Das Märchen von den sieben Raben

In einem Land, das wir alle zu kennen meinen, weil es so nahe ist, und das doch immer wieder so verwunderlich fremd erscheint, weil es von Menschen bewohnt wird, die unserem Spiegelbild, wie es uns am Morgen verschlafen anschaut, so verblüffend ähnlich sehen, herrschte lange lange Zeit, so lange, dass sich viele schon gar nicht mehr erinnern konnten, dass es einmal anders war, ein Kreis von Freunden und Brüdern. Sie hatten das Land fein säuberlich untereinander aufgeteilt und sich vieler Menschen Herz gewonnen, die ihnen nach besten Kräften halfen, das Regieren zu vollbringen. Sie taten das mit glücklicher Hand, ordneten vieles, ließen manches einfach werden, wie es wollte, und wenn es nichts wurde, war es ihnen auch recht. Dabei gelang es ihnen gar das Land zu vergrößern, wie es schon immer der Wunsch der Menschen dort war.

Allein so wie das Land größer wurde, wurden auch die Aufgaben darin größer, und immer mehr Leute, ob nun Bürger oder Bauern, Arbeiter oder Aristokraten, meinten, das Land werde nicht mehr zum Besten regiert. Sie tuschelten und murrten, schalten und zürnten, meckerten und jammerten, immer nur einen Wunsch dabei hegend: ein starker Prinz möge kommen, der alles wieder zum besten kehrt. Wer aber auch immer sich erkühnte, die stolze Burg der Brüder zu stürmen, er rannte sich fest an den festen Mauern wie Ritter Jochen, verfing sich in den Fallstricken des Vorfeldes wie Ritter Rudolf, versank in den Sümpfen des Burggrabens wie Ritter Oskar oder wandte sich erschöpft ab wie der Kreuzritter Johannes. Nein, zu dieser Aufgabe bedurfte es eines wahren Großen. Doch wo sollte man den finden?

Endlich schien man den richtigen gefunden zu haben in dem kleinen Völkchen der Lipper, die ja für ihre Tapferkeit und Kriegslist und Großzügigkeit bekannt waren. Wo schon die Römer im Teutoburger Wald geschlagen wurden und die Schützen einen sagenhaften Ruf genossen, da sollte doch auch einer heranwachsen, der es mit den Brüdern aufnehmen konnte. Ritter Gerhard rüstete sich zum Kampf und zog vor die Bonnaburg, die man nicht mit Bonneberg verwechseln darf. Tagelang wogte die Schlacht hin und her, und schließlich gelang es, die Mauern zu überwinden und die sieben Brüder aus der Burg zu treiben. Bis in die höchsten Zinnen hatten sie sich zurückgezogen, und als es kein Entkommen mehr zu geben schien, verwandelten sie sich, weil Schwarz ihre Lieblingsfarbe war, in sieben Raben und flogen davon.

Weil sie aber das magische Wort für die Rückverwandlung vergessen hatten oder es als Raben nicht mehr richtig sagen konnten, mussten sie hinfort einsam und fern von ihren Freunden leben, wie es eben Raben tun. Das tat ihren Freunden bitter leid, und sie sannen, wie sie sie erlösen könnten, damit alle wieder in alter Pracht in die Burg einziehen könnten.

Da fiel ihnen ein, dass es schon in alten Märchen immer geheißen hat, nur eine unbescholtene Jungfrau verfüge über die Kraft, einen solchen bösen Bann zu brechen. Doch woher sollte man eine solche nehmen? Die kleine Claudia war denn doch zu klein für eine so schwierige Aufgabe, und von Rita konnte man wirklich nicht mehr sagen, dass sie eine junge Frau sei, wenngleich es ihr nicht an Mut fehlte. Da erinnerte man sich an das Mädchen, wie der größte der Brüder immer zu ihr gesagt hatte. Hatte sie nicht ein engelgleiches Wesen, war geduldig und lieb, dabei fleißig und tüchtig? Flugs stattete man sie mit dem Zauberring aus und schickte sie los, die sieben Raben zu finden und sie von ihrem Bann zu befreien. Und damit sie nicht an der schweren Aufgabe zerbreche, gab man ihr den Knecht Ruprecht mit auf den Weg, so dass es ihr nicht bange werden sollte.

Mutig und entschlossen machte sich das Mädchen auf den Weg. Durch dunkle Schluchten musste sie gehen, undurchdringliche Dornengestrüppe durchschreiten, durch giftige Sümpfe waten, über riskante Berggrate klimmen und vielerlei gefährliche Situationen bestehen. Aber sie schaffte es ganz allein, zu den sieben Raben vorzudringen, und der Knecht Ruprecht trottete immer brav hinterdrein und fragte sich, wozu das alles gut sein sollte.

Als sie schließlich an der Behausung der Raben ankam, war von denen nichts zu sehen. Sie waren wohl ausgeflogen und gingen ihrem bösen Treiben nach, von dem man sich im ganzen Land schaurige Geschichten erzählte. So aß sie erst einmal von deren Tellern und trank von ihrem Wein und ließ es sich so gut gehen, dass sie darüber einschlief. Bald darauf kamen auch die sieben Raben zurück und sahen das Mädchen und wunderten sich sehr, dass es jemand gewagt hatte, ihnen zu folgen. Als sie jedoch das Zauberringlein an ihrem Finger entdeckten, wussten sie sogleich, wer das Mädchen geschickt hatte. Große Angst überkam sie ob ihrer Missetaten und sie hielten Rat, wie sie sich verteidigen könnten, wenn das Mädchen dem Knecht Ruprecht auftrüge, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Sollten sie einfach schweigen und nur trotzig ein rabenhaftes "Nicht Wahr!" rufen, wenn sie gefragt würden, woher sie alle ihre Schätze hätten? Oder sollten sie an das weiche Herz des Mädchens appellieren, das ihnen schon alles verzeihen werde? Oder sollten sie dem Mädchen vorschlagen, die Schätze mit ihm zu teilen, auf dass es ihnen allen gemeinsam wohl ergehe auf Erden?

Wie sie so noch Rat hielten, schlug das Mädchen die Augen auf.

"Oh ihr bösen Raben," sagte sie und sah sie dabei vorwurfsvoll an, "was habt ihr nur Schlimmes getan! Alle Welt verachtet und fürchtet euch. Ich aber bin gekommen, euch zu erlösen, wenn ihr nur brav eure Missetaten bereut. Also sagt es nur frei heraus, damit ich euch von dem Banne befreien kann."

Alle schwiegen trotzig.

Doch dann brach der große Dicke das Schweigen: "Ich sag gar nichts. Ich habe nämlich versprochen, nichts zu sagen. Und gerade als schwarzer Rabe muss man sein Ehrenwort halten."

Das schien dem, den man Schwäble nannte, eine feine Ausrede: "Ich kann mich an nichts erinnern, deshalb kann ich auch nichts sagen. Und wenn ich mich erinnere, ist es sicher falsch, weil doch gar so viel in der Welt passiert."

"Recht so!" pflichtete ihm der bei, den alle als den Eckigen kannten, "woher soll ich noch wissen, wann wer gestorben ist und mir seine Reichtümer aus Dankbarkeit hinterlassen hat?"

"Immer hackt man auf den armen schwachen Raben herum," grollte der, der Graf hieß, "schaut doch mal auf den Zaunkönig, der so große Schätze angehäuft hat."

"Mädchen, halt du  dich da raus!" zürnte der Jüngste unter ihnen, "ich werde alles aufklären, sobald es rausgekommen ist, und zwar schonungslos und brutal!" Und das glaubte man ihm auch, wenn man ihn so anschaute.

Als alle gespannt auf den sechsten schauten, der seine Kreise immer im sonnigen Süden zog, schüttelte der nur unwillig den Kopf und zischte: "Ich will damit nichts zu tun haben."

Und der siebte und kleinste? Der fragte sich nur "Was bin ich?" Ja, der Mensch wächst  mit seinen Aufgaben, aber der kleine Nobby nicht....

Das Mädchen war ob dieser Antworten recht ratlos und zornig. Schon wollte sie ihren Knecht Ruprecht auffordern, den verstockten Sündern auf die Sprünge zu helfen. Doch der hatte sich schon zur Tür geschlichen und murmelte was von Sündern und Indern und Rindern und Kindern und Findern oder so ähnlich und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass ein Knecht Ruprecht vor Weihnachten eigentlich andere Aufgaben habe.

Da war guter Rat teuer. Wie sollte es nun weitergehen? Schließlich besann sich das Mädchen auf sein sonniges Gemüt, ließ sich die Antworten der sieben Raben noch einmal durch den Kopf gehen und strahlte dann: "Liebe Brüder," sagte sie und strich dabei einem nach dem anderen über den Kopf, "nun ist ja wirklich alles aufgeklärt, und es ist keinerlei Schuld an euch zu finden. Was sollen wir uns also weiter grämen? Ihr seid wirklich meine Brüder, und ich bitte euch, helft mir dass ich so werde wie ihr."

Und im selben Augenblick nahmen sie wieder ihre alte Gestalt an und zogen einträchtig mit dem Mädchen zurück, dahin, wo sie sich so wohl gefühlt hatten. Das freute die Menschen sehr, sie wieder unter sich zu wissen, und einer begrüßte sie auch sogleich mit einer großen Sahnetorte, die ihnen sicherlich vortrefflich schmeckte.

© Manfred Wolff, Bad Oeynhausen, 2000

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