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Das
Märchen von den sieben Raben Allein so wie das Land größer wurde,
wurden auch die Aufgaben darin größer, und immer mehr Leute, ob nun Bürger
oder Bauern, Arbeiter oder Aristokraten, meinten, das Land werde nicht mehr zum
Besten regiert. Sie tuschelten und murrten, schalten und zürnten, meckerten und
jammerten, immer nur einen Wunsch dabei hegend: ein starker Prinz möge kommen,
der alles wieder zum besten kehrt. Wer aber auch immer sich erkühnte, die
stolze Burg der Brüder zu stürmen, er rannte sich fest an den festen Mauern
wie Ritter Jochen, verfing sich in den Fallstricken des Vorfeldes wie Ritter
Rudolf, versank in den Sümpfen des Burggrabens wie Ritter Oskar oder wandte
sich erschöpft ab wie der Kreuzritter Johannes. Nein, zu dieser Aufgabe
bedurfte es eines wahren Großen. Doch wo sollte man den finden? Endlich schien man den richtigen gefunden
zu haben in dem kleinen Völkchen der Lipper, die ja für ihre Tapferkeit und
Kriegslist und Großzügigkeit bekannt waren. Wo schon die Römer im Teutoburger
Wald geschlagen wurden und die Schützen einen sagenhaften Ruf genossen, da
sollte doch auch einer heranwachsen, der es mit den Brüdern aufnehmen konnte.
Ritter Gerhard rüstete sich zum Kampf und zog vor die Bonnaburg, die man nicht
mit Bonneberg verwechseln darf. Tagelang wogte die Schlacht hin und her, und
schließlich gelang es, die Mauern zu überwinden und die sieben Brüder aus der
Burg zu treiben. Bis in die höchsten Zinnen hatten sie sich zurückgezogen, und
als es kein Entkommen mehr zu geben schien, verwandelten sie sich, weil Schwarz
ihre Lieblingsfarbe war, in sieben Raben und flogen davon. Weil sie aber das magische Wort für die Rückverwandlung
vergessen hatten oder es als Raben nicht mehr richtig sagen konnten, mussten sie
hinfort einsam und fern von ihren Freunden leben, wie es eben Raben tun. Das tat
ihren Freunden bitter leid, und sie sannen, wie sie sie erlösen könnten, damit
alle wieder in alter Pracht in die Burg einziehen könnten. Da fiel ihnen ein, dass es schon in alten
Märchen immer geheißen hat, nur eine unbescholtene Jungfrau verfüge über die
Kraft, einen solchen bösen Bann zu brechen. Doch woher sollte man eine solche
nehmen? Die kleine Claudia war denn doch zu klein für eine so schwierige
Aufgabe, und von Rita konnte man wirklich nicht mehr sagen, dass sie eine junge
Frau sei, wenngleich es ihr nicht an Mut fehlte. Da erinnerte man sich an das Mädchen,
wie der größte der Brüder immer zu ihr gesagt hatte. Hatte sie nicht ein
engelgleiches Wesen, war geduldig und lieb, dabei fleißig und tüchtig? Flugs
stattete man sie mit dem Zauberring aus und schickte sie los, die sieben Raben
zu finden und sie von ihrem Bann zu befreien. Und damit sie nicht an der
schweren Aufgabe zerbreche, gab man ihr den Knecht Ruprecht mit auf den Weg, so
dass es ihr nicht bange werden sollte. Mutig und entschlossen machte sich das Mädchen
auf den Weg. Durch dunkle Schluchten musste sie gehen, undurchdringliche
Dornengestrüppe durchschreiten, durch giftige Sümpfe waten, über riskante
Berggrate klimmen und vielerlei gefährliche Situationen bestehen. Aber sie
schaffte es ganz allein, zu den sieben Raben vorzudringen, und der Knecht
Ruprecht trottete immer brav hinterdrein und fragte sich, wozu das alles gut
sein sollte. Als sie schließlich an der Behausung der
Raben ankam, war von denen nichts zu sehen. Sie waren wohl ausgeflogen und
gingen ihrem bösen Treiben nach, von dem man sich im ganzen Land schaurige
Geschichten erzählte. So aß sie erst einmal von deren Tellern und trank von
ihrem Wein und ließ es sich so gut gehen, dass sie darüber einschlief. Bald
darauf kamen auch die sieben Raben zurück und sahen das Mädchen und wunderten
sich sehr, dass es jemand gewagt hatte, ihnen zu folgen. Als sie jedoch das
Zauberringlein an ihrem Finger entdeckten, wussten sie sogleich, wer das Mädchen
geschickt hatte. Große Angst überkam sie ob ihrer Missetaten und sie hielten
Rat, wie sie sich verteidigen könnten, wenn das Mädchen dem Knecht Ruprecht
auftrüge, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Sollten sie einfach schweigen und nur
trotzig ein rabenhaftes "Nicht Wahr!" rufen, wenn sie gefragt würden,
woher sie alle ihre Schätze hätten? Oder sollten sie an das weiche Herz des Mädchens
appellieren, das ihnen schon alles verzeihen werde? Oder sollten sie dem Mädchen
vorschlagen, die Schätze mit ihm zu teilen, auf dass es ihnen allen gemeinsam
wohl ergehe auf Erden? Wie sie so noch Rat hielten, schlug das Mädchen
die Augen auf. "Oh ihr bösen Raben," sagte sie
und sah sie dabei vorwurfsvoll an, "was habt ihr nur Schlimmes getan! Alle
Welt verachtet und fürchtet euch. Ich aber bin gekommen, euch zu erlösen, wenn
ihr nur brav eure Missetaten bereut. Also sagt es nur frei heraus, damit ich
euch von dem Banne befreien kann." Alle schwiegen trotzig. Doch dann brach der große Dicke das
Schweigen: "Ich sag gar nichts. Ich habe nämlich versprochen, nichts zu
sagen. Und gerade als schwarzer Rabe muss man sein Ehrenwort halten." Das schien dem, den man Schwäble nannte,
eine feine Ausrede: "Ich kann mich an nichts erinnern, deshalb kann ich
auch nichts sagen. Und wenn ich mich erinnere, ist es sicher falsch, weil doch
gar so viel in der Welt passiert." "Recht so!" pflichtete ihm der bei,
den alle als den Eckigen kannten, "woher soll ich noch wissen, wann wer
gestorben ist und mir seine Reichtümer aus Dankbarkeit hinterlassen hat?" "Immer hackt man auf den armen
schwachen Raben herum," grollte der, der Graf hieß, "schaut doch mal
auf den Zaunkönig, der so große Schätze angehäuft hat." "Mädchen, halt du
dich da raus!" zürnte der Jüngste unter ihnen, "ich werde
alles aufklären, sobald es rausgekommen ist, und zwar schonungslos und
brutal!" Und das glaubte man ihm auch, wenn man ihn so anschaute. Als alle gespannt auf den sechsten schauten, der
seine Kreise immer im sonnigen Süden zog, schüttelte der nur unwillig den Kopf
und zischte: "Ich will damit nichts zu tun haben." Und der siebte und kleinste? Der fragte
sich nur "Was bin ich?" Ja, der Mensch wächst
mit seinen Aufgaben, aber der kleine Nobby nicht.... Das Mädchen war ob dieser Antworten recht
ratlos und zornig. Schon wollte sie ihren Knecht Ruprecht auffordern, den
verstockten Sündern auf die Sprünge zu helfen. Doch der hatte sich schon zur Tür
geschlichen und murmelte was von Sündern und Indern und Rindern und Kindern und
Findern oder so ähnlich und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass ein
Knecht Ruprecht vor Weihnachten eigentlich andere Aufgaben habe. Da war guter Rat teuer. Wie sollte es nun
weitergehen? Schließlich besann sich das Mädchen auf sein sonniges Gemüt, ließ
sich die Antworten der sieben Raben noch einmal durch den Kopf gehen und
strahlte dann: "Liebe Brüder," sagte sie und strich dabei einem nach
dem anderen über den Kopf, "nun ist ja wirklich alles aufgeklärt, und es
ist keinerlei Schuld an euch zu finden. Was sollen wir uns also weiter grämen?
Ihr seid wirklich meine Brüder, und ich bitte euch, helft mir dass ich so werde
wie ihr." Und im selben Augenblick nahmen sie wieder
ihre alte Gestalt an und zogen einträchtig mit dem Mädchen zurück, dahin, wo
sie sich so wohl gefühlt hatten. Das freute die Menschen sehr, sie wieder unter
sich zu wissen, und einer begrüßte sie auch sogleich mit einer großen
Sahnetorte, die ihnen sicherlich vortrefflich schmeckte. © Manfred Wolff, Bad Oeynhausen, 2000 |