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Manfred
Wolff
Gespräche
mit niemand
such einen Engel
du wirst ihn nicht finden
wo das Spielzeug steht
wo der Schatten eines Gefühls
in Styropor gespritzt ist
auch der aus Stroh und Glanzpapier
hat nicht das Alibi
das er beschwört
am Abend
wenn du mit ihm allein bist
ringt er mit dir
in der Arena der Träume
und presst dein Herz
zu der Riesengestalt
die niemand geschaut hat
mit gebrochenen Flügeln
liegt Schnee
auf dem Dach
hat er sich
niedergelassen
in schmeichelndem Weiß
eine Krähenspur
draußen und drinnen
bricht das Licht einer Kerze
an der Fensterscheibe
ein Gesicht
das den Himmel ausmisst
die die Raupen
vergiften
dass sie die Knospen nicht fressen
die zu Blumen werden sollen
deinen Tisch zu schmücken
töten die Schmetterlinge
deiner Träume Tag
erblüht für niemand
der die Gerechtigkeit des Unkrauts
geschaffen hat
woher der Mut
noch einmal aufzubrechen
und wissen
dass niemand sah
wohin
wohin die Angst
nie wieder heimzukehren
und ahnen
dass niemand sah
woher
im Uferlosen schweifen
der Schlamm greift
zwischen den Zehen hindurch
nach mir
die Sintflut
ist grundlos
mein Weg
zu altneuen Ufern
wo niemand das Wasser scheidet
und meine Füße
heißen Sand betreten
ich finde
eine Scherbe
Bruchstück von jemand
gemacht
den Sand am Weg auf dem sie ruht
hat niemand gemacht
niemand
hat mich
auf das Nichts geschrieben
jetzt
bin ich da
für euch
du und niemand
in der Nacht
sind wir aufgebrochen
wir
haben die festen Häuser verlassen
die Arbeitshäuser
die Freudenhäuser
die Schatzhäuser
die Zuchthäuser
die Totenhäuser
das Meer hat sich hinter uns geschlossen
der Morgen ist kalt
in der Wüste
du
rufen wir
und niemand antwortet uns
in Gedanken
sind wir noch
in der Häuslichkeit
ich bin auf den Berg
gestiegen
mit niemand
zu sprechen
das Wort
zu hören
das Gesetz
ich habe die Tafel zerbrochen
mit leeren Händen
trete ich unter deine Augen
beginne von neuem den Weg
in mir
den Gipfel zu finden
wo der Dornbusch brennt
diamantengleich
glitzert der Schlamm
im Mondlicht
zu unseren Füßen
am Ufer zurückgelassen
liegt die Habe
die schwer auf den Schultern
die heiß auf den Herzen
lag
Ketten Ringe Steine
Auszeichnungen
für Knechte
die Feuer flackern im
Kreis
jubeln Flöten
Gesang erhellt die Nacht
die sich schwer über die Hügel windet
die Füße der Tänzer stampfen im Sand
die Arme umfassen die Sterne
keuchender Atem
verzückte Gebärden
Trommelschlag
kometengleich Augen
alles verschlingend
verschlossen dem Wort
für einen Augenblick
sehen sie niemand
ich habe vergessen
wie der Wein schmeckt am Abend
wie das Zuckerwerk duftet
wie die Wärme des Feuers meinen Händen schmeichelt
wie eine Kerze den Tisch überstrahlt
ich habe das Haus verlassen
mein Mund dürstet nach der Quelle
meine Zunge brennt vom Bitterkraut am Weg
meine Arme singen mit der kalten Nacht
der Schlund meiner Augen trinkt Sternenlicht
ich bin auf dem Weg
niemand erwartet mich
Frieden
willst du schaffen
und Brüder nennen
die niemand kennt
und sprichst dein du
nicht jenem Bruder
der ist wie du
und wünscht sich
Frieden
vorsichtig
taucht der alte Baum
die frisch begrünten Zweige
in den Spiegel
der seine Größe
doppelt scheinen lässt
das Wasser
den Sonnenstrahl
im Lichtspiel auf der grauen Rinde
erkennt der Wind
sein Spiel
du kennst sie
diese Fremden
die dich nach dem Weg
fragen
ehe die Haustür ins Schloss fällt
die dich um Brot bitten
wenn der Tisch abgeräumt ist
die bei dir anklopfen
wenn die Nachtvögel mit ihren Schwingen die Straßen fegen
sei gut zu deinen Träumen
Wüsten ringsum
mein Herz
sucht den Garten
hinter den Felsen
auf denen die Vögel Nester bauen
der Dornbusch
greift nach mir
ritzt mein Herz
der eine Tropfen Blutes
der zwischen die Disteln fällt
macht meine Welt erblühen
in rotem Mohn und gelben Butterblumen
du drängst mich
die Grube zu schaufeln
unseren Traum
zu begraben
im Sand der Zeit
doch es rinnt
aus dem Horizont
aus den Sternen
der leichte Sand
vereitelt das Werk
unserer Tränen
glühender Strom
allein
vermag ihn zu halten
den Himmel lesen
vom Ende zum Ende
immer wieder
ein Wort
Menetekel
der Wind
weht darunter hin
und wiegt eine Rose
höre
niemand erklärt
das Wort
nur eine Linie
dem Auge
kein Halt
ringsum
niemand sieht uns
und weist den Weg
du folgst
zwei Sternen
auf ihrem Weg durch das All
wenn deines Tages Nacht
sich neigt
sind sie dahin
und wandeln
von fremden Sonnen hell beschienen
zu weit
um deine Fröste dir zu lindern
ist niemand da
der dich liebt
wenn du meinst
du bist
über den Berg
du kannst
den Schweiß abwischen
die Ebenen vor dir
werden beschwerlicher sein
wenn die Sonne
deine Augen verdunkelt
dann siehst du nur
deine Träume
und die dich küssen
werden Salz auf deinen Wangen
schmecken
um dich nicht zu
erschrecken
wenn ich aus meinen Träumen erwache
habe ich eine
Operation
an meinem Gesicht
vornehmen lassen
du wirst mich nicht wiedererkennen
meine Tränenkanäle
sind nach innen verlegt
manchmal
wenn ich ganz still bin
gehen mir
Wörter in fremden Sprachen
durch den Sinn
dazwischen
Laute Silben Wörter
die ich nicht verstehe
spricht niemand
vielleicht so
zu dem
der auf mich wartet
du
am Dom zu Köln
weinen die Heiligen
Säureregen
Tränenbäche
fressen tiefe Furchen
in den seligen Gesichtern
das Lächeln
platzt herab
Vorsicht Steinschlag
die vorbeigehen
möchten Schaden nehmen
du hast die steinige
Straße verlassen
und bist mir vorausgegangen
in den Garten
den niemand für uns pflegt
auf geahnten Wegen
Gewächs zwischen Gewächsen
aus Thymianduft und Grillenzirpen
sind die Wörter der Angst gewichen
ich bin dir gefolgt zwischen die Gräser
und habe den Schatten des Apfelbaumes getrunken
aus deinen Augen
wir waren wach für unseren Traum
den niemand kennt
wir haben gelacht
über das Schild „Betreten verboten!“
und sind hinabgestiegen
aus einer anderen Welt
zu den Menschen
erster Schnee
einer einzelnen Flocke
taumelnder Weg
fällt in das Netz
von der Sommerspinne
mit glühenden Drüsen gewoben
die Zeit aufzufangen
als die Feuer erloschen
und die Sterne ihr Recht forderten
sind wir uns begegnet
wir haben den Stein aufgehoben
der unser Geheimnis barg
Bitterkraut hatte ihn überwachsen
eine goldgelbe Blüte
tausendstrahlig erhaben
die Sonnenscheibe beschämend
in den Wind verliebt
der vorüberstreicht und von der Welt erzählt
an einen Stock gebunden
den Zweigen das Spiel verboten
nur einzig gezogen
neue Knospen verborgen
unter den Blätterfingern
die heimlich den Kräutern am Gartenzaun winken
mit gebrochenen Flügeln
fallen die Träume
aus dem Himmel
und setzen sich auf meine Hand
die weißen federn
nach kalten Regeln verklebt
erblühen zu einer kristallenen Träne
umfangen noch einmal
die ganze Welt
ehe sie leise
verdampfen
die meisten sind auf
den Rasen gefallen
und decken den starren Vogel zu
der für niemand sang
du sagst
du willst
wieder schlafen können
kannst du
noch
träumen
zwischen den Wörtern
Musik
zwischen den Tönen
Bilder
zwischen den Zeichen
Gesichter
zwischen den Leuten
Sätze
zwischen den Wörtern
wir haben uns angesehen
berauscht
von dem Bild unserer Liebe
zu uns
lass uns gehen
den Blick dorthin richten
wo wir niemand sehen
meine Hand
greift nach dem Stein
einer aus dem Stamm
auf dem mein Name ruht
hat ihn aufgerichtet
niemand zu ehren
ist nun meine Last
einen Stein hinzufügen
dass der Name gesegnet sei
für niemand
niemand
wird mir das schenken
wenn die Sonne sinkt
sickert das Schwarz
in die blutige Weite
der letzten Stunde
eines Tages
Friede beginnt
wenn drei Sterne leuchten
und alles bleibt
wie es ist
die ersten Schritte
wieder einmal
vor der Tür
die Bäume fliehen
vor mir her
getrieben
vom dünnen Optimismus kleiner Meisen
im Sand die Fetzen
der Kracher und Heuler
täuschen Leben vor
das niemals war
niemand ist mein Vater
niemand ist mein Sohn
niemand ist mein Lehrer
niemand ist mein Arzt
niemand ist mehr als niemand
was ist das
das du mir reichst
den Hunger nach Levkojen zu stillen
was ist das
das du mir einflößt
den Durst nach Rosen zu löschen
ich gehe
durch steinerne Gärten
und um die Löwenköpfe
die schwarzes Wasser auf meine Füße speien
mache ich einen Bogen
um endlich niemand zu treffen
und du bist
schon da
wo werden wir sein
wenn der Sommer
vorüber ist
der Sommer
vielleicht morgen
werden die bleiernen Früchte
geerntet
von niemand
wird neu gesät
dass Leben sei
Öl auf die Wogen gießen
möchte der Kaufmann
dass das Schiff seine Habe
zum sicheren Hafen führt
Öl in das Feuer gießen
treibt es den Liebenden
dass das Licht seiner Freude
die dunkle Erde bestrahlt
Text
© Manfred
Wolff, 1998
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