Weiße Schatten
"Es bedeutet nichts
Gutes, wenn Hermann Rothschild mich einlädt, auf dem Sofa in der guten
Stube Platz zu nehmen," ging es Georg Krake durch den Kopf. Die gewöhnlichen
Geschäfte wurden immer in dem kleinen Kontor besprochen, und der
nachbarschaftliche Tratsch lief entweder auf dem gemeinsamen Hof oder in der Küche
ab. Heute ging es nicht nur ihm, sondern auch Hermann um mehr. Georg Krake drehte seine Mütze in den fleischigen Händen,
und sooft er die blauen Augen von der Tischdecke weg nach vorn richtete, wich er
Hermann Rothschild aus und blickte unter den weißblonden Wimpern hindurch zum
Fenster auf das stillstehende Mühlenrad auf der gegenüberliegenden Seite des
Hofes. "Also, Schorse, wo drückt der Schuh?" Hermann
wusste, dass dies kein angenehmes Gespräch würde, deshalb wollte er schnell zur Sache
kommen. "Du weißt,
dass ich meinen Kredit nicht zurückzahlen
kann. Nicht einen Groschen." "Ja, das weiß ich. Deshalb möchte ich dir
helfen." "80000 Mark habe ich in die Modernisierung gesteckt - für
nichts." "Die Zeiten werden sich ändern, dann bist du gut gerüstet." "Alle lassen woanders mahlen und schroten." "Der Vieh- und Landhandel war auch schon besser." "Aber dein Geschäft
geht noch ganz gut." "Darum lasse ich ja auch noch immer bei dir
mahlen." "Von einem Kunden kann ich nicht leben." "Du
musst mir noch einmal Aufschub geben." "Das will ich auch, aber - ich brauche eine größere
Sicherheit. 20000 Mark sind kein Pappenstiel." "Was für eine Sicherheit?" "Du könntest mir ein Vorkaufsrecht für die Mühle
eintragen lassen." „Darauf hast du es also abgesehen. Genügt es dir nicht,
dass dir schon das halbe Grundstück gehört?“ Krakes Stimme schnappte fast über. „Ich brauche Sicherheiten, weil ich mich auch refinanzieren
muss. Schorse, nicht jeder, der Rothschild heißt, hat eine Bank in England,“
versuchte Hermann Rothschild ihn zu beruhigen. „Ich verstehe, was hier läuft.“ Krake war aufgesprungen
und ging im Zimmer auf und ab. „Als dein Großvater sich hier niederließ, bat
er meinen Großvater um einen Schuppen und ein Kämmerchen. Dann gehörte ihm
auf einmal die Scheune, dann das Altenteilerhaus, dann die Weiden. Ich verstehe
sehr gut, wo das alles hinaus soll. Aber glaube mir, Hermann „ - bei diesen
Worten richtete er sich zu seiner ganzen Größe auf - „die Zeiten werden
sich bald ändern. Deutschland erwacht. Dann geht es andersrum!“ „Ich nehme an, auch dann werden noch Recht und Gesetz
gelten.“ „Dann gilt deutsches Recht.“ Krake setzte sich wieder an
den Tisch und starrte auf das Mühlrad. Alles dreht sich, alles geht weiter,
niemand wird uns aufhalten, dachte er. „Gut, fahren wir morgen zum Notar,
Hermann. Doch,“ Krake zog eine Augenbraue hoch, „da wird noch nicht das
letzte Wort gesprochen.“ XXX Es war ein kalter Herbstmorgen, die ersten Fröste hatten
schon die Kraft aus den Blättern genommen, und heftige Böen trieben das Laub
vor sich her. Hermann Rothschild zog seine Joppe fest über der Brust zusammen,
als er an Georg Krakes Haustür schellte. „Nun hat er seinen jüdischen
Hausierer“, ging es ihm durch den Kopf. Helga Krake öffnete die Tür einen Spalt weit. „Was wollen
Sie?“ „Ich möchte mit Ihrem Vater sprechen.“ Sie wandte sich um und rief ins Haus: „Papa, der Jude will
was von dir!“ Aus dem Innern hörte Hermann Rothschild unverständliche
Worte. Dann trat Helga zurück und Georg Krake füllte den Türrahmen. „Was
wollen Sie?“ „Herr Krake, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.
Einen großen Gefallen.“ „Rothschild, jetzt ist Krieg, da kann es keine Gefälligkeiten
geben.“ „Sie haben
Einfluss bei der Partei. Beschaffen Sie meiner
Frau und mir eine Genehmigung zur Auswanderung. Wir möchten zu Edith.“ „Ach, Sie möchten zu Edith?“ Krake ließ ein höhnisches
Lächeln über sein Gesicht fahren. „Warum ist Edith denn nicht hier? Kümmert
sich um ihre alten Eltern? Wo ist sie denn? Schüttelt sie in Palästina die
Kokosnüsse von den Bäumen?“ Es machte Krake sichtlich Freude, den Nachbarn zu quälen. Er
steckte seine Daumen hinter den Gürtel und sah Rothschild herausfordernd und
lauernd an. „Ja, Edith ist in Palästina, und wir möchten zu ihr. Hier
ist kein Platz mehr für uns.“ „Das stimmt. Hier ist kein Platz mehr für Juden. Aber,
Rothschild, „ Krake zeigte mit dem Kopf zum Mühlrad, „dort ist es nicht so
schön wie hier. Keine Mühlen am Bach, keine Eichen und Ulmen ums Haus, nur Wüste.
Wissen Sie das?“ „Mir ist nicht nach Scherzen zumute, Herr Krake. Bitte
helfen Sie mir, wie ich Ihnen früher auch geholfen habe.“ „Geholfen? Geschäfte haben Sie gemacht, schmutzige Geschäfte,
wollten mir das Fell über die Ohren ziehen. Und jetzt wollen Sie ins Ausland,
um bei unseren Kriegsgegnern die große Leistung unseres Führers zu verleumden?
Nein, Rothschild, jetzt ist Krieg. Da darf das Reich keine Schwächen
zeigen." „Ich bitte Sie inständig, Herr Krake, und es soll nicht
Ihr Nachteil sein.“ „Sie wollen mich bestechen? Mich kaufen? Mir meine Treue zu
Führer und Reich abschnorren?“ Krake lief rot an. „Rothschild, Sie haben
nichts verstanden. Scheren Sie sich weg!“ Die Tür schlug laut zu. Der Ton hallte in dem leeren Hof.
Hermann Rothschild ging mit schleppendem Schritt zu seinem Haus zurück. Auf dem
Trittstein wandte er sich noch einmal um, blickte auf die Mühle. Herr der Welt, Deine Mühlen mahlen so schwer. Warum
lässt Du
uns zwischen die Steine fallen?“ Sie hatten die ganze Nacht fertig gekleidet auf dem Sofa gesessen.
Die gepackten Rucksäcke standen im Flur. Es war sehr ruhig, totenstill fast,
nur das Ticken der Wanduhr war zu hören, alle halbe Stunde ihr weicher Schlag,
von draußen drang das Knarren des Mühlrades herein, ab und zu das Bellen eines
Hundes aus der Nachbarschaft. Hermann Rothschild hatte seinen Arm um die Schultern seiner
Frau gelegt, die immer wieder leise weinte. Dann sprang sie plötzlich auf, um
sich zu vergewissern, dass sie beim Packen nichts vergessen hatte, kehrte wieder
zu ihrem Mann zurück. Die beiden letzten Tage hatten sie mit Saubermachen und Aufräumen
verbracht. Es sollte nur keiner sagen, bei den Juden herrsche keine Ordnung.
Jedes Teil wurde sorgfältig geputzt und akkurat auf seinen Platz gestellt. Und
jedes Teil erzählte dabei seine Geschichte, die es immer behalten würde. Draußen dämmerte es. Auf dem Hof waren Schritte zu hören,
der Knecht war wohl schon auf den Beinen. Und dann das knatternde Geräusch
eines Lastwagens, der auf den Hof fuhr. Das Knarren der Bremse. Männerstimmen.
„Wo wohnt der Jude?“ Hermann Rothschild erhob sich, zog seine Frau mit sich.
„Komm, Elisabeth, unsere Reise beginnt. Ich möchte nicht aus dem Haus gezerrt
werden.“ Sie packten sich die Rucksäcke auf, in der Tür blickte sich
die Frau noch einmal um, schluchzte auf. „Komm, es hat keinen Sinn!“ Die uniformierten Männer kamen ihnen schon entgegen. „Los! Schnell, schnell! Wir haben keine Zeit.“ Ein junger
Bursche stieß sie vor sich her. Sie kletterten auf die Ladefläche des
Lastwagens. „Jetzt macht ihr eine große Reise. Auf Nimmerwiedersehen!“ Auf
dem Bretterboden saßen schon andere, Bekannte und Freunde aus der
Synagogengemeinde. Man grüßte sich wortlos. Am Eingang zur Mühle stand Marek, der polnische
Zwangsarbeiter. Er wusste, wohin die Reise ging. „Grüßt meine Heimat“,
rief er ihnen nach. Auch er weinte. Der Motor heulte auf, und der Lastwagen rollte langsam vom
Hof. Die Räder schlugen in jede Unebenheit, rollten weiter, immer schneller,
ihrem nächsten Ziel zu, es waren noch ein paar Leute abzuholen. Da musste alles
zurückbleiben. XXX Lea Gur hatte Stefan Weber in der evangelischen
Studentengemeinde kennen gelernt. Da gab es einen Arbeitskreis „Israel“, an
dem beide teilnahmen. Es wurde über die Situation im Nahen Osten diskutiert, über
die Kriege mit den Palästinensern und den Arabern, über die Ideale des jungen
Staates und natürlich auch über die Nazizeit in Deutschland. Lea traute der
Begeisterung der jungen Leute nicht recht. Sie waren doch die Kinder der Täter.
Manches kam ihr hohl und aufgesetzt vor. „Ihr mit eurem Auschwitzblick,“
sagte sie einmal im Spaß, „ihr könnt so schön betroffen gucken, wenn es um
die Juden geht. Aber getroffen seid ihr nicht.“ Stefan mochte sie. Er war irgendwie offener als die anderen.
Es musste ja schließlich auch eine neue Generation in Deutschland geben,
deshalb hatte sie sich ja um das Stipendium in Göttingen beworben. Sie wollte
sehen, wie das Land aussieht, aus der ihre Mutter geflohen war, sie wollte mit
den Leuten reden, sie kennen lernen, nicht nur aus den Erzählungen und
Erinnerungen ihrer Mutter. Stefan war lieb, höflich, zuvorkommend, er hatte
sich mit der Geschichte beschäftigt. Und er hatte nicht diese Befangenheit, die
sie so oft bei anderen wahrnahm, wenn sie mitkriegten, dass sie Jüdin ist. Darum hatte Lea auch keinen Augenblick gezögert, als Stefan
sie einlud, über die Pfingsttage mit zu seinen Eltern zu fahren. Sie fühlte
sich sicher mit ihm, und eine deutsche Familie kennen zu lernen, war doch etwas
anderes als nur immer die Studentengruppen und Partycliquen. Stefans Vater hatte sie mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt.
Als sie auf dem Hof der Webers ausstieg und sich umsah, musste sie schmunzeln:
ja, genauso hatte sie sich Deutschland immer vorgestellt: kleine ein- und
zweigeschossige Backsteinhäuser mit rotem Ziegeldach, alte Bäume um das Haus,
ein gepflegter Rasen mit einer Sitzgruppe, ordentlich gezirkelte Blumenbeete,
Gartenzwerge – nur dass hier die Zwerge durch leuchtend weiße Kopien von
Michelangelos David und der Venus von Milo vertreten wurden, die Idylle wurde
allein von dem knallblauen Werbeschild einer Versicherung, das über der Haustür
angebracht war, getrübt. Nach dem Abendessen zeigten ihr die Webers das ganze Anwesen,
wussten zu allem etwas zu erzählen. Alle Dinge hatten eine Geschichte. „Und die Mühle arbeitet noch richtig?“ fragte sie vor
dem Mühlrad, dass sich leise ächzend an der einen Seite des Hofes drehte. „Nein, die hat schon seit über dreißig Jahren kein Korn
mehr gesehen.“ „Aber sie läuft so schön gleichmäßig, als ob sie das
schon seit Jahrhunderten tut und noch bis in die Ewigkeit tun will.“ Lothar Weber zwinkerte seinem Sohn zu. „Das ist Stefans
Hobby. Er hat sie in mühseliger Kleinarbeit wieder restauriert. Und jetzt geben
wir das Rad frei zu besonderen Anlässen, wie jetzt, wenn wir lieben Besuch
haben. Wir hätten sie sonst damals abgerissen.“ Lea beugte sich vor, bückte sich, um das kühle Wasser über
ihre Hand laufen zu lassen. Wasser war für sie immer wieder ein Wunder, das
alles in Gang und am Leben hielt. Man saß noch lange zusammen am Abend, Stefan und Lea erzählten
vom Studium, Lea vom Leben in Sfad, von ihrer Militärzeit, Webers vom Alltag
des Dorfes und von all den Dingen, die ihre Welt ausmachten. XXX Lea konnte nicht schlafen. Durch die geöffnete Balkontür hörte
sie das Plätschern des Wassers auf dem Mühlenrad, das gleichmäßige Knarren
des Rades. Sie trat hinaus. Blickte auf den Hof. An beiden Seiten des Balkons boten Bretter Schutz vor dem kühlen
Wind, und ebensolche Bretter bildeten ein Dach darüber; durch die Zwischenräume
konnte sie die Sterne sehen. Lea strich mit einer Hand über ein Brett und fühlte eine
Unebenheit. Sie sah näher hin und entdeckte im fahlen Licht einen geschnitzten
Löwenkopf. Sie tastete weiter: ein sechszackiger Stern, Weintrauben, Blätter.
So hatte Mutter doch die Sukkah beschrieben in ihren Erzählungen von früher,
aus dem Elternhaus. Lea erschrak. Sie tastete weiter über die Bretter, und plötzlich
schien sich ihr eine warme Hand auf die ihre zu legen, und eine ruhige Stimme
sagte: "Willkommen, Lea-Leben, willkommen in unserem Haus. Ich wusste, du
kommst hierher." Sie war sich sicher, dass da ihr Großvater zu ihr sprach. "Komm, ich zeige dir alles. Ja, dies ist die
Sukkah, die
mein Vater schon für uns gebaut hat. Hier haben wir gesessen an den kühlen
Herbstabenden und haben der Wanderung durch die Wüste gedacht. Und an Simcha
Thora tüchtig dem süßen Wein zugesprochen." Die Hand ergriff sie fest und führte sie ins Haus zurück. "In diesem Zimmer haben wir Seder gehalten, und die
kleine Edith - deine Mutter - hat immer gewartet, dass der Prophet Elias zur Tür
hereinkam. Aber die letzten Sederabende waren wir allein, deine Großmutter und
ich." Lea folgte ihm durch die Tür in das Treppenhaus. "Hinter dieser Tür," sie blickte nach rechts,
"hat deine Mutter das Licht der Welt erblickt. Das war das schönste Geräusch
meines Lebens, als ich hier draußen stand und sie zum ersten Mal schrie." Er zog sie die breite Holztreppe hinunter, sie trat
vorsichtig auf, damit die Stufen nicht knarrten. "Das war mein kleines Büro, wo ich die Bücher führte und
mit den Kunden sprach. In der guten Stube daneben haben wir Gäste empfangen und
mit Freunden gefeiert. Die kennst du ja schon. Und hier in der Küche haben wir
die letzte Nacht verbracht, ehe wir abgeholt wurden. Die ganze Nacht saßen wir
an dem Tisch und haben geweint. Du kannst es noch hören, das Wasser der Mühle
hat es sich gemerkt." "Ach, und da hängt ja noch der alte Spiegel. Deine Großmutter
blickte noch einmal kritisch hinein, um den richtigen Sitz ihrer Kappe zu überprüfen,
als wir das Haus verließen. Sie war sehr eitel, musst du wissen." Lea starrte in den Spiegel. War das ihr Gesicht, das zurückblickte?
Oder waren es die Augen der Großmutter, die aus dem gerissenen Silber fragend
auf ihr ruhten? Sie sah sich um. Wollte sich vergewissern. Sie war allein. XXX Die Webers saßen schon am Frühstückstisch. Lea blieb in
der Tür stehen und winkte Stefan zu sich. "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen." "Du siehst schlecht aus, der Kaffee wird dir
aufhelfen." "Nein. Ich werde abfahren. Sofort." "Warum denn das?" "Ich
muss." Stefan wandte sich seinen Eltern zu. "Habt ihr gehört,
Mutti, Lea will abreisen." "Ja warum das denn? Geht es Ihnen nicht gut, Lea? Kommen
Sie, frühstücken sie erst mal." "Ich kann nicht. Ich reise ab." Lothar Weber erhob sich und ging zu Lea. "Gestern haben
wir so gemütlich zusammengesessen. Was ist passiert?" Lea blickte von einem zum andern. "Ich weiß jetzt, wo
ich bin. - Und wo ist Krake?" Als der Name fiel, blickten die beiden Männer auf Helga
Weber. Sie schwieg einen Augenblick und antwortete dann zögernd: "Georg
Krake war mein Vater, ich bin hier sozusagen Krake. Warum fragst du?" Lea ging einen Schritt auf sie zu. "Und meine Mutter ist
Edith Rothschild." "Nein, wie ist es möglich! Sie sind Ediths Tochter?
Mein Gott, seit ihrer Auswanderung habe ich nichts mehr von ihr gehört."
Sie ging auf Lea zu, als wollte sie sie in den Arm nehmen. Lea wich zurück. "Ja, sie ist von hier geflohen, und es
geht ihr gut. Und meine Großeltern sind von hier verschleppt, und wir wissen
nicht, wie es ihnen gegangen ist. Oder wir wissen es nur zu gut." Sie hielt einen Augenblick inne. "In den Briefen, die
Großvater meiner Mutter schrieb, kam immer wieder ein Name vor: Krake. Mutter
hat sie mir oft vorgelesen. Sie hat mir von ihrem Elternhaus erzählt und von
der Mühle und immer wieder von Krake. Jetzt bin ich hier. Ich kann hier nicht
bleiben." "Aber das ist doch alles lange her," versuchte
Wolfgang Weber zu beschwichtigen, "so lange her, und uns geht es eigentlich
alle nichts mehr an. Es war schrecklich, ja, doch jetzt leben wir in einer
anderen Zeit, und dass Stefan Sie zu uns eingeladen hat, beweist doch, dass sich
die Zeiten geändert haben." „Ja, die Menschen reden anders. Aber die Dinge erzählen
eine andere Geschichte, wenn man sie sprechen lässt. Ihre Geschichten gellen
mir im Ohr.“ Helga Weber hatte sich wieder etwas
gefasst. „Lea, du musst
mir glauben, dass mir das alles sehr leid tut, was deiner Mutter und deinen Großeltern
passiert ist. Aber das Leben muss doch weitergehen. Für uns war diese Nazizeit
auch schrecklich. Mein Bruder ist in Russland gefallen, Vater wurde beim
Volkssturm, wenige Tage vor Kriegsende, erschossen..“ „Und warum hat Ihr Vater das alles meinem Opa angetan?“ „Lea, das war die Zeit, eine schreckliche Zeit.“ „Nein, es waren die Menschen, schreckliche Menschen.“ Stefan versuchte einen Arm um Lea zu legen, aber sie entzog
sich ihm. „Du hast diese Mühle repariert, damit sie weiter Zeugnis ablegt von
der Vergangenheit. Weißt du eigentlich was du da getan hast? Hast du nie zugehört,
wenn sie erzählt hat?“ „Lea, für mich ist diese Mühle unsere Geschichte, die
Geschichte meiner Familie.“ „Du Träumer, entweder hat man dich belogen oder du willst
auch nicht alles wissen. Es passt ja auch nicht in die heile Welt, dass nicht
nur Wasser, sondern auch Tränen an dieser Mühle flossen. Tränen aus Augen,
die nicht aus eurer Familie sind.“ Lea Gur wandte sich den Webers zu. „Haben Sie herzlichen
Dank für die Gastfreundschaft. Sie waren wirklich sehr lieb zu mir. Aber haben
Sie bitte auch Verständnis für mich. Es schmerzt mich, hier zu sein. –
Stefan, bitte fahr mich zum Bahnhof.“ Lea ging ins Haus, um ihre Sachen zu holen. Im Flur drehte
sie sich noch einmal um und blickte in den Spiegel. XXX Stefan ließ ärgerlich den Motor aufheulen, und dann rollte
der Wagen leise über den glatten Asphalt zum Hof hinaus, aus dem Dorf, immer
weiter, seinem Ziel zu. Lea hatte sich noch einmal umgesehen an der Einfahrt:
das Haus, die Bäume, das Mühlrad drehte sich unverdrossen. Das
musste jetzt alles zurückbleiben. Text
©
Manfred Wolff, 2000 |