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Die Lücke Sie sei recht verzweifelt gewesen, sagt
sie, sie habe einen tiefen Schmerz empfunden, der sich immer wieder in der Lücke
versammelte, die sie fühlte. Diese winzige Lücke, die scheinbar bedeutungslos
war. Sie habe gewusst, dass da etwas fehlte, wofür sie keinen Namen hatte. Es
habe auch keines Namens bedurft, denn es sei ja nichts da gewesen. Aber immer
wieder seien ihre Gefühle und Gedanken in diese Lücke gefallen, hätten sie
dorthin gelockt, um sie den Schmerz umso heftiger erleben zu lassen, je öfter
sie dorthin zurückkehrte. Sie habe versucht, sich von der Lücke
abzulenken, indem sie sich in ihre Arbeit stürzte, in aufgeregte Geschäftigkeiten
verfiel. "Ich habe stundenlang telefoniert, mit allen möglichen Leuten.
Manchmal habe ich wildfremde Menschen angerufen und sie in ein Gespräch
verwickelt. Es ging mir nicht um sie. Es ging mir um mich." Eigentlich sei
es ihr natürlich um diese Lücke gegangen, die sie nicht beschreiben konnte,
von der sie auch nicht wusste, wie sie entstanden war. Irgendwann habe sie etwas
verloren, ohne es im ersten Augenblick zu bemerken. Ja, sie sei zuerst sogar
erleichtert gewesen, als sie bemerkte, dass da etwas von ihr gefallen war. Sie
habe sich befreit gefühlt. Es sei ihr erschienen, dass eine Last von ihr
gefallen sei, etwas das sie erdrückte und vielleicht sogar an ihr nagte. Erst als die Schmerzen sich einstellten,
habe sie begonnen, sich um diesen neuen Zustand zu kümmern. Sie habe versucht,
die Schmerzen zu betäuben, denn sie erschienen ihr hinderlich, traten sie doch
immer gerade dann auf, wenn sie sich einer neuen Sache, einem neuen Menschen
zuwenden wollte. "Es waren kleine Stiche, die ich empfand. Nichts von
Bedeutung eigentlich." Sie habe auch daran gedacht, dass diese Scherzen
vielleicht gar nicht von einem Verlust, sondern von einem Zugewinn kämen, dass
sie sich da etwas eingefangen habe, was es abzuschütteln gelte. Als ihre in
diese Richtung gehenden Versuche sich als sinnlos erwiesen,, weil da ja nichts
war, das sie loswerden könnte, habe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den
Verlust gelenkt, der diese Lücke in ihr geschaffen habe, die nun in ihr
gewachsen sei, so wie damals das Kind in ihrem Leib, aber eben nicht sie ausfüllend,
sondern sie zerreißend, das Gebäude destabilisierend, in dem sie sich nicht
mehr sicher fühlen konnte. Es sei ihr erschienen, als falle immer mehr
von ihr in diese Lücke, stürze in einen schwarzen Abgrund, unrettbar und
verloren, falle ab von ihrem Gesicht, das ihr im Spiegel fremd vorkam, gleite
von ihrem Körper in langen schleimigen Bahnen, die einen ekelerregenden Geruch
verströmten. Sie habe beobachtet wie man sie misstrauisch beäugte, wie man ihr
auswich, wie man sich abwandte, wie viel sie sich auch
mühte, vor den anderen zu verbergen, was ihr nur zu deutlich vor Augen
stand. Sie habe die Lücke zu
vermessen gesucht, aber sie sei so klein gewesen, dass ihr ein geeigneter Maßstab
gefehlt habe. Es sei ihr auch nicht gelungen, die Lücke mit etwas anderem zu
verstopfen, so wie man ein Loch in einem Beutel verstopft, dass nichts
hinausrinnt. Je mehr sie an der Lücke gearbeitet habe, desto heftiger sei der
Schmerz geworden, oft habe sie ihm nur noch entfliehen können, wenn sie sich
betrank, weil dann nicht nur der Schmerz verging, sondern auch aus den weiten
des Rausches ihr Dinge entgegenflogen, die ihr geeignet erschienen, damit die Lücke
zu füllen. "Ich habe bemerkt, dass ich mich selbst dazu gebrauchen wollte,
die Lücke zu füllen, dass ich immer größere Stücke aus mir riss, um sie in
die Lücke zu stopfen." Sie sagt, sie habe schließlich einen Arzt
aufgesucht, um von ihm Rat zu erhalten, wie sie die Schmerzen ertragen könne.
Sie habe sich so gefreut, als sie wahrgenommen habe, dass er sich an ihren Namen
erinnerte, dass er wusste, wen sie bedeutete, dass sie sich nicht vorstellen
musste, dass sie sich nicht darstellen musste, dass sie sich nicht verstellen
musste. Nur habe er ihr leider auch nicht helfen können, die Lücke zu füllen.
Allerdings sei ihr im Verlauf der Untersuchungen, die sie geduldig über sich
ergehen lassen habe, klar geworden, sagt sie, dass die Lücke sich immer dann
auftat, wenn sie etwas sagen wollte, das ihr nicht über die Lippen gehen
wollte. Dann habe sich hinter ihren Zähnen ein Druck aufgebaut, von einem
dunklen tiefen nachströmenden Hauch gespeist, der irgendwie aus ihrem Innern
kam. "Aus dem Herzen erscheint mir etwas pathetisch," sagt sie. Aber
doch von ganz tief, um unvermittelt abzureißen, einzustürzen und eben die Lücke
hinterlassend, die so sehr schmerzte. Es sei ihr albern vorgekommen, sagt sie,
ein fehlendes Wort, ein Wort, dass nicht durch das Gehege ihrer Zähne wollte,
das nicht über die Schwelle ihrer Lippen wollte, das von irgendwo tief in ihr
kam, wo es sich vielleicht schon lange verborgen hatte, das auch einfach nicht
da war, für die Lücke zu nehmen, die sie nicht ertragen wollte. Sie sagt, sie spürte durchaus das
Verlangen, diese Wortlücke zu schließen, das Wort herauszubringen. Sie habe
versucht, es zu sammeln, zu einem ganzen richtigen Wort zu formen. Sie habe gespürt,
wie es sich bildete, größer wurde, ihren Mund ausfüllte, gegen die Zähne drängte.
Es habe solche Kraft entwickelt. "Am liebsten hätte ich es auskotzen
wollen," sagt sie, aber sie habe sich geschämt, es so herauszuplatzen,
damit die Abscheu der anderen zu erregen, sie zu verletzen. Deshalb habe sie es
sich angewöhnt, wann immer es da auf ihrer Zunge lag, gegen ihren Gaumen drückte,
es herunterzuschlucken, hinabzuwürgen. Sie sagt, sie schliefe schlecht mit dem,
was sie heruntergeschluckt hatte, im Magen. Sie habe Albträume, in denen ihr
die Personen erschienen, die zugegen waren, wenn sie dieses Wort
herunterschlucke, die sie auslachten, die sie in einen Abgrund stießen. Sie
sagt, kenne diese Personen, sie wolle sie nicht sehen. Sie sagt, es gehe ihr
besser, wenn sie darüber reden könne, so wie sie jetzt rede. Sie hält inne und schaut mich lange an. Man
sieht wie sie schluckt, wie der Druck in ihr steigt, ihre Augen sich weiten.
Ihre Lippen öffnen sich: "Du." Text
© Manfred
Wolff, 1999 |