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Wie der Kolon Sültemeier
Weihnachten Es regnete in Strömen. Alle Schleusen des Himmels schienen geöffnet. Dazu wehte ein kalter Wind vom Wiehengebirge her, der die Feuchtigkeit unter die dickste Joppe trieb. Ein typisch Ravensbergischer Weihnachtstag – von wegen ”weiße Weihnacht” oder ”ein Ros entsprungen”. Die Wege waren aufgeweicht, in den Karrenspuren standen tiefe Pfützen. In der Luft flatterte das gierige Krächzen der Krähen, von irgendwoher kläffte ein Hofhund. Kein Mensch weit und breit. Völlig durchnässt, die lehmverklebten Stiefel bedächtig aufsetzend, bog der Kolon Sültemeier in sein Hofstück. Noch ein paar Schritte, und er war in der warmen Deele: Weihnachten konnte beginnen. Auf dem Trittstein versuchte er den Lehm von den Füßen zu treten, aber der klebte fester als Tischlerleim. Dann eben nicht. Sültemeier gab sich einen Ruck, richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, schob das Kinn vor, um seine Tatkraft zu unterstreichen, und öffnete die Tür. Er wurde schon erwartet. Seit vier Stunden. Und mit jeder Stunde des Wartens war der Plan zu seiner Begrüßung gewachsen. Was mit einem flüchtigen Kopfnicken sein Bewenden haben sollte, wurde mit immer neuen und beeindruckenderen Einzelheiten ausgeschmückt, großartigen Gesten und aus dem Herzen kommenden Worten verziert. Wahrlich, das sollte eine Begrüßung werden, wie Sültemeier sie noch nicht erlebt hatte. Sültemeier zog die Tür hinter sich zu und stand vor seiner Frau. Im Dämmerlicht des späten Nachmittags erschien sie ihm riesengroß, und das Flackern des Herdfeuers hinter ihr ließ sie wie einen feurigen Engel erscheinen. Er wollte auf sie zugehen, aber ein den Raum ausfüllendes ”So!” machte, dass er zurückschreckte. Seine Frau ließ ihre Blicke über ihn gleiten, von den nassen Haaren bis hinunter zu den lehmigen Stiefeln und wieder hinauf. Jede Einzelheit nahm sie auf, vergewisserte sich, dass das ihr Ehemann war, der Kolon Sültemeier. Sie stemmte die Hände in die Hüften und holte tief Luft: ”Sültemeier! Du Suffkopp! Du Satansbraten! Du Scheusal!” Jedes Wort flog ihm wie ein Peitschenhieb um die Ohren. Er wurde immer kleiner. ”Wo hast du dich rumgetrieben? Was bildest du dir ein? Weihnachten sternhagelvoll nach Hause kommen! Und wir warten auf dich! Wärst du doch geblieben, wo du warst! Und wie du aussiehst!” Sie stieß mit dem Feuerhaken nach seiner Joppe, die von einem unglücklichen Sturz in eine Pfütze gelbbraun vom Straßenkot war. ”Und wo ist dein Hut? Weißt du, was der gekostet hat? Sicher, nicht so viel, wie du heute versoffen hast. Sültemeier, du bist ein Schwein.” Bei der Finte mit dem Feuerhaken versuchte er auszuweichen, geriet ins Wanken, suchte Halt am Türpfosten, griff daneben, und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre seiner Frau zu Füßen gelegen. ”Und was sollen die Kinder denken, wenn sie so einen Vater sehen? Das ganze Weihnachtsfest hast du ihnen verdorben, du Rabenvater, du Schnapsleiche!” Sültemeier gab sich alle Mühe, die Gedanken, oder was er dafür hielt, in seinem Kopf zu ordnen. Vergeblich. Sie drehten sich in einem fort wie ein Ringelspiel, nur in einer umgekehrten Richtung wie die vor ihm stehende Frau. Oder tanzte sie um ihn herum? Er wusste es nicht. ”Scher dich raus, Sültemeier! Geh mir aus den Augen! Geh zu deinen Saufkumpanen! Raus!” Diesen Worten verlieh sie mit schwungvollen Attacken mit dem Feuerhaken Nachdruck, und Sültemeier trat den Rückzug an. Er öffnete die Tür, trat hinaus in den Regen, und im nächsten Augenblick schlug die Tür auch schon wieder vor ihm zu, und er hörte das Knarren des Riegels von innen. Eine schöne Bescherung! Da stand er im Regen und fror. Wo sollte er hin? Der Dorfkrug war ja schon zu, und er hatte auch keinen Kreuzer mehr in der Tasche. Zu Stöpelmeiers Krischan konnte er auch nicht gehen, da ging es jetzt wohl ähnlich zu wie hier, und außerdem war er da schon rausgeflogen. Wohin also? Trocken sollte es sein und warm. Sültemeier sah sich um, und sein Blick blieb am Schweinestall hängen. Das war’s. Langsam ging er auf den Stall zu, achtete sorgfältig darauf, nicht in den Misthaufen zu stolpern, und schlüpfte in die Behausung seiner Lieblinge. Ein scharfer Geruch schlug ihm entgegen, aber es regnete wenigstens nicht mehr und es war warm. Mit einem lauten Rülpser ließ er sich auf die Strohschütte sinken und wenige Augenblicke später schlummerte er tief und fest. ”Du, ich finde das prima, dass der Sültemeier Weihnachten bei uns ist.” Der wackere Kolon schreckte auf. Hatte er geträumt? Da hatte doch eben einer über ihn gesprochen. Er rappelte sich hoch und sah sich verschlafen um. Alles war dunkel und stille, keine Menschenseele zu sehen. Da – wieder: ”Ja im Grunde ist der Sültemeier ein feiner Kerl. Wenn nicht diese Schlachterei wäre! Eklig!” Sültemeier wischte sich die Augen. Tatsächlich – da saßen seine Schweine beieinander und redeten über ihn. Und dann fiel ihm ein, dass der Großvater immer gesagt hatte, in der Christnacht redeten alle Tiere mit menschlicher Stimme. Er hatte das als Aberglauben abgetan, aber jetzt hörte er es mit eigenen Ohren. Langsam krabbelte er zu den Schweinen hinüber, und wie selbstverständlich machten sie für ihn Platz in ihrer Runde. ”Ihr sprecht also wirklich mit menschlicher Stimme?” fragte er immer noch ein wenig ungläubig. ”Natürlich, jedes Jahr in der Christnacht, eine ganze Stunde lang.” ”Und über was redet ihr dann so?” ”Was uns durch den Kopf geht und was so auf uns zukommt.” ”Hör auf, vom Schlachten zu reden, ich mag das Thema nicht!” rief die dicke Hanne dazwischen. ”Ihr wisst, was kommt? Das wüsste ich jetzt auch gern,” sagte Sültemeier und dachte dabei mit kaltem Schauer an den nächsten Morgen. ”Klar. Wir können dir ja ein bisschen erzählen.” Alle machten es sich bequem und blickten auf den dicken Willi, der von allen der älteste war und immer ganz gut Bescheid wusste. Der räusperte sich bedeutungsvoll und hub an: ”Also – mit Melbergen ist es nicht mehr lange.” ”Nicht möglich!” ”Doch. Irgendwann wird es Oeynhausen oder so heißen.” ”Das wird aber schwer zu schreiben sein.” ”Und es wird viele Kranke bei uns geben.” ”Wie schrecklich! Wir wollen doch besser alle gesund bleiben,” warfen die kleinen Ferkel ein. ”Nein, nicht, wie ihr dummen Dinger euch das denkt. Die Kranken werden zu uns kommen, damit sie gesund werden.” ”Und ein Kaiser wird zu uns kommen.” ”Ich weiß, Napoleon,” ergänzte der junge Fritze, der sich seiner Klugheit und Wendigkeit rühmte. ”Nein, der heißt wie ich: Willi!” korrigierte der alte Eber stolz. Die übrigen lachten und stießen sich an: ”Vielleicht hat der auch einen lahmen Vorderfuß wie unser Willi.” ”Spottet ihr nur, wir Willis sind eben sehr tüchtig.” ”Besonders, wenn es um den Futtertrog geht,” tönte es aus der zweiten Reihe. Sültemeier drehte sich alles im Kopf durcheinander wie die Mehlwürmer in dem Topf, den er fürs Angeln in der Scheune hielt. ”Und was kommt auf mich zu?” fragte er bange und dachte dabei wohl vor allem wieder an den nächsten Morgen. ”Sültemeier, du wirst berühmt,” verkündete seine Lieblingssau mit einem bedeutungsvollen Aufschlag ihrer weißen Wimpern, ”von dir wird man noch in 200 Jahren reden, weil du eine große Entdeckung machen wirst.” ”Er sieht aber nicht aus, als ob er das Pulver erfinden könnte,” meinte eine junge Sau hämisch. ”Das braucht er auch nicht, das erledigen wir. Wir, Sülzemeiers Schweine, werden für ihn das Salz entdecken.” ”Und dann wird er reich und berühmt?” ”Na ja, reich gerade nicht, das ist ihm wie uns armen Schweinen nicht vergönnt. Aber man wird ihm ein Denkmal setzen." ”Nein!” empörten sich die Schweine, ”uns wird man es setzen und Schweinebrunnen nennen.” ”Und was wird aus Sültemeier?” dachte sich dieser, wobei ihm besonders der nächste Morgen interessierte. Er wollte gar nicht berühmt werden, nur seine Ruhe haben. ”Aus Sültemeier wird nichts. Der bleibt Sültemeier, genau wie die andern im Dorf auch. Die bleiben Bauern, was immer auch passiert. ”Der dicke Willi rümpfte bei diesen Worten seinen Rüssel. ”Erst wenn alles so aussieht wie der dampfende Misthaufen vor der Tür, werden sie zufrieden sein.” ”Uns Tiere wird es dann aber auch noch geben?” ”Nein, Schweine und Rinder und Pferde gibt es dann nicht mehr in diesem Oeynhausen, dafür um so mehr Hunde und Katzen.” ”Ich hasse Hunde. Sie sind so grob,” beschwerte sich ein Jungschwein aus dem Hintergrund. ”Aber sie machen auch Mist, und die Leute werden verpflichtet, den einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen, wohl um damit den Misthaufen zu schmücken.” Sültemeier kratzte sich am Kopf. Keine Schweine, keine Pferde? Was sollte er schlachten? Wer sollte den Erntewagen ziehen? ”Willi, so geht das nicht!” protestierte er entschieden. ”Sültemeier, irgendwie geht es immer,” beruhigte ihn der alte Zuchteber, dann gibt es eben ...” Aber was er nun noch sagen wollte, konnte Sültemeier nicht mehr verstehen. Willi grunzte wieder wie immer, die anderen quiekten miteinander. Die Stunde war vergangen, alles war wieder wie gewohnt. Enttäuscht zog sich Sültemeier wieder auf seine Strohschütte zurück und begann bald mit seinen Schweinen um die Wette zu schnarchen. Als der Hahn ihn weckte, ging ihm noch einmal alles durch den Kopf: das waren ja interessante Aussichten, wenn er das seiner Frau erzählte ... Besser nicht, sonst glaubte sie wohl noch, er sei immer noch besoffen. Also behielt er alles für sich, und für die Leute im Werretal blieb das Leben spannend und voller Überraschungen bis auf den heutigen Tag. |