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Was ich so lese.....
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Rompf, Peter E.
Operativer
Vorgang "Kreis" - eine chronique ordinaire
Frankfurter Oder Editionen, 1997
Paperback,
272 S.
ISBN 3-930842-24-6
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Peter Rompf dokumentiert an
Hand der Akten, die ihm vom BStU (Bundesbeauftragter für die Unterlagen
des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen
Republik) zur Verfügung gestellt wurden, seinen "Fall", eben
den operativen Vorgang "Kreis". Rompf ist Kantor in der
katholischen Kirche in Frankfurt/Oder und erregt wegen seiner Jugendarbeit
das misstrauische Interesse des MfS. Es beginnt das Abhören der
Telefonate, es folgen erste Zuträgerberichte vom IMs. Die Kinder Rompfs
werden in der Schule schikaniert. 1975 stellt Rompf einen Ausreiseantrag
und begründet ihn mit der Abqualifizierung seines musikalischen Schaffens
und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten in der DDR. 1976 beginnt dann der
operative Vorgang "Kreis", in dem ein Freundeskreis ausspioniert
und "zersetzt" wird, zu dem neben Rompf eine Reihe anderer
kritischer Intellektueller gehört. IMs werden eingeschleust, und sie
erstatten Bericht. Der Apparat des MfS arbeitet fast automatisch und
interessiert sich für alles. Auch nach Rompfs Ausreise bleibt er weiter
im Visier von "Horch und Guck". Erst als weitere Mitglieder des
"Kreises" ausgereist sind, wird der operative Vorgang 1980
abgeschlossen.
Die Dokumentation gibt einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise
des MfS vor Ort, in die Denkmuster der hauptamtlichen Mitarbeiter und in
die Abgründe der Moral der IMs, deren Skrupellosigkeit und Einfalt
wetteifern.
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Andreas
Englisch
Johannes
Paul II.
Das
Geheimnis des Karol Wojtyla
Ullstein GmbH , 2003
Gebundene
Ausgabe
382 S. 22 €
ISBN:
3-550-07576-6
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Ein Papst aus Papier
Dass
Karol Wojtyła eine widersprüchliche Persönlichkeit ist, dürfte
kein Geheimnis sein. Der Pole aus der Kleinstadt Wadowice, der seit einem
Vierteljahrhundert das Amt des Stellvertreters Christi im Vatikan
bekleidet und über eine Milliarde Katholiken weltweit herrscht, ist ein
weltoffener und reiselustiger Mensch, ein Medienstar, der Millionen von Gläubigen
und Schaulustigen anzieht, der seine Gottesdienste wie Events inszeniert
und selbst Musikplatten mit seiner nicht besonders musikalischen Stimme
bespielt, der katholische Märtyrer wie am Fließband heilig und selig
spricht, seine polnische Heimat und vor allem deren Schwarze Madonna über
alles liebt und der - als sein körperlicher Zustand es ihm noch erlaubte
- leidenschaftlich gern Schi fuhr, kletterte und schwamm. In seiner Jugend
im von den Deutschen besetzten Krakau spielte er im Untergrund Theater,
verfasste Bühnenstücke, von denen einige später verfilmt wurden und
schrieb Gedichte, die - als er Papst wurde - in Millionenauflagen
erschienen, obwohl sie wahrhaft nicht zu den originellsten gehören. Aber
die Qualität seiner musischen Schöpfungen ist nebensächlich: Johannes
Paul II ist ein Markenprodukt mit dem Logo des Herrn , der die Medien für
seine Sache meisterhaft nutzt, so dass der massenhafte Verkaufserfolg
garantiert ist. Der charismatische Pop-Papst, der die Heilige Maria so glühend
verehrt, hat für die real existierenden wenig übrig. Er verwehrt ihnen
den Zugang zum Priesteramt und zur Empfängnisverhütung, stellt das
ungeborene Leben über alles und ist ein Vertreter jenes Katholizismus,
von dem man meinte, dass er nach dem II. Vatikanischen Konzil zu einem
Auslaufmodell werden wird. Wie passt die Weltoffenheit des polnischen
Papstes mit seinem religiösen Rigorismus zusammen, ist also eine
interessante Frage.
Päpstlicher
Medienzirkus
Der
1963 in der Nähe von Paderborn geborene Andreas Englisch hatte es weit
gebracht. Der Korrespondent der Springer Presse gehört seit 1995 zu den
sechs auserwählten Journalisten, die Johannes Paul II auf seinen Reisen
begleiten dürfen. Das bewog ihn dazu, pünktlich zum 25.Jubiläum des
Pontifex, ein Porträt des meistgefilmten (Heiligen) Vaters zu zeichnen.
Herausgekommen ist das fast 400-Seiten lange kurzweilige Buch unter dem
Titel: „Johannes Paul II. Das Geheimnis des Karol Wojtyła“, eine
Mischung aus VHS-Religionsgeschichtskurs und Kolportage. Wenn überhaupt
etwas gelüftet wird, dann die Geheimnisse, die sich hinter den Kulissen
des eine jeden Papstreise begleitenden Medienzirkus verbergen. Die
Vertreter der internationalen Presse in dezenten dunkelblauen Anzügen kämpfen
um die besten Plätze im päpstlichen Flugzeug nach Art der
Ellbogengesellschaft, die sie mit ihren Informationen bedienen. Der Papst
ist in Andreas Englischs Buch zwar immer präsent, denn der Journalist
begleitet ihn auf seinen Reisen, doch er wirkt unnahbar, wie eine blasse
und leblose Figur aus Papier, die nur dann auflebt, das Richtige sagt und
tut, wenn Tausende von Kameras und Augen von Millionen seiner Fans auf ihn
gerichtet sind. Vielleicht ist das gerade das Geheimnis dieses Papstes,
dass er mit seiner amtlichen Rolle voll verschmolzen ist. Er ist ein
Vertreter des Herrn, der die göttliche Botschaft mediengerecht unter die
Menschen bringt. Und Andreas Englisch hilft ihm dabei, fasziniert von dem
Charme seines Papierpapstes, der so anrührend menschlich, mitfühlend,
versöhnlich und selbstlos durch die Welt jettet, um die Gläubigen und
manchmal auch die Andersgläubigen an seiner Heiligkeit teilhaben zu
lassen. Gesundheitlich und gebrechlich und vom Leid geprüft. Aber Karol
Wojtyła leidet gern für Millionen. Schließlich ist er ein Pole:
Christus der Nationen.
Text © Urszula
Usakowska-Wolff
Mehr
über den Autor und seinen Papst bei:
Das
Erste online >>>
15.12.2003
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Wladimir
Kaminer
Mein
deutsches Dschungelbuch
Manhattan,
2003
355 S. 18 €
ISBN
3442545544
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Wladimir Kaminers Wanderjahre
Wladimir
Kaminer hat sich zum Bestsellerautor hoch gearbeitet und beglückt seine
Fans Jahr für Jahr mit seinen kurz gefassten Erkenntnissen über das
Leben der Deutschen in ihrem Land. Als waschechter Moskauer hatte er sich
vor dreizehn Jahren in der deutschen Hauptstadt niedergelassen und
beschrieb - zuerst auf erfrischend unverkrampfte Weise und mit wohltuendem
Humor - die Bräuche der Berliner und all jener, die sich zu den Bewohnern
der neuen Metropole zählten. Die Lesenden besuchten mit ihm seine
Russendisko und fühlten sich in ihren Vorurteilen über die Wodka
trinkenden Russen und die Früchtetee bevorzugenden Deutschen weiblichen
Geschlechts angenehm bestätigt. Sie spazierten mit ihm durch die
Schönhauser Allee und erfuhren, dass die italienischen Kneipen den
Türken, die türkischen den Georgiern gehörten und dass die Vietnamesen
im Vordergrund und die Russen im Hintergrund agierten. Es waren einfache
und nicht anstrengende Kurzgeschichten, die man mühe- und manchmal
gedankenlos in der U-Bahn konsumieren konnte. Nachdem die Berliner Schiene
auf einem toten Gleis zu enden schien, griff Kaminer auf seine Erfahrungen
als Soldat der Roten Armee zurück, und beglückte seine Fangemeinde mit
der "Militärmusik“, die er einen Roman nannte. Dazu reifte das
Büchlein zwar nicht heran, da aber heutzutage alles, was hundert Seiten
knapp überschreitet sich so nennen darf, las man mit einiger Verwunderung
über die tolle, kameradschaftliche und spaßige Zeit des jungen Rekruten
in einer russischen Garnison mit einem strengen jedoch herzlichen General,
der in seiner Freizeit hingebungsvoll wilden Hunden eine Kugel in den Kopf
oder sonst wo jagte. Das haben wir immer schon gewusst, dachten sich die
Lesenden, die Russen sind halb so schlimm, in Wirklichkeit herzensgute
Kerle, Iwane auf tönernen Füssen, und wenn man ein bisschen an der
Oberfläche kratzt, kommt bekanntlich ein Mongole zum Vorschein, wie
Genosse Lenin zu sagen pflegte. Und nichts lieben die Deutschen mehr als
die russische Militärmusik, auch wenn die Jüngeren unter ihnen zwischen
„Kalinka“ und „Katjuscha“ nicht unterscheiden können.
Gewisse
Kenntnisse
Das
Leben eines gefragten Autors ist anstrengend genug. Wladimir Kaminers
literarisches Leben ist sicherlich noch anstrengender, zumal er als Russe
freiwillig unter die Deutschen gegangen ist und sich ihrer Sprache beim
Schreiben bedient. Und weil die Deutschen nichts mehr lieben, als einen
echten Russen zum Anfassen, ist der Kurzgeschichtenverfasser auf Reisen
durch die kleine Welt gegangen, um seine Erkenntnisse über die Berliner
und Russen im Einzelnen und über die Deutschen als freundliche Exoten im
Allgemeinen in die entlegendsten Ecken der wiedervereinigten Republik
(vor) zu tragen. Der neugekürte Reiseliterat schrieb in gewohnter Kürze
seine Eindrücke von den Leseabenden in der deutschen Provinz nieder und
ehe man sich umsah erschienen sie schon als "Mein deutsches
Dschungelbuch“, das nicht hält, was der Titel verspricht. Der deutsche
Dschungel ist ein zwar dichtes aber harmloses Gebinde aus Orten, deren
Namen auszusprechen sich ein echter Literat ekelt. Anders unser
dschungeldeutscher Kaminer: er scheut sich nicht, den Quittenschnaps in
Weikersheim, Schweinebraten in Sinsheim, Krokodilsteaks in Sömmerda,
Würstchen in Nürnberg, Kohl und Pinkel in Harpstedt und
Beruhigungsmittel in Dormagen und Meinerzhagen in den Mund zu nehmen.
Spätestens aus dieser Lektüre wissen wir, dass die Mägen in den alten
Ländern der nationalen kulinarischen Tradition eher treu geblieben sind,
während die in den neunen Bundesländern sich dem neuem Speiseplan nicht
verschließen. Spätestens aus dieser Lektüre wissen wir auch, dass ein
Reiseliterat ein ganz normaler Mensch ist. Einer wie du und ich. Er fährt
mit dem Zug, er schläft, er isst meistens dreimal am Tag, er trinkt
bevorzugt am Abend über den Durst, er trifft sich mit verschiedenen
Menschen, er guckt fern, er denkt ernsthaft nach und er langweilt sich oft
und wir mit ihm auch. Mit dem Unterschied zu uns, dass er seine ernsten
Gedanken über Gott und die deutsche Dschungelwelt in einem Buch
niederschreibt, zum Beispiel so: "Auf meiner dauerhaften Wanderschaft
durch die Bundesrepublik habe ich gewisse Kenntnisse über die innere
Architektur deutscher Kleinstädte gewonnen und brauche schon längst
keine Karte mehr, um in einer neuen Stadt das richtige Hotel und die
lebenswichtigen Geschäfte zu finden. Denn in einer perfekten deutschen
Kleinstadt hat alles am richtigen Platz zu sein, und die Bahnhofsstraße
kreuzt immer die Hauptstraße. Diese Kreuzung ist das Herz jeder
Kleinstadt. Dort angekommen muss der Wanderer erst einmal nach links und
rechts gucken. Sofort sieht er alles, was er für den täglichen Bedarf
und für unterwegs braucht. Dort, zwischen dem Marktplatz und dem
Kirchplatz, sind alle wichtigen städtischen Einrichtungen zu finden: der
Hauptlebensmittelladen, die Apotheke, die Kreissparkasse, das Hotel.“
Wladimir Kaminers Wanderjahre, die in seinem sehr deutschen und
bierernsten Dschungelbuch zu Ende gehen, scheinen eine neue Gattung
einzuleiten: die Bildungsstory. Achtung: Fortsetzung folgt, denn das
nächste Mal wird sich der Meister auf die Reise durch die große Welt
begeben. Er droht schon mit einem Weltdschungelbuch...
Text © Urszula
Usakowska-Wolff
14.12.2003
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Norbert
Sternmut
Marlies
Roman
Wiesenburg
Verlag Schweinfurt, 2003
315 S. 18,80 €
ISBN
3932497899
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Das soll ein Kriminalroman sein, und es hat auch den Anschein, denn die
Leichen treten in regelmäßigen Abständen auf und sogar ein richtiger
Inspektor kümmert sich um das Geschehen - ist es aber nicht, denn dem
Leser wird die verdiente Lösung der Fälle vorenthalten und die Abwägungen
der Tatmotive sind rein hypothetisch.
Vielleicht
sollte es auch ein erotischer Roman werden, denn die sexuellen Aktivitäten
der beiden Hauptprotagonisten werden wiederholt und ausführlich
geschildert, so dass ein Einhandleser auf seine Kosten kommen mag - ist es
aber nicht geworden, weil weder erotische Spannung noch handlungsbedingte
Notwendigkeit diese pornographischen Versatzstücke rechtfertigen.
Eine
psychologische Studie aus dem Schaffen eines Schriftstellers hätte
durchaus ihren Reiz, wenn das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Höhenflug
und Alltag ausgeleuchtet würde, der Leser quasi einen Blick in die
Werkstatt des Autors tun könnte - aber eine Psychopathologie des Autors
lenkt von einer Vertiefung ab und lässt den Leser Hilfe suchend nach
einer therapeutischen Hand Ausschau halten.
Also
ist es wohl vor allem ein sprachliches Kunstwerk, dem Handlung, Personal
und soziale Einbettung Mittel zum Zweck verbaler Schlappseilartistik sind.
Doch weit gefehlt: gerade daran hapert es durchgängig, wenn nicht gerade
aus anderen Büchern zitiert wird. Die Vorbilder finden alle ihren
Ehrenplatz im Text, vor allem Peter Handke, und Elfriede Jelinek darf sich
sogar der vertrauten Anrede mit Vornamen erfreuen. Jedoch bleibt der Autor
hinter ihrer Sprachgewalt zurück oder missversteht diesen Begriff
gründlich. Elliptische Sätze, Kaskaden von Apostrophen verraten zwar den
festen Blick auf das Vorbild, machen aber allein noch keinen sprachlichen
Zierrat. Und der Verzicht auf Rationalität, angeblich das Spiel mit der
Wirklichkeit, ist mitnichten der Schlüssel zu einem Sein jenseits der
Wirklichkeit. Und der Leser fragt sich: Sind der falsche Gebrauch des
Konjunktivs, das von Modeboutiquen und Imbissständen inzwischen vertraute
Apostroph-S im Genitiv eines Namens oder das Wegen, das einen Dativ
regiert, nun Unvermögen, Nachlässigkeit oder ein Aufbruch zu neuen
Sprachufern?
Um
den authentischen autobiographischen Zug des Textes zu unterstreichen,
hält der Autor nicht damit hinter dem Berge, dass auch „Der Tote im
Park“ von ihm ist, und er berichtet, wie er sich an Elfriede Jelinek
wandte, sie möge ihm doch etwas zu diesem Buch schreiben, und von dieser
die Antwort erhielt: „Schreiben sie sich doch selbst etwas…“
(Norbert Sternmut, Marlies. Roman, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt, 2003,
S. 25).
Liebe Frau Jelinek, das hätten
Sie besser nicht geschrieben.
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Kressmann
Taylor
Adressat
unbekannt
Aus
dem Amerikanischen von Dorothee Böhm
Hoffmann
und Campe, Hamburg, 2000,
69 S.
ISBN
3-455-07674-2
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Wenn
ein schmales Bändchen von 60 Seiten nach 60 Jahren noch so aktuell ist
wie zum Zeitpunkt seines Erscheinens 1938 in der Zeitschrift „Story“,
verdient es zu Recht, ein klassisches Werk genannt zu werden.
„Adressat
unbekannt“ von Kressmann Taylor beschreibt in einem Briefwechsel
zwischen dem jüdischen Galeristen Eisenmann in San Francisco und seinem
Geschäftspartner Schuls, der unmittelbar vor der Hitlerschen
Machtergreifung nach Deutschland zurückkehrt, wie das Gift des
Nationalsozialismus einen kultivierten Menschen zerfrisst, ihn in die
aberwitzigen und scheinbar rationalen Begründungen seiner Inhumanität
lockt und ihn Freunde und die Geliebte Griselle, eine Schwester
Eisenmanns, verraten lässt. Die Verzweiflung Eisenmanns, der den
moralischen Niedergang seines Freundes und schließlich den gewaltsamen
Tod seiner Schwester Griselle erfährt, entlädt sich in einem subtilen
Racheakt, der den „Herrenmenschen“ in all seiner Erbärmlichkeit
entlarvt. Mit wenigen Andeutungen entwirft Kressmann Taylor ein präzises
Bild der Nazi-Zeit und der Verführbarkeit ihrer Täter und Mitläufer in
der Schicht des Bildungsbürgertums, das vor dem Hintergrund von
Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Gewalt gegen Schwache in der
Gegenwart bedrückend zeitnah ist.
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Marek
Ławrynowicz
Der
Teufel auf dem Kirchturm
Roman
Aus
dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall
Verlag
C.H. Beck, München, 2000, 208 S.
ISBN
3-406-46573-0
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Drei
Dinge solle ein Mann tun, lässt Ławrinowicz seinen Großvater Józef
sagen: einen Sohn zeugen, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Für
Ławrinowicz war da wohl noch ein viertes: einen Roman schreiben. Und
das hätte er besser gelassen.
Sonst
ein Könner der kleinen Form, ist ihm mit dem Füllen der Seiten die Puste
ausgegangen. Bis ca. Seite 100 ist ihm in der Tat ein Schelmenroman
gelungen, der humorvoll und anschaulich das Leben einer polnischen Familie
aus Wilna schildert, die den Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit, noch einen
Weltkrieg und die Wirren danach überlebt, aus den mannigfachen Nöten
Tugenden macht und in ihren so verschiedenen Mitgliedern die
Vielfältigkeit polnischen Lebens widerspiegelt. So weit eine angenehme,
vergnügliche und zugleich nachdenklich machende Lektüre. Die Zeit des
Kommunismus dagegen scheint wenig Anlass zu heiterer Gelassenheit und
Lebenswitz zu bieten, sieht man von Onkel Mieteks Versuch, eine Kolchose
zu gründen, einmal ab. Vielleicht liegt es ja an der biographischen Nähe
des Autors zu dieser Zeit, dass er vom humoristischen Florett zur Ohrfeige
wechselt.
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Arnold
Mostowicz
Der
blinde Maks oder Passierschein durch den Styx
Herausgegeben
von Andrzej Bodek
Aus
dem Polnischen von Karin Wolff und Andrzej Bodek
Transit,
Berlin, 1992, 247 S.
ISBN
3-88747-081-8
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Arnold Mostowicz kehrt als junger Arzt nach dem Studium in Frankreich (in
Polen war es für Juden unmöglich, zum Studium zugelassen zu werden) zu
Beginn des Krieges 1939 nach Łódź zurück. Er wird zum
Rettungsdienst, der dem Ältestenrat der Juden im Ghetto von Łódź,
das nun Litzmannstadt hieß, verpflichtet und wird zum teilnehmenden
Beobachter der Leiden der gequälten Menschen und des Kampfes um Würde
und Menschlichkeit. Reymonts "gelobtes Land" wird zu einer
Hölle, das Ghetto im Stadtteil Bałuty zum größten Sklavenlager der
Nazis, wo die jüdischen Schneider und Schuster für das nackte Überleben
arbeiteten. Mostowicz beschreibt den Holocaust, von der Errichtung des
Ghettos über das Vernichtungslager Auschwitz bis zu den Außenlagern bei
Kriegsende, die für alle sichtbar in unmittelbarer Nähe der deutschen
Städte entstanden. Dabei entsteht ein Bild jenseits von Schtetl-Seligkeit
und Heroismus à la "Nackt unter Wölfen". Mostowicz gibt in
seinen episodenhaften Erzählungen, die von seinem eigenen Leidensweg
zusammengehalten werden, den Opfern das menschliche Antlitz zurück, das
die Tötungsmaschinen ihnen raubten. Ein gleichermaßen ergreifendes wie
spannendes Buch, das das beschädigende Schicksal traf, in einem kleinen
Verlag zu erscheinen, so dass ihm die gebührende Achtung versagt blieb.
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Erich
Fried
Fast
alles Mögliche. Wahre Geschichten und gültige Lügen
Klaus
Wagenbach, Berlin, 2000,
142 S.
(Wagenbach Taschenbuch 389)
ISBN
3 8031 2389 5
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Erich
Fried / Joern Schlund
Weltbausteine,
Möglichkeiten des Weiterlebens. Bilder, Texte, Gespräche
Agenda
Verlag, Münster, 1994,
112 S.
ISBN
3 929440 28 8
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Keine Gedichte von Erich Fried, aber Texte von gleicher sprachlicher
Dichte begegnen einem wieder. Und sie sind aktuell wie zur Zeit ihrer
Entstehung Anfang der 70er Jahre. "Die Schneibarkeit" über den
Schusswaffengebrauch der Polizei ebenso wie "Die Konstrukteure"
über die schöngeistige Unfähigkeit zum Handeln passen auch in den
Diskurs dieser Tage. "Die Schildkrötenwende vollzieht sich so und
ähnlich mitten unter uns, "Zu Tode gehetzt" wird weltweit immer
noch. Die Satiren treffen, und die Parabeln über Gebrauchtfrauen und
Schrei-Verwerter spüren den Gedanken auf ihren Wegen und Abwegen nach.
Alle Texte sind jedoch vor allem Liebesgeschichten, Liebesgeschichten
eines Mannes, der die Menschen liebt. Das bedeutet doch Humanismus?
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Jeremy
Rifkin
Access -
Das Verschwinden des Eigentums
Campus
Verlag, 2000, 424 S.
ISBN 3
593365413
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Dieses
Buch habe ich gekauft. Ich habe es gelesen und kann es immer wieder lesen,
so oft ich will, ohne auch nur einen Pfennig zu bezahlen. Diese Website
habe ich gemietet, und wenn ich Dir immer wieder zeigen will, was ich so
lese, muss ich dafür eine Gebühr bezahlen. Und du musst jedes Mal eine
Gebühr bezahlen, wenn Du sie lesen willst.
Aber ich
zahle nicht an Dich, du nicht an mich. Wir zahlen an irgendwelche Dritte
für einen zwischenmenschlichen Vorgang, für ein Stück Leben.
Irgendwann
werden wir alle eine Gebühr für unser Leben zu zahlen haben, wenn der
vernetzte Kapitalismus, wie ihn Rifkin analysiert, erst einmal alle
Lebensbereiche erfasst hat. Nicht mehr der Besitz von Rohstoffen, die
Verfügbarkeit von Maschinen bedeuten wirtschaftliche Macht, sondern das
Recht auf den Zugang. Der Mensch, das Leben, die Natur werden zum
Marktobjekt. Selbstwertgefühl wird durch Markenkonsum verkauft, der
öffentliche Platz verschwindet im privaten Einkaufszentrum, das
menschliche Genom wird patentiert, physikalische Größen wie Frequenzen
werden angeeignet und gegen Gebühr überlassen. Irgendwann wird die
Atemluft gegen Nutzungsgebühr verteilt, und das freundliche
"Hallo!" über den Gartenzaun zum Nachbarn wird zum strafbaren
subversiven Akt, der von staatlichen (?) Agenten verfolgt wird, weil er
die Wirtschaftsordnung in Frage stellt.
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Christian
Jacq
Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte
Aus dem Französischen von Thorsten Schmidt
Artemis und Winkler, Düsseldorf,1998,
336 S.
ISBN 3-538-07074-1
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Laurence Berggreen
Louis Armstrong.
Ein extravagantes Leben.
Aus dem Amerikanischen von
Juliane Zaubitzer
Haffmanns Verlag, Zürich, 2000, 639 S.
ISBN 3-251-00467-0
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A
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Horst Ziermann
Matthias Grünewald
Prestel Verlag, München, 2000;
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Vor 125 Jahren schätzte ein Interessent den Tauberbischofsheimer Altar
Matthias Grünewalds mal gerade auf 220 Goldmark, ein Würzburger
Domkapitular meinte, "so ein Bild passe in unserer Zeit nicht mehr in
eine Kirche", ein anderer hielt ihn für "geschmacklos".
Erst die Zeit des Expressionismus konnte die gewagte Coloristik und die
ergreifende Darstellung menschlichen Leidens verstehen, die das Werk des
Künstlers "Meister Mathis" vor seinen Zeitgenossen auszeichnen.
Ebenso
spärlich wie das überkommene Werk sind die gesicherten Quellen zu seiner
Biographie. Wo gleich vier Personen dieses Namens für den Schöpfer des
Isenheimer Altars, seinem bedeutendsten Werk, in Frage kommen, bedarf es
kriminalistischen Scharfsinns, daraus eine schlüssige Biographie zu
destillieren. Diese Aufgabe hat Horst
Ziermann vorzüglich gelöst, ebenso wie die Entschlüsselung der
Bildsymbolik, die dem Betrachter heute nicht auf den ersten Blick
offensichtlich ist. Er führt durch das Werk dieses genialen Künstlers,
der in seiner Zeit gleichberechtigt neben Dürer, Michelangelo und
Leonardo zu stellen ist, zeichnet seine stilistische und gedankliche
Entwicklung nach, schließt dabei einander widersprechende
Deutungsansätze aus und öffnet den reichen Schatz mystischen Denkens in
der Zeit des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Renaissance.
Jedem der großartigen überlieferten Werke widmet Ziermann ein eigenes
Kapitel, das umfangreichste natürlich dem Isenheimer Altar von 1515, der
sich heute im Museum Unterlinden in Colmar befindet und den erst Jacob
Burckhardt eindeutig Grünewald zuschrieb, nachdem er lange Zeit als ein
Werk des populären Dürer galt. So entsteht ein lebendiges Bild eines
"modernen" Künstlers, der nach 400 Jahren des Vergessens wieder
zu seinen Betrachtern spricht.
Dem
renommierten Prestel Verlag ist ein Buch gelungen, dessen Bildwerk durch
hochwertige Reproduktionen und zahlreiche Detailabbildungen es dem Leser
ermöglicht, unmittelbar mit den Arbeiten Matthias Grünewalds in einen
tiefen Dialog zu treten.
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Lily Brett
Zu viele Männer. Roman
Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz
Franz Deuticke
Verlagsgesellschaft, Wien, 2001, 655 S.
ISBN 3-216-30508-2
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Eigentlich - wenn man den blickfängerischen Titel (er könnte auch
"Gesund durch Müsli" oder "Mercedes, das beste Auto der
Welt" lauten) überwunden hat - ein interessantes und wichtiges Thema
von einer Autorin dargeboten, von der man schon vieles Angenehme und
Gute gelesen hat: Ruth Rothwax reist mit ihrem Vater, der wie die
verstorbene Mutter das Ghetto von Łódź und das
Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat, nach Polen, um die
Stätten des Leidens aufzusuchen und Spuren der Familienvergangenheit zu
finden. Aber was macht Lily Brett daraus!
Einerseits
schildert sie mit reportagehafter Genauigkeit den Ablauf dieser Reise,
unterfüttert fast jedes Detail mit Fakten, die die gewissenhafte Ruth
Rothwax sich angelesen hat oder durch insistierendes Fragen aus ihrer
Umgebung herauspresst. Der unvoreingenommene Leser soll spüren: hier ist
jedes Wort wahr. Der dokumentarische Charakter des Buchs wird noch
unterstrichen durch Fakten zur Geschichte des Holocaust (ein bisschen
volkshochschulhaft!) sowie langen Zitatpassagen des ersten
Auschwitzkommandanten Rudolf Höß, die in einer Art innerem Monolog das
Buch durchziehen. Die Dialoge sollen Authentizität gewinnen durch das hin
und wieder anklingende Jiddeln von Vater Edek.
Leider
kommt dabei das eigentlich interessierende Sujet, die innere
Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus der Perspektive der Kinder der
Opfer, der Opfer im Angesicht der Überreste des Schreckens, der anderen
in der Begegnung mit den Opfern zu kurz. Lily Brett hat mit ihrer
Geschichte, die ja auch autobiographische Züge hat, eine große Chance
vertan. Über weite Partien des Buches hat man allerdings den Eindruck,
dass es ihr auch noch um ganz etwas Anderes geht.
Wie
ein basso continuo zieht sich durch den Text ein abgrundtiefer Hass gegen
Polen und die Polen. Kein Ressentiment gegen Land und Leute ist ihr
abgegriffen und böse genug, um es nicht genüsslich auszubreiten. Sie
schildert ein heruntergekommenes, schmutziges, unzivilisiertes Land, wo
Eseltreiber (sic!) die Straßen bevölkern, wo man sich zum Zähneputzen
ausländisches Mineralwasser besorgen muss, wo statt Gardinen Lumpen in
den Fenstern hängen, wo es nach Kohl riecht, wo die Menschen in die Parks
kacken, statt eine Toilette aufzusuchen, Menschen, die durchweg schmutzig,
übelriechend, frech, habgierig und verschlagen sind. Ruth Rothwax würde
ihnen den Tod wünschen, wüsste sie nicht, dass sie sich sowieso zu Tode
rauchen. Verständnislos sieht sie mit an, wie ihr Vater, ohnehin ein
wenig einfältig, sich immer wieder mit ihnen verbrüdert.
Es
hat den Anschein, dass neben der Aufarbeitung des Holocausterlebens diese
"Abrechnung" mit den Polen, scheinbar dokumentarisch dargelegt,
das zweite große Anliegen Lily Bretts ist. Und das macht das Buch ärgerlich
und gleichzeitig die mitunter durchaus gut geschriebenen Passagen wertlos.
Mit
dem Schluss entlässt die Autorin den Leser mit einer beunruhigenden
Drohung: sie hat dramaturgisch alle Vorbereitungen getroffen, um einen
zweiten Band folgen zu lassen.
© Manfred Wolff
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