es für die Angreifer, dem ausgebauten System der Verbindungsgänge zwischen den Kellern auf die Spur zu kommen. Hier war der Kampf zu Ende, als am 8. Mai, heute vor 60 Jahren, der Bunker in der Milastraße 18 entdeckt wurde, in dem die jüdische Aufstandsleitung versammelt war. Mehr als 140 Menschen fanden den Tod, darunter Mordechai Anielewicz, der Anführer des Aufstands.

Am 16. Mai 1943 wurde die Große Synagoge in der Tłomackiestraße gesprengt. Für den Leiter der „Aktion“, Jürgen Stroop, war es der symbolische Abschluss seines Auftrags.

Die deutschen Verluste waren minimal: 16 Tote und 85 Verwundete. Die meisten jüdischen Militanten kamen um. Andere konnten sich durch die Kanalisation auf die „arische“ Seite retten. Hier kam eine weitere Enttäuschung. Rotem hat sie formuliert:

„Doch sehr schnell stellte sich heraus, dass auf der „arischen“ Seite niemand stand und auf uns wartete - wenn wir jemanden retten wollten, so würden wir es aus eigener Kraft tun müssen.“

Es ist nicht so, dass es keine Polen gab, die geholfen haben und dabei ihr Leben und das ihrer Familien riskierten. Aber die polnische Gesellschaft war selbst zutiefst gespalten.

Es gab einige wenige Polen, die „ihren“ Juden beistanden: Sie haben sie versteckt, sie haben Fluchten organisiert, sie haben sie mit Lebensmitteln versorgt.

Es gab aber auch die szmalcowniks, die Juden gegen Geld an die Gestapo verrieten. Und es gab die polnischen Antisemiten ebenso wie die litauischen, lettischen und ukrainischen.

Und es gab auf polnischer Seite die große Zahl der Gleichgültigen. Zimha Rotem erzählte Claude Lanzmann:

„Im arischen Stadtteil Warschaus ging das Leben weiter wie immer, ganz natürlich und normal, wie früher. Die Cafés waren normal besucht, die Restaurants, die Autobusse, die Straßenbahnen fuhren, die Kinos waren geöffnet.“

1946 hat Jerzy Andrzejewski diese Atmosphäre von Gleichgültigkeit und Antisemitismus auf der „arischen“ Seite in einem Roman geschildert. Er erschien im gleichen Jahr auch auf deutsch, unter dem Titel „Die Karwoche“. Er wurde aber nie wieder aufgelegt. Erst Claude Lanzmanns Film „Shoah“ durchbrach Mitte der 80er Jahre in Polen dieses Tabu.

6. Zur Einschätzung des Aufstands

Oft wird die Frage gestellt, warum sich „die Juden“ nicht schon von Anfang an gewehrt haben. Aber es gab „die Juden“ gar nicht. Es gab kein „europäisches Judentum“, das sich hätte wehren können, und es gab kein Kollektiv im Warschauer Ghetto, das handlungsfähig gewesen wäre. Soziale, politische, regionale Unterschiede überwogen. Die Ghettos waren immer und überall heterogene Zwangsgemeinschaften. Mit wem hätte sich denn Hedwig Block aus Detmold verbünden können?

Und es ist auch nicht so einfach, Familienväter, Frauen und Kinder zum bewaffneten Widerstand gegen eine zur Vernichtung bereite Armee aufzuwiegeln. Die polnische Armee, gut gerüstet und gut ausgebildet, war gerade gegen die Wehrmacht untergegangen - was sollten denn dann jüdische Familien ausrichten?

Die Kampfbereitschaft ist aber auch gering, wenn es andere Hoffnungen gibt. Raul Hilberg erinnert daran, dass Juden 2000 Jahre lang mit einer Strategie der Defensive überlebt haben. Einzelne Gemeinden wurden vernichtet, vom Rhein bis zum Don, doch das europäische Judentum hatte überlebt. Simha Rotem zitiert eine weitverbreitete Stimmung: „Auch das wird vorübergehen, das hat es in der Geschichte unseres Volkes schon immer gegeben.“

Diese Hoffnung verschloss sich vor der Wirklichkeit. Im Sommer 1942 hatte ein Mitglied der sozialistischen Partei „Bund“ den Weg der Züge nach Treblinka ausgekundschaftet, die Zeitung des Bund hatte darüber berichtet und zum Widerstand aufgerufen. Bernard Goldstein, ein Führer des „Bund“, begründete später, warum der Deportationsbefehl nicht zum Aufstand führte:

„Innerhalb weniger Tage nach der Bekanntmachung war das Ghetto scharf und deutlich in zwei Kategorien geteilt: die Produktiven, Glücklichen und Begnadigten auf der einen Seite, die Unproduktiven und Unseligen auf der anderen.“

Andere wie Simha Rotem waren von vornherein kampfbereit. Rotem sagt in seinen 1984 in Israel, 1996 auch deutsch veröffentlichten Erinnerungen, dass er niemals einer Provokation nachgegeben habe und niemals vor einem Angriff weggelaufen sei. Das ist ein Gegenentwurf, der in Israel wirksam werden sollte, in Polen aber auf geringe Resonanz stieß.

Aber selbst die Militanten waren gespalten. Mindestens zwei große Gruppen standen sich gegenüber. Auf der einen Seite die Zionisten, die Polen verlassen wollten und ihre Zukunft in einem eigenen Staat sahen.

Auf der anderen Seite bestand der „Jüdische Arbeiterbund von Polen und Litauen“ auf einer jiddischen Identität in Polen und wollte gerade nicht in ein Land auswandern, in dem die bisher Ausgebeuteten selbst zu Ausbeutern werden müssten. Es dauerte lange, bis diese rivalisierenden Gruppen zusammenarbeiteten.

Letzten Endes waren es nur wenige hundert Menschen, die bewaffnet kämpften. Sie hatten eine Aufstandsleitung gebildet, die Zydowska Organizacja Bojowa (Z0B). Sehr junge Leute standen an ihrer Spitze. Stellvertretend seien genannt Mordechai Anielewicz, der in den Kämpfen umkam, Izhak Cukierman („Antek“), der nach Palästina emigrierte, und Marek Edelman, der in Polen blieb.

Die Ghettokämpfer wussten, dass sie keine Siegeschance hatten. Marek Edelman sagte Jahrzehnte später:

„Es ging darum, sich nicht abschlachten zu lassen, wenn sie kamen, uns zu holen. Es ging nur um die Art zu sterben.“

Der Aufstand hat ein Symbol geschaffen: Das Symbol des kämpfenden Juden. Israel hat diese Tradition übernommen, hier steht am Yom ha-Shoah, dem 19. April, zum Gedenken an den Aufstand mittags fünf Minuten lang das Leben still. Es ist Israels Staatsdoktrin, dass niemals mehr ein Jude wehrlos auf den Tod warten wird, den andere beschlossen haben. Wie es Staatsdoktrin ist, dass man sich auf Niemanden mehr verlässt. Wer Israels Politik verstehen will, sollte sich mit dem Warschauer Ghetto beschäftigen.

Marek Edelman blieb allerdings in Polen und wurde hier zu einem angesehenen Kardiologen. Er ist ein begehrter Zeitzeuge, von dem man anfangs vor allem die Bestätigung eines Guerrilla-Mythos erwartete. Edelman hat diese Erwartung immer enttäuscht. Er zeigt keinen Stolz über seinen Mut und seine Taten. Der Tod im Kampf sei nicht besser als der in der Gaskammer. Es gibt für ihn nur einen unwürdigen Tod: „wenn man versucht habe, auf anderer Menschen Kosten zu überleben.“

Wie sollte man ihm widersprechen?

Waren nicht die Eltern Helden, die ihre Kinder in den Tod begleiteten?

Oder die Kinder, die ihre Eltern nicht verlassen wollten?

War nicht Janusz Korczak ein Held, der bei seinen Waisen geblieben war?

War nicht Emanuel Ringelblum ein Held?

War Adam Czerniaków kein Held, der sich umbrachte, als er sah, dass er niemanden mehr retten konnte?

Waren nicht die Menschen, die aus den brennenden Häusern des Ghettos in den Tod sprangen, ebenso Helden wie die Militanten?

Und war nicht auch Hedwig Block aus Detmold eine Heldin?

7. Jürgen Stroop - „Der Mann aus Detmold“

Durch den Aufstand trat ein Mann ins Licht der Geschichte, von dessen Herkunft und früher Entwicklung her das nicht zu erwarten war: Jürgen Stroop, „der Mann aus Detmold“, wie ihn mein verstorbener Kollege Wolfgang Müller nannte. Stroop ist durch zwei Texte berühmt geworden und wird durch sie für immer mit dem Warschauer Ghetto verbunden bleiben.

Der eine ist sein eigener Siegesbericht vom 24. Mai 1943 mit dem Titel: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“. Er wurde schon in den Nürnberger Prozessen verwendet und 1960 veröffentlicht. Die Bilder und Texte aus diesem Bericht haben die Erinnerung an den Judenmord geprägt: Der kleine Junge, der mit erhobenen Händen auf die Sieger zugeht, ist ein bekanntes und abrufbares Bild.

Der andere Text stammt von Kazimierz Moczarski, einem polnischen Widerstandskämpfer, der von der stalinistischen Nachkriegsregierung verhaftet und zu Stroop in eine Zelle gesperrt wurde. Merkwürdigerweise kamen die beiden Männer miteinander aus. Stroop, der wusste, dass er keine Chance hatte, der Hinrichtung zu entgehen, erzählte freimütig aus seinem Leben, und Moczarski hörte zu. Viele Jahre später veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel „Gespräche mit dem Henker“ und beschwor:

"Jeden Satz von Stroop höre ich so deutlich, sogar die Betonung, als würde ich das alles vom Tonband abschreiben. Und ich sehe ihn vor mir, jede seiner Bewegungen, seinen Ausdruck, das Verziehen der Lippen, wie auf einer Filmleinwand."

Das Buch wurde 1977 in Polen und ein Jahr später in Deutschland veröffentlicht. Im Detail sind die Notizen nicht verlässlich, aber sie spiegeln die Mentalität eines Täters und lassen etwas davon erahnen, was ihn antrieb und welche Weichen gestellt werden mussten, um ihn zum Täter zu machen.

Denn zwei Dinge sind klar: Geburt und Aufwachsen in einer Stadt wie Detmold, der kleinen, selbstverliebten, kulturbeflissenen, offenen und auch ein bisschen rückständigen Residenz eines kleinen Landes, assoziieren nicht die Entwicklung zum Massenmörder in Polen.

Aber das Idyll der Kleinstadt, die Abgeschiedenheit der Provinz schützen auch nicht vor solcher Entwicklung. Die lippischen Juden waren hier nicht geschützt, und die Täter kamen ebenfalls aus dieser Umgebung. Normalität und Verbrechen liegen enger beieinander, als man es gerne wahrhaben möchte.

Stroop wurde 1895 in Detmold geboren, die katholischen Eltern tauften ihn Joseph - erst im Mai 1941 nahm er den Namen „Jürgen“ an. Der Vater war Kutscher im fürstlichen Dienst, wechselte aber später als Polizeibüttel in den städtischen Dienst - Moczarski gegenüber wurde er dann zum lippischen „Polizeichef“ befördert.

1909 trat Stroop in den lippischen Staatsdienst und machte eine Lehre als Katasterbeamter in mittlerer Laufbahn. Vermutlich wäre er dort auch bis zur Pensionierung geblieben. Wir wissen nicht, welche Wünsche und Träume er hatte. Moczarski berichtet, wie Stroop sich noch in der Zelle an die blitzenden Uniformen der Offiziere erinnerte, die sonntags vor der staunenden Kleinstadtwelt ihre Pferde ausritten. Offizier zu werden - das wäre es vielleicht gewesen.

Aber unter den Bedingungen des Kaiserreichs bestand dafür keine Chance. Selbst im Ersten Weltkrieg blieben die Standesschranken stabil. Stroop schaffte es bis zum Vize-Feldwebel. Die Reichswehr brauchte ihn nicht, und so kehrte er nach dem Krieg in den Katasterdienst zurück.

Die wirkliche Chance seines Lebens bot ihm dann 1932 die SS. Sie verhieß die Zugehörigkeit zu einer neuen Elite, sie verhieß die Uniform und eine Karriere, die auch die Offiziersränge einschloss. Und sie verlangte nur eins: bedingungslosen Gehorsam.

In den ersten Monaten ist Stroop nicht weiter aufgefallen. In den bekannten völkischen Kreisen des „Hermannslandes“ taucht er nicht auf. Er spielte in Lippe erst eine Rolle, als ihm am 4. März 1933 die Leitung der „Hilfspolizei“ übertragen wurde. Danach war er allerdings an allen antisemitischen Maßnahmen in Detmold beteiligt.

Seitdem war die doppelte Laufbahn bei SS und Polizei seine neue Welt. Die entscheidenden Karrieresprünge gab es seit 1934 außerhalb Lippes. Die Karriere war in der Tat rasant. In der SS wurde er schon 1935 mit der Führung einer Standarte beauftragt; im Krieg kam die Karriere als Polizeioffizier hinzu. Sie bot die beamtenrechtliche Absicherung und sie brachte die militärischen Ränge: als „General“ wollte man angesprochen werden, nicht als „Brigadeführer“.

Im September 1942 war der unterste Generalsrang geschafft: Stroop war Generalmajor der Polizei. Eingesetzt war er bei den Höheren SS- und Polizeiführern in Russland-Süd und in Lemberg - militärische Einsätze fehlten dagegen.

Im April 1943 kam Stroop nach Warschau, mit dem vermeintlich leichten Auftrag, das Ghetto in drei Tagen zu räumen. Am 19. April 1943 übernahm er kommissarisch die Führung der Polizei- und SS-Einheiten für den noch im „Amt“ befindlichen SS- und Polizeiführer Dr. Ferdinand von Sammern-Frankenegg, dem Himmler die Leitung der „Aktion“ nicht zugetraut hatte. Es war der ersehnte Sprung auf die letzten Sprossen der Karriereleiter. Und so wurde in seinem Bericht vom 24. Mai die Brand- und Mordaktion gegen halbverhungerte Juden zu einer militärischen Großtat, für die man das Eiserne Kreuz und eine Beförderung erwarten konnte - und auch erhielt. Das EK gab es am 18. Juni, die Beförderung elf Tage später: Stroop war nun auch offiziell SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau.

8. Das Ende des Ghettos

Stroop spricht in seinem Bericht von 56065 Menschen, die ihm in die Hände gefallen seien. Die Juden, die nicht zu den Belegschaften der genannten Firmen gehörten, wurden entweder an Ort und Stelle erschossen - Stroop nennt 7000 - oder nach Treblinka deportiert. Aus den Reihen der letzteren, deren Zahl Stroop mit 6929 angibt, wurden 2400 für Arbeiten in Auschwitz herausgezogen.

42.136 Menschen wurden in den Raum Lublin deportiert. Dass es Himmler bei den Betriebsverlagerungen nicht um die jüdischen Belegschaften ging, zeigt das Massaker vom 3. und 4. November, das in der Sprache der Mörder als „Aktion Erntefest“ bezeichnet wurde: die Ermordung von ca. 40.000 Menschen, darunter die Belegschaften der Firmen Schultz und Többens.

In Warschau hatte Himmler auf dem Ghettogelände ein Konzentrationslager errichten lassen. Ungarische und griechische Juden sollten die Hinterlassenschaft der Ermordeten sichern und dem Reich bzw. der SS zuführen. Diese Arbeiten dauerten bis zum Beginn des polnischen Aufstandes in Warschau im Herbst 1944 an.

9. Stroops weiterer Weg

Für Stroops Karriere zahlte sich sein Handeln in Warschau aus. Am 9. November 1943 kam die Beförderung zum Obergruppenführer, dem zweithöchsten Rang in der SS. Wichtiger war ihm aber der Rang: „General der Polizei und der Waffen-SS“. Er wurde gleichzeitig als Höherer SS- und Polizeiführer nach Griechenland versetzt. Zwei Monate später schickte ihn Himmler als Höheren SS- und Polizeiführer nach Wiesbaden und übergab ihm die Polizeihoheit über vier deutsche Gaue, den Wehrkreis XII sowie die Zivilverwaltungen in Lothringen und Luxemburg. Stroop stand, wie Wolfgang Müller feststellte, „im Zenit seiner nur im nationalsozialistischen Deutschland möglichen Laufbahn.“

Wie so viele SS-Führer, wie auch Himmler selbst, hatte er den Höhepunkt seiner persönlichen Macht aber erreicht, als die Macht Deutschlands auf ihrem Tiefpunkt angelangt war. Stroop wurde gefangengenommen und 1947 in Dachau von einem amerikanischen Militärgericht wegen der Ermordung amerikanischer Flieger zum Tode verurteilt. Anschließend wurde er nach Polen ausgeliefert. Auch dort wurde er zum Tode verurteilt. Am 6. März 1952 wurde er in Warschau hingerichtet.

10. Epilog

Ostwestfalen und Lippe sind in zweifacher Weise mit Warschau verbunden.

Durch Jürgen Stroop, an den immer sein „Bericht“ erinnern wird.

Und durch die von hier deportierten Menschen, für die ich stellvertretend Hedwig Block erwähnt habe. An Hedwig Block erinnert ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Detmold.

Wir müssen uns entscheiden, welche Erinnerung uns wichtiger ist. Die Analyse der Denkweise und des Handelns der Täter ist notwendig für die Beurteilung unserer eigenen Aussichten. Aber wir dürfen die Faszination durch die Täter nicht zulassen.

Unsere Aufgabe muss es sein, an die Opfer zu erinnern und dafür zu sorgen, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird.

Wir können dieses Schicksal nicht im Nachhinein ändern, und die Erinnerung ist auch keinesfalls „das Geheimnis der Erlösung“. Wir können niemanden erlösen.

Aber das Gedenken ist das einzige, was wir den Ermordeten noch geben können: Die Erinnerung an die Menschen in der so reichen jüdischen Lebenswelt, für die im europäischen Haus im 20. Jahrhundert endlich ein Platz gesichert schien, bis Deutsche beschlossen, das zu ändern.

Text  © Dr. Andreas Ruppert

Stadtarchiv Detmold c/o NW Staatsarchiv
Willi-Hofmann-Str. 2
32756 Detmold
Tel. 05231/766-110

E:Mail: andreas.ruppert@stadt.nrw.de


Bei den folgenden Literaturangaben handelt es sich nicht um eine Bibliographie zum Thema. Erwähnt sind nur Werke, aus denen im Text zitiert oder auf die im Text eigens hingewiesen wurde.

Zitierte Literatur:

[Czerniaków, Adam]: Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939-1942. München 1986 (Warschau 1983, ed. von Marian Fuks)

Döblin, Alfred: Reise in Polen. München 1987

„Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“. Stroop-Bericht. Darmstadt u.a. 1976

Goldstein, Bernard: Die Sterne sind Zeugen. Freiburg, 2. Aufl. 1994

Hilberg, Raul: Sonderzüge nach Auschwitz. Frankfurt u.a. 1987

Krall, Hanna: Dem Herrgott zuvorkommen. Frankfurt 1991 (Gespräche mit Marek Edelman)

Lanzmann, Claude: Shoah. Düsseldorf 1986 (Gespräche mit Raul Hilberg, Zimha Rotem und Dr. Franz Grassler)

Moczarski, Kazimierz: Gespräche mit dem Henker. Das Leben des SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei Jürgen Stroop. Aufgezeichnet im Mokotow-Gefängnis zu Warschau. Frankfurt 1982

Müller, Wolfgang: Joseph („Jürgen“) Stroop, der Mann aus Detmold. In: Stadt Detmold (Hg.): Nationalsozialismus in Detmold. Dokumentation eines stadtgeschichtlichen Projekts. Bearb. v. Hermann Niebuhr u. Andreas Ruppert. Bielefeld 1998

Rotem, Simha: Kazik. Erinnerungen eines Ghettokämpfers. Berlin 1996

Scheffler, Wolfgang u. Helge Grabitz: Der Ghetto-Aufstand Warschau 1943 aus der Sicht der Täter und Opfer in Aussagen vor deutschen Gerichten. München 1993. (Aussage eines deutschen Polizisten)

Erwähnte Literatur:

Andrzejewski, Jerzy: Die Karwoche. Reinbek bei Hamburg 1987

Bruckner, Winfried: Die toten Engel. Das Schicksal jüdischer Kinder während des 2. Weltkrieges im Warschauer Getto. Ravensburg 1976

Ringelblum, Emanuel: Ghetto Warschau. Tagebücher aus dem Chaos. Stuttgart 1967

Ziemian, Joseph: Sag bloß nicht Mosche zu mir, ich heiße Stasiek! Berlin 1979

Fotografien aus dem Ghetto:

Deschner, Günther: Menschen im Getto. Gütersloh 1969

A Day in the Warsaw Ghetto. A Birthday Trip in Hell. Yad Vashem 1988

Heydecker, Joe: Das Warschauer Getto. Foto-Dokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941. München 1987

Keller, Ulrich (Hg.): The Warsaw ghetto in photographs: 206 views made in 1941. New York, 1984 (Dover photography collections).
Deutsche Ausgabe: Fotografien aus dem Warschauer Ghetto.
Berlin: Nischen, 1987 (Das Foto-Taschenbuch 9)

Scheffler, Wolfgang u. Helge Grabitz: Letzte Spuren. Ghetto Warschau. SS-Arbeitslager Trawniki. Aktion Erntefest. Fotos und Dokumente über Opfer des Endlösungswahns im Spiegel der historischen Ereignisse. Berlin 1988 (Fotografien der Textilfirma Schultz)

Schwarberg, Günter: Das Getto. Spaziergang in die Hölle. Frankfurt 1991

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