Was ich so lese.....

Rompf, Peter E.

Operativer Vorgang "Kreis" - eine chronique ordinaire

Frankfurter Oder Editionen, 1997

Paperback, 
272 S.

ISBN 3-930842-24-6

Peter Rompf dokumentiert an Hand der Akten, die ihm vom BStU (Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) zur Verfügung gestellt wurden, seinen "Fall", eben den operativen Vorgang "Kreis". Rompf ist Kantor in der katholischen Kirche in Frankfurt/Oder und erregt wegen seiner Jugendarbeit das misstrauische Interesse des MfS. Es beginnt das Abhören der Telefonate, es folgen erste Zuträgerberichte vom IMs. Die Kinder Rompfs werden in der Schule schikaniert. 1975 stellt Rompf einen Ausreiseantrag und begründet ihn mit der Abqualifizierung seines musikalischen Schaffens und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten in der DDR. 1976 beginnt dann der operative Vorgang "Kreis", in dem ein Freundeskreis ausspioniert und "zersetzt" wird, zu dem neben Rompf eine Reihe anderer kritischer Intellektueller gehört. IMs werden eingeschleust, und sie erstatten Bericht. Der Apparat des MfS arbeitet fast automatisch und interessiert sich für alles. Auch nach Rompfs Ausreise bleibt er weiter im Visier von "Horch und Guck". Erst als weitere Mitglieder des "Kreises" ausgereist sind, wird der operative Vorgang 1980 abgeschlossen.
Die Dokumentation gibt einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise des MfS vor Ort, in die Denkmuster der hauptamtlichen Mitarbeiter und in die Abgründe der Moral der IMs, deren Skrupellosigkeit und Einfalt wetteifern.

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Andreas Englisch

Johannes Paul II.
Das Geheimnis des Karol Wojtyla

Ullstein GmbH , 2003

Gebundene Ausgabe
382 S. 22 €

ISBN: 3-550-07576-6


Ein Papst aus Papier

Dass Karol Wojtyła eine widersprüchliche Persönlichkeit ist, dürfte kein Geheimnis sein. Der Pole aus der Kleinstadt Wadowice, der seit einem Vierteljahrhundert das Amt des Stellvertreters Christi im Vatikan bekleidet und über eine Milliarde Katholiken weltweit herrscht, ist ein weltoffener und reiselustiger Mensch, ein Medienstar, der Millionen von Gläubigen und Schaulustigen anzieht, der seine Gottesdienste wie Events inszeniert und selbst Musikplatten mit seiner nicht besonders musikalischen Stimme bespielt, der katholische Märtyrer wie am Fließband heilig und selig spricht, seine polnische Heimat und vor allem deren Schwarze Madonna über alles liebt und der - als sein körperlicher Zustand es ihm noch erlaubte - leidenschaftlich gern Schi fuhr, kletterte und schwamm. In seiner Jugend im von den Deutschen besetzten Krakau spielte er im Untergrund Theater, verfasste Bühnenstücke, von denen einige später verfilmt wurden und schrieb Gedichte, die - als er Papst wurde - in Millionenauflagen erschienen, obwohl sie wahrhaft nicht zu den originellsten gehören. Aber die Qualität seiner musischen Schöpfungen ist nebensächlich: Johannes Paul II ist ein Markenprodukt mit dem Logo des Herrn , der die Medien für seine Sache meisterhaft nutzt, so dass der massenhafte Verkaufserfolg garantiert ist. Der charismatische Pop-Papst, der die Heilige Maria so glühend verehrt, hat für die real existierenden wenig übrig. Er verwehrt ihnen den Zugang zum Priesteramt und zur Empfängnisverhütung, stellt das ungeborene Leben über alles und ist ein Vertreter jenes Katholizismus, von dem man meinte, dass er nach dem II. Vatikanischen Konzil zu einem Auslaufmodell werden wird. Wie passt die Weltoffenheit des polnischen Papstes mit seinem religiösen Rigorismus zusammen, ist also eine interessante Frage.

Päpstlicher Medienzirkus

Der 1963 in der Nähe von Paderborn geborene Andreas Englisch hatte es weit gebracht. Der Korrespondent der Springer Presse gehört seit 1995 zu den sechs auserwählten Journalisten, die Johannes Paul II auf seinen Reisen begleiten dürfen. Das bewog ihn dazu, pünktlich zum 25.Jubiläum des Pontifex, ein Porträt des meistgefilmten (Heiligen) Vaters zu zeichnen. Herausgekommen ist das fast 400-Seiten lange kurzweilige Buch unter dem Titel: „Johannes Paul II. Das Geheimnis des Karol Wojtyła“, eine Mischung aus VHS-Religionsgeschichtskurs und Kolportage. Wenn überhaupt etwas gelüftet wird, dann die Geheimnisse, die sich hinter den Kulissen des eine jeden Papstreise begleitenden Medienzirkus verbergen. Die Vertreter der internationalen Presse in dezenten dunkelblauen Anzügen kämpfen um die besten Plätze im päpstlichen Flugzeug nach Art der Ellbogengesellschaft, die sie mit ihren Informationen bedienen. Der Papst ist in Andreas Englischs Buch zwar immer präsent, denn der Journalist begleitet ihn auf seinen Reisen, doch er wirkt unnahbar, wie eine blasse und leblose Figur aus Papier, die nur dann auflebt, das Richtige sagt und tut, wenn Tausende von Kameras und Augen von Millionen seiner Fans auf ihn gerichtet sind. Vielleicht ist das gerade das Geheimnis dieses Papstes, dass er mit seiner amtlichen Rolle voll verschmolzen ist. Er ist ein Vertreter des Herrn, der die göttliche Botschaft mediengerecht unter die Menschen bringt. Und Andreas Englisch hilft ihm dabei, fasziniert von dem Charme seines Papierpapstes, der so anrührend menschlich, mitfühlend, versöhnlich und selbstlos durch die Welt jettet, um die Gläubigen und manchmal auch die Andersgläubigen an seiner Heiligkeit teilhaben zu lassen. Gesundheitlich und gebrechlich und vom Leid geprüft. Aber Karol Wojtyła leidet gern für Millionen. Schließlich ist er ein Pole: Christus der Nationen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

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 15.12.2003

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Wladimir Kaminer

Mein deutsches Dschungelbuch

Manhattan, 2003
355 S. 18 €

ISBN 3442545544

 


Wladimir Kaminers Wanderjahre

Wladimir Kaminer hat sich zum Bestsellerautor hoch gearbeitet und beglückt seine Fans Jahr für Jahr mit seinen kurz gefassten Erkenntnissen über das Leben der Deutschen in ihrem Land. Als waschechter Moskauer hatte er sich vor dreizehn Jahren in der deutschen Hauptstadt niedergelassen und beschrieb - zuerst auf erfrischend unverkrampfte Weise und mit wohltuendem Humor - die Bräuche der Berliner und all jener, die sich zu den Bewohnern der neuen Metropole zählten. Die Lesenden besuchten mit ihm seine Russendisko und fühlten sich in ihren Vorurteilen über die Wodka trinkenden Russen und die Früchtetee bevorzugenden Deutschen weiblichen Geschlechts angenehm bestätigt. Sie spazierten mit ihm durch die Schönhauser Allee und erfuhren, dass die italienischen Kneipen den Türken, die türkischen den Georgiern gehörten und dass die Vietnamesen im Vordergrund und die Russen im Hintergrund agierten. Es waren einfache und nicht anstrengende Kurzgeschichten, die man mühe- und manchmal gedankenlos in der U-Bahn konsumieren konnte. Nachdem die Berliner Schiene auf einem toten Gleis zu enden schien, griff Kaminer auf seine Erfahrungen als Soldat der Roten Armee zurück, und beglückte seine Fangemeinde mit der "Militärmusik“, die er einen Roman nannte. Dazu reifte das Büchlein zwar nicht heran, da aber heutzutage alles, was hundert Seiten knapp überschreitet sich so nennen darf, las man mit einiger Verwunderung über die tolle, kameradschaftliche und spaßige Zeit des jungen Rekruten in einer russischen Garnison mit einem strengen jedoch herzlichen General, der in seiner Freizeit hingebungsvoll wilden Hunden eine Kugel in den Kopf oder sonst wo jagte. Das haben wir immer schon gewusst, dachten sich die Lesenden, die Russen sind halb so schlimm, in Wirklichkeit herzensgute Kerle, Iwane auf tönernen Füssen, und wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt bekanntlich ein Mongole zum Vorschein, wie Genosse Lenin zu sagen pflegte. Und nichts lieben die Deutschen mehr als die russische Militärmusik, auch wenn die Jüngeren unter ihnen zwischen „Kalinka“ und „Katjuscha“ nicht unterscheiden können.

Gewisse Kenntnisse

Das Leben eines gefragten Autors ist anstrengend genug. Wladimir Kaminers literarisches Leben ist sicherlich noch anstrengender, zumal er als Russe freiwillig unter die Deutschen gegangen ist und sich ihrer Sprache beim Schreiben bedient. Und weil die Deutschen nichts mehr lieben, als einen echten Russen zum Anfassen, ist der Kurzgeschichtenverfasser auf Reisen durch die kleine Welt gegangen, um seine Erkenntnisse über die Berliner und Russen im Einzelnen und über die Deutschen als freundliche Exoten im Allgemeinen in die entlegendsten Ecken der wiedervereinigten Republik (vor) zu tragen. Der neugekürte Reiseliterat schrieb in gewohnter Kürze seine Eindrücke von den Leseabenden in der deutschen Provinz nieder und ehe man sich umsah erschienen sie schon als "Mein deutsches Dschungelbuch“, das nicht hält, was der Titel verspricht. Der deutsche Dschungel ist ein zwar dichtes aber harmloses Gebinde aus Orten, deren Namen auszusprechen sich ein echter Literat ekelt. Anders unser dschungeldeutscher Kaminer: er scheut sich nicht, den Quittenschnaps in Weikersheim, Schweinebraten in Sinsheim, Krokodilsteaks in Sömmerda, Würstchen in Nürnberg, Kohl und Pinkel in Harpstedt und Beruhigungsmittel in Dormagen und Meinerzhagen in den Mund zu nehmen. Spätestens aus dieser Lektüre wissen wir, dass die Mägen in den alten Ländern der nationalen kulinarischen Tradition eher treu geblieben sind, während die in den neunen Bundesländern sich dem neuem Speiseplan nicht verschließen. Spätestens aus dieser Lektüre wissen wir auch, dass ein Reiseliterat ein ganz normaler Mensch ist. Einer wie du und ich. Er fährt mit dem Zug, er schläft, er isst meistens dreimal am Tag, er trinkt bevorzugt am Abend über den Durst, er trifft sich mit verschiedenen Menschen, er guckt fern, er denkt ernsthaft nach und er langweilt sich oft und wir mit ihm auch. Mit dem Unterschied zu uns, dass er seine ernsten Gedanken über Gott und die deutsche Dschungelwelt in einem Buch niederschreibt, zum Beispiel so: "Auf meiner dauerhaften Wanderschaft durch die Bundesrepublik habe ich gewisse Kenntnisse über die innere Architektur deutscher Kleinstädte gewonnen und brauche schon längst keine Karte mehr, um in einer neuen Stadt das richtige Hotel und die lebenswichtigen Geschäfte zu finden. Denn in einer perfekten deutschen Kleinstadt hat alles am richtigen Platz zu sein, und die Bahnhofsstraße kreuzt immer die Hauptstraße. Diese Kreuzung ist das Herz jeder Kleinstadt. Dort angekommen muss der Wanderer erst einmal nach links und rechts gucken. Sofort sieht er alles, was er für den täglichen Bedarf und für unterwegs braucht. Dort, zwischen dem Marktplatz und dem Kirchplatz, sind alle wichtigen städtischen Einrichtungen zu finden: der Hauptlebensmittelladen, die Apotheke, die Kreissparkasse, das Hotel.“ Wladimir Kaminers Wanderjahre, die in seinem sehr deutschen und bierernsten Dschungelbuch zu Ende gehen, scheinen eine neue Gattung einzuleiten: die Bildungsstory. Achtung: Fortsetzung folgt, denn das nächste Mal wird sich der Meister auf die Reise durch die große Welt begeben. Er droht schon mit einem Weltdschungelbuch...

Text © Urszula Usakowska-Wolff

14.12.2003

Norbert Sternmut

Marlies

Roman

Wiesenburg Verlag Schweinfurt, 2003
315 S. 18,80 €

ISBN 3932497899

 


Das soll ein Kriminalroman sein, und es hat auch den Anschein, denn die Leichen treten in regelmäßigen Abständen auf und sogar ein richtiger Inspektor kümmert sich um das Geschehen - ist es aber nicht, denn dem Leser wird die verdiente Lösung der Fälle vorenthalten und die Abwägungen der Tatmotive sind rein hypothetisch.

Vielleicht sollte es auch ein erotischer Roman werden, denn die sexuellen Aktivitäten der beiden Hauptprotagonisten werden wiederholt und ausführlich geschildert, so dass ein Einhandleser auf seine Kosten kommen mag - ist es aber nicht geworden, weil weder erotische Spannung noch handlungsbedingte Notwendigkeit diese pornographischen Versatzstücke rechtfertigen.

Eine psychologische Studie aus dem Schaffen eines Schriftstellers hätte durchaus ihren Reiz, wenn das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Höhenflug und Alltag ausgeleuchtet würde, der Leser quasi einen Blick in die Werkstatt des Autors tun könnte - aber eine Psychopathologie des Autors lenkt von einer Vertiefung ab und lässt den Leser Hilfe suchend nach einer therapeutischen Hand Ausschau halten.

Also ist es wohl vor allem ein sprachliches Kunstwerk, dem Handlung, Personal und soziale Einbettung Mittel zum Zweck verbaler Schlappseilartistik sind. Doch weit gefehlt: gerade daran hapert es durchgängig, wenn nicht gerade aus anderen Büchern zitiert wird. Die Vorbilder finden alle ihren Ehrenplatz im Text, vor allem Peter Handke, und Elfriede Jelinek darf sich sogar der vertrauten Anrede mit Vornamen erfreuen. Jedoch bleibt der Autor hinter ihrer Sprachgewalt zurück oder missversteht diesen Begriff gründlich. Elliptische Sätze, Kaskaden von Apostrophen verraten zwar den festen Blick auf das Vorbild, machen aber allein noch keinen sprachlichen Zierrat. Und der Verzicht auf Rationalität, angeblich das Spiel mit der Wirklichkeit, ist mitnichten der Schlüssel zu einem Sein jenseits der Wirklichkeit. Und der Leser fragt sich: Sind der falsche Gebrauch des Konjunktivs, das von Modeboutiquen und Imbissständen inzwischen vertraute Apostroph-S im Genitiv eines Namens oder das Wegen, das einen Dativ regiert, nun Unvermögen, Nachlässigkeit oder ein Aufbruch zu neuen Sprachufern?

Um den authentischen autobiographischen Zug des Textes zu unterstreichen, hält der Autor nicht damit hinter dem Berge, dass auch „Der Tote im Park“ von ihm ist, und er berichtet, wie er sich an Elfriede Jelinek wandte, sie möge ihm doch etwas zu diesem Buch schreiben, und von dieser die Antwort erhielt: „Schreiben sie sich doch selbst etwas…“ (Norbert Sternmut, Marlies. Roman, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt, 2003, S. 25).

Liebe Frau Jelinek, das hätten Sie besser nicht geschrieben.


Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

Kressmann Taylor

 

 

Adressat unbekannt

 

 

Aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm

Hoffmann und Campe, Hamburg, 2000,
 69 S.

 

ISBN 3-455-07674-2

Wenn ein schmales Bändchen von 60 Seiten nach 60 Jahren noch so aktuell ist wie zum Zeitpunkt seines Erscheinens 1938 in der Zeitschrift „Story“, verdient es zu Recht, ein klassisches Werk genannt zu werden.

„Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor beschreibt in einem Briefwechsel zwischen dem jüdischen Galeristen Eisenmann in San Francisco und seinem Geschäftspartner Schuls, der unmittelbar vor der Hitlerschen Machtergreifung nach Deutschland zurückkehrt, wie das Gift des Nationalsozialismus einen kultivierten Menschen zerfrisst, ihn in die aberwitzigen und scheinbar rationalen Begründungen seiner Inhumanität lockt und ihn Freunde und die Geliebte Griselle, eine Schwester Eisenmanns, verraten lässt. Die Verzweiflung Eisenmanns, der den moralischen Niedergang seines Freundes und schließlich den gewaltsamen Tod seiner Schwester Griselle erfährt, entlädt sich in einem subtilen Racheakt, der den „Herrenmenschen“ in all seiner Erbärmlichkeit entlarvt. Mit wenigen Andeutungen entwirft Kressmann Taylor ein präzises Bild der Nazi-Zeit und der Verführbarkeit ihrer Täter und Mitläufer in der Schicht des Bildungsbürgertums, das vor dem Hintergrund von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Gewalt gegen Schwache in der Gegenwart bedrückend zeitnah ist.

 

Marek Lawrynowicz: Der Teufel auf dem Kirchturm

Marek Ławrynowicz

 

Der Teufel auf dem Kirchturm

Roman

 

Aus dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall

 

Verlag C.H. Beck, München, 2000, 208 S.


ISBN 3-406-46573-0

Drei Dinge solle ein Mann tun, lässt Ławrinowicz seinen Großvater Józef sagen: einen Sohn zeugen, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Für Ławrinowicz war da wohl noch ein viertes: einen Roman schreiben. Und das hätte er besser gelassen.

Sonst ein Könner der kleinen Form, ist ihm mit dem Füllen der Seiten die Puste ausgegangen. Bis ca. Seite 100 ist ihm in der Tat ein Schelmenroman gelungen, der humorvoll und anschaulich das Leben einer polnischen Familie aus Wilna schildert, die den Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit, noch einen Weltkrieg und die Wirren danach überlebt, aus den mannigfachen Nöten Tugenden macht und in ihren so verschiedenen Mitgliedern die Vielfältigkeit polnischen Lebens widerspiegelt. So weit eine angenehme, vergnügliche und zugleich nachdenklich machende Lektüre. Die Zeit des Kommunismus dagegen scheint wenig Anlass zu heiterer Gelassenheit und Lebenswitz zu bieten, sieht man von Onkel Mieteks Versuch, eine Kolchose zu gründen, einmal ab. Vielleicht liegt es ja an der biographischen Nähe des Autors zu dieser Zeit, dass er vom humoristischen Florett zur Ohrfeige wechselt.

 

Arnold Mostowicz

Der blinde Maks oder Passierschein durch den Styx

 

Herausgegeben von Andrzej Bodek

 

Aus dem Polnischen von Karin Wolff und Andrzej Bodek

 

Transit, Berlin, 1992, 247 S.


ISBN 3-88747-081-8

Arnold Mostowicz kehrt als junger Arzt nach dem Studium in Frankreich (in Polen war es für Juden unmöglich, zum Studium zugelassen zu werden) zu Beginn des Krieges 1939 nach Łódź zurück. Er wird zum Rettungsdienst, der dem Ältestenrat der Juden im Ghetto von Łódź, das nun Litzmannstadt hieß, verpflichtet und wird zum teilnehmenden Beobachter der Leiden der gequälten Menschen und des Kampfes um Würde und Menschlichkeit. Reymonts "gelobtes Land" wird zu einer Hölle, das Ghetto im Stadtteil Bałuty zum größten Sklavenlager der Nazis, wo die jüdischen Schneider und Schuster für das nackte Überleben arbeiteten. Mostowicz beschreibt den Holocaust, von der Errichtung des Ghettos über das Vernichtungslager Auschwitz bis zu den Außenlagern bei Kriegsende, die für alle sichtbar in unmittelbarer Nähe der deutschen Städte entstanden. Dabei entsteht ein Bild jenseits von Schtetl-Seligkeit und Heroismus à la "Nackt unter Wölfen". Mostowicz gibt in seinen episodenhaften Erzählungen, die von seinem eigenen  Leidensweg zusammengehalten werden, den Opfern das menschliche Antlitz zurück, das die Tötungsmaschinen ihnen raubten. Ein gleichermaßen ergreifendes wie spannendes Buch, das das beschädigende Schicksal traf, in einem kleinen Verlag zu erscheinen, so dass ihm die gebührende Achtung versagt blieb.

Erich Fried: Fast alles Mögliche

Erich Fried

 

Fast alles Mögliche. Wahre Geschichten und gültige Lügen

 

Klaus Wagenbach, Berlin, 2000,

142 S.


(Wagenbach Taschenbuch 389)


ISBN 3 8031 2389 5

Erich Fried / Joern Schlund: Weltbausteine, Möglichkeiten des Weiterlebens. Bilder, Texte, Gespräche

Erich Fried / Joern Schlund

 

Weltbausteine, Möglichkeiten des Weiterlebens. Bilder, Texte, Gespräche

 

Agenda Verlag, Münster, 1994,

112 S.


ISBN 3 929440 28 8


Keine Gedichte von Erich Fried, aber Texte von gleicher sprachlicher Dichte begegnen einem wieder. Und sie sind aktuell wie zur Zeit ihrer Entstehung Anfang der 70er Jahre. "Die Schneibarkeit" über den Schusswaffengebrauch der Polizei ebenso wie "Die Konstrukteure" über die schöngeistige Unfähigkeit zum Handeln passen auch in den Diskurs dieser Tage. "Die Schildkrötenwende vollzieht sich so und ähnlich mitten unter uns, "Zu Tode gehetzt" wird weltweit immer noch. Die Satiren treffen, und die Parabeln über Gebrauchtfrauen und Schrei-Verwerter spüren den Gedanken auf ihren Wegen und Abwegen nach. Alle Texte sind jedoch vor allem Liebesgeschichten, Liebesgeschichten eines Mannes, der die Menschen liebt. Das bedeutet doch Humanismus?


Jeremy Rifkin

 

Access - Das Verschwinden des Eigentums

 

Campus Verlag, 2000, 424 S.


ISBN 3 593365413


Dieses Buch habe ich gekauft. Ich habe es gelesen und kann es immer wieder lesen, so oft ich will, ohne auch nur einen Pfennig zu bezahlen. Diese Website habe ich gemietet, und wenn ich Dir immer wieder zeigen will, was ich so lese, muss ich dafür eine Gebühr bezahlen. Und du musst jedes Mal eine Gebühr bezahlen, wenn Du sie lesen willst. 

Aber ich zahle nicht an Dich, du nicht an mich. Wir zahlen an irgendwelche Dritte für einen zwischenmenschlichen Vorgang, für ein Stück Leben.

Irgendwann werden wir alle eine Gebühr für unser Leben zu zahlen haben, wenn der vernetzte Kapitalismus, wie ihn Rifkin analysiert, erst einmal alle Lebensbereiche erfasst hat. Nicht mehr der Besitz von Rohstoffen, die Verfügbarkeit von Maschinen bedeuten wirtschaftliche Macht, sondern das Recht auf den Zugang. Der Mensch, das Leben, die Natur werden zum Marktobjekt. Selbstwertgefühl wird durch Markenkonsum verkauft, der öffentliche Platz verschwindet im privaten Einkaufszentrum, das menschliche Genom wird patentiert, physikalische Größen wie Frequenzen werden angeeignet und gegen Gebühr überlassen. Irgendwann wird die Atemluft gegen Nutzungsgebühr verteilt, und das freundliche "Hallo!" über den Gartenzaun zum Nachbarn wird zum strafbaren subversiven Akt, der von staatlichen (?) Agenten verfolgt wird, weil er die Wirtschaftsordnung in Frage stellt.

 

Christian Jacq: Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte

Christian Jacq

Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte

Aus dem Französischen von Thorsten Schmidt

Artemis und Winkler, Düsseldorf,1998,

336 S.

ISBN 3-538-07074-1

 

 

Laurence Berggreen

Louis Armstrong.

Ein extravagantes Leben.

Aus dem Amerikanischen von Juliane Zaubitzer

Haffmanns Verlag, Zürich, 2000, 639 S.

 ISBN 3-251-00467-0

A

Matthias Grünewald: Isenheimer Altar

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Horst Ziermann

Matthias Grünewald

Prestel Verlag, München, 2000; 


Vor 125 Jahren schätzte ein Interessent den Tauberbischofsheimer Altar Matthias Grünewalds mal gerade auf 220 Goldmark, ein Würzburger Domkapitular meinte, "so ein Bild passe in unserer Zeit nicht mehr in eine Kirche", ein anderer hielt ihn für "geschmacklos". Erst die Zeit des Expressionismus konnte die gewagte Coloristik und die ergreifende Darstellung menschlichen Leidens verstehen, die das Werk des Künstlers "Meister Mathis" vor seinen Zeitgenossen auszeichnen.

Ebenso spärlich wie das überkommene Werk sind die gesicherten Quellen zu seiner Biographie. Wo gleich vier Personen dieses Namens für den Schöpfer des Isenheimer Altars, seinem bedeutendsten Werk, in Frage kommen, bedarf es kriminalistischen Scharfsinns, daraus eine schlüssige Biographie zu destillieren. Diese Aufgabe hat Horst  Ziermann vorzüglich gelöst, ebenso wie die Entschlüsselung der Bildsymbolik, die dem Betrachter heute nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist. Er führt durch das Werk dieses genialen Künstlers, der in seiner Zeit gleichberechtigt neben Dürer, Michelangelo und Leonardo zu stellen ist, zeichnet seine stilistische und gedankliche Entwicklung nach, schließt dabei einander widersprechende Deutungsansätze aus und öffnet den reichen Schatz mystischen Denkens in der Zeit des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Renaissance. Jedem der großartigen überlieferten Werke widmet Ziermann ein eigenes Kapitel, das umfangreichste natürlich dem Isenheimer Altar von 1515, der sich heute im Museum Unterlinden in Colmar befindet und den erst Jacob Burckhardt eindeutig Grünewald zuschrieb, nachdem er lange Zeit als ein Werk des populären Dürer galt. So entsteht ein lebendiges Bild eines "modernen" Künstlers, der nach 400 Jahren des Vergessens wieder zu seinen Betrachtern spricht.

Dem renommierten Prestel Verlag ist ein Buch gelungen, dessen Bildwerk durch hochwertige Reproduktionen und zahlreiche Detailabbildungen es dem Leser ermöglicht, unmittelbar mit den Arbeiten Matthias Grünewalds in einen tiefen Dialog zu treten.

  

 Lily Brett:  Zu viele Männer. Roman

Lily Brett

Zu viele Männer. Roman

Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz

Franz Deuticke Verlagsgesellschaft, Wien, 2001, 655 S.

 ISBN 3-216-30508-2


Eigentlich - wenn man den blickfängerischen Titel (er könnte auch "Gesund durch Müsli" oder "Mercedes, das beste Auto der Welt" lauten) überwunden hat - ein interessantes und wichtiges Thema von einer Autorin dargeboten, von der man schon vieles Angenehme und  Gute gelesen hat: Ruth Rothwax reist mit ihrem Vater, der wie die verstorbene Mutter das Ghetto von Łódź und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat, nach Polen, um die Stätten des Leidens aufzusuchen und Spuren der Familienvergangenheit zu finden. Aber was macht Lily Brett daraus!

Einerseits schildert sie mit reportagehafter Genauigkeit den Ablauf dieser Reise, unterfüttert fast jedes Detail mit Fakten, die die gewissenhafte Ruth Rothwax sich angelesen hat oder durch insistierendes Fragen aus ihrer Umgebung herauspresst. Der unvoreingenommene Leser soll spüren: hier ist jedes Wort wahr. Der dokumentarische Charakter des Buchs wird noch unterstrichen durch Fakten zur Geschichte des Holocaust (ein bisschen volkshochschulhaft!) sowie langen Zitatpassagen des ersten Auschwitzkommandanten Rudolf Höß, die in einer Art innerem Monolog das Buch durchziehen. Die Dialoge sollen Authentizität gewinnen durch das hin und wieder anklingende Jiddeln von Vater Edek.

Leider kommt dabei das eigentlich interessierende Sujet, die innere Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus der Perspektive der Kinder der Opfer, der Opfer im Angesicht der Überreste des Schreckens, der anderen in der Begegnung mit den Opfern zu kurz. Lily Brett hat mit ihrer Geschichte, die ja auch autobiographische Züge hat, eine große Chance vertan. Über weite Partien des Buches hat man allerdings den Eindruck, dass es ihr auch noch um ganz etwas Anderes geht.

Wie ein basso continuo zieht sich durch den Text ein abgrundtiefer Hass gegen Polen und die Polen. Kein Ressentiment gegen Land und Leute ist ihr abgegriffen und böse genug, um es nicht genüsslich auszubreiten. Sie schildert ein heruntergekommenes, schmutziges, unzivilisiertes Land, wo Eseltreiber (sic!) die Straßen bevölkern, wo man sich zum Zähneputzen ausländisches Mineralwasser besorgen muss, wo statt Gardinen Lumpen in den Fenstern hängen, wo es nach Kohl riecht, wo die Menschen in die Parks kacken, statt eine Toilette aufzusuchen, Menschen, die durchweg schmutzig, übelriechend, frech, habgierig und verschlagen sind. Ruth Rothwax würde ihnen den Tod wünschen, wüsste sie nicht, dass sie sich sowieso zu Tode rauchen. Verständnislos sieht sie mit an, wie ihr Vater, ohnehin ein wenig einfältig, sich immer wieder mit ihnen verbrüdert.

Es hat den Anschein, dass neben der Aufarbeitung des Holocausterlebens diese "Abrechnung" mit den Polen, scheinbar dokumentarisch dargelegt, das zweite große Anliegen Lily Bretts ist. Und das macht das Buch ärgerlich und gleichzeitig die mitunter durchaus gut geschriebenen Passagen wertlos.

Mit dem Schluss entlässt die Autorin den Leser mit einer beunruhigenden Drohung: sie hat dramaturgisch alle Vorbereitungen getroffen, um einen zweiten Band folgen zu lassen.

© Manfred Wolff

 

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