Diese Seite enthält Texte, die ich im Jahre 2007 in der Berliner Straßenzeitung "strassenfeger" veröffentlicht habe.

 

Das war 2007 – Ein Jahresrückblick am Jahresanfang
Hartz IV heißt nicht zuhause bleiben
Erst der Vorgarten, dann der Regenwald – Heiligendamm vor dem Gipfel
Wochenend und Sonnenschein
Der Kampf um die Gemüter – Kunst und Propaganda
New York baut – Berlin zeigt: Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts in der Neuen Nationalgalerie
Käufliche Liebe in der Antike, oder wie machten es die alten Griechen?
Todesursache Asyl
Kleine Bilder einer großen Reise von St. Petersburg nach Moskau
Der Linksaußen – eine aussterbende Art
Eine Welt ohne Odysseus und Harry Potter …
Der geschenkte Gaul
Imaginäre Reisen durch die Welt. Eine Ausstellung über Karl May im Deutschen Historischen Museum

 

Das war 2007 -  Ein Jahresrückblick am Jahresanfang

Januar
Wowi stellte seine Kompetenz in Sachen Kultur schnell unter Beweis. „Kultur darf nicht nur eine Sache der Eliten sein, sie muss für alle da sein,“ sagte er bei der Einbringung eines Gesetzes im Abgeordnetenhaus, das alle Berliner verpflichten soll, einen Kulturbeutel zu erwerben. Die Ausführungsbestimmungen über den Inhalt des Kulturbeutels folgten ja dann bekanntlich im April.

Februar
Endlich beschloss die BVV Friedrichshain-Kreuzberg die Umbenennung eines Teilstücks der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße. Aus Protest schloss der Springerkonzern sein Pressehaus und verlegte den Sitz des Verlags in die leerstehenden Gebäude des Flughafens Tempelhof.

März
Der Senat beschloss den Bau eines vierten Opernhauses in der Stadt, an dem die Spitzenkräfte der drei alten Opern auftreten sollen. Davon versprach man sich mehr Wettbewerb unter den Künstlern und damit eine spürbare Anhebung des Niveaus und der Attraktivität der Berliner Opernszene. Als mögliche Standorte für das neue Haus wurden Ahrensfelde, Lübars oder Glienicke ins Gespräch gebracht.

April
Menschentrauben auf den Bürgersteigen belebten das Berliner Straßenbild. Nach Inkrafttreten des Rauchverbots in Gaststätten fanden sich die Raucher vor der Tür ein, um zwischendurch mal ein paar Züge zu genießen. Die Ordnungskräfte lösten diese Verkehrsbehinderungen geübt und schnell auf. Einige Wirte beklagten jedoch, dass der eine oder andere Gast diese Aktionen zur Zechprellerei nutzten.

Mai
Der 1. Mai stellte in diesem Jahr alles bisher Dagewesene in den Schatten. Tausende Autonome luden in Kreuzberg die angerückte Bereitschaftspolizei zu einem ausgelassenen Verbrüderungsfest ein. Das Bier floss in Strömen, überall wurden Tütchen herumgereicht, die ausländischen Kreuzberger brachten Döner und Spätzle, Falafeln und Maultaschen zur Stärkung herbei.

Juni
Am Hauptbahnhof begannen pünktlich zum einjährigen Jubiläum die Umbauarbeiten, um den Urheberansprüchen des Architekten Meinhard von Gerkan Rechnung zu tragen. Der Bahnhof musste deshalb geschlossen werden. Mehdorn entschied sich für den Hamburger Bahnhof als Ausweichquartier, weil dort die Reisenden ähnliche Bedingungen wie am Hauptbahnhof vorfinden: kaum Parkplätze, schlechte Verkehrsanbindung, keine Fahrscheinautomaten. Da der Hamburger Bahnhof keinen Gleisanschluss hat, wurde ein Busshuttle zu den Bahnhöfen Spandau und Südkreuz eingerichtet.

Juli
Die Love Parade hatte prominente Teilnehmer. Der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski nahm mit seinem gesamten Kabinett teil. „In solchen Sachen haben wir eine Menge Erfahrung,“ sagte er der Presse. Zu seinem Verdruss weigerte sich aber Angela Merkel, ihn zu begleiten. Das warf wieder einmal einen Schatten auf die deutsch-polnischen Beziehungen.

August
„Arm aber sexy“ galt offensichtlich nicht für die ganze Stadt und alle Lebensbereiche. Der Versuch einiger Gastronomen, die Strandbadszene in der Stadtmitte durch FKK-Strände zu beleben, fand zwar die Zustimmung der Tourismusbranche, die auf zahlreiche Voyeure aus der Provinz setzte, stieß aber beim Senat auf Ablehnung. So arm seien die Berliner nun auch nicht, dass es nicht mehr zu einer Badehose reiche.

September
Der Berliner Moschee-Bauverein hat das Gelände des abgerissenen Palastes der Republik erworben, um dort eine große Zentralmoschee zu errichten. Sie soll die größte nördlich der Donau werden und zusammen mit dem Berliner Dom und der Hedwigs-Kathedrale das spirituelle Herzstück Berlins bilden. Diese Entwicklung ganz im Sinne des Alten Fritz wurde vor allem von den Traditionalisten begrüßt, die prompt ihre Pläne zum Wiederaufbau des Schlosses fallen ließen.

Oktober
In der zweiten Oktoberwoche war der Kreuzberg voller Gezwitscher und Gepfeife. Die Singvögel waren zwar schon im Süden, aber dafür war Weinlese am Kreuzberg. In diesem Jahr wurden erstmals Ein-Euro-Jobber als Erntehelfer eingesetzt. Die mussten den ganzen Tag über pfeifen, damit ja keiner von den süßen Früchten naschte und damit seine Ansprüche nach dem Sozialgesetzbuch II aufs Spiel setzte.

November
Wie jedes Jahr übernahmen am 11.11. um 11 Uhr 11 die Narren das Berliner Rote Rathaus. In der aktuellen Politik blieb damit wieder mal alles beim Alten. Ein Schatten fiel auf das Ereignis, als Seine Tollität der Prinz die ebenfalls übergebene Stadtkasse gar nicht feierlich, sondern eher lässig einfach in die Hosentasche steckte.

Dezember
Der Einzelhandelsverband Berlin schloss mit Leihbischof Anselm ein Konkordat über eine Neuregelung der Adventszeit. Danach sollte es unmittelbar nach dem Weihnachtsfest weitere Adventssonntage geben: den 5. bis 8. Advent. Natürlich sollten auch diese Adventstage verkaufsoffen sein. Die feierliche Unterzeichnung wurde mit einem festlichen Abendessen im 6. Stock eines Kaufhauses an der Tauentzien gekrönt.


Hartz IV heißt nicht zuhause bleiben

Klar, die paar Kröten, die man mit Hartz IV in die Tasche bekommt, reichen man gerade für das Nötigste. Da kann man nicht groß ausgehen und den dicken Emil machen. Wenn gespart wird, dann zuerst bei alle dem, was nicht zum Überleben unabweisbar ist. Und wie in der Politik auch, wird zuerst bei der Kultur gespart. Theater, Museen, Kunsthallen, Konzerte, Kino werden aus der Liste der Möglichkeiten gestrichen: überflüssiger Luxus.

Nun, sollen ja Politiker Vorbilder sein, aber in Sachen Kultur müssen wir ihrem Beispiel nicht folgen. Es gibt in der Stadt zahlreiche Möglichkeiten, am kulturellen Leben teilzunehmen und Herz und Verstand zu laben, ohne dass man einen Cent dafür bezahlen muss.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen hier einige Möglichkeiten dargestellt werden.

Klassische Musik
Klassische Musik gibt es nicht nur für teures Geld in der Philharmonie und bei den großen Starkonzerten. In den beiden Musikhochschulen Universität der Künste an der Bundesallee und der Hardenbergstraße sowie der Musikhochschule Erich Weinert am Schlossplatz spielen während der Semester von Montag bis Freitag meist jeweils um 19 Uhr die Meisterschüler auf. Da wird hervorragende klassische Musik geboten, nicht von Stars, aber vielleicht von den Stars von morgen. Und wenn die in zehn Jahren groß rauskommen, können Sie lässig sagen: „Den oder die kenne ick schon seit ner Ewigkeit!“ Bei diesen Konzerten ist der Eintritt frei.

Bildende Kunst
Wer sich für bildende Kunst interessiert, braucht auch nicht sein Portemonnaie zu zücken. Jeden Abend findet garantiert irgendwo in Berlin wenigstens eine Ausstellungseröffnung in einer der zahllosen Galerien statt. Dazu werden zwar potentielle Käufer mit dicker Brieftasche ausdrücklich eingeladen, aber auch bloße Sehleute sind immer willkommen, denn eine gut besuchte Vernissage gilt als vorteilhaft für das Renommee einer Galerie. Also ruhig mal hingehen. In Mitte, rund um die August-, Linien- und Torstraße schafft man an manchen Abenden vier bis fünf Ausstellungen. Außerdem wird bei den meisten Vernissagen auch ein Glas Wein und etwas zu knabbern angeboten. Natürlich kann man auch sonst einen Bummel durch die Galerien machen. Niemand wird da abgewiesen. Allerdings gibt es dann keine Häppchen …

Staatliche Museen
Kostenlos ist auch der Besuch der staatlichen Museen. Sie bieten einmal im Monat einen eintrittsfreien Tag. Leider ist das nicht in allen Museen derselbe Tag. Wegen der zeitlichen Versetzung kann man aber so mehrere Museumsbesuche im Monat planen.

Theater und Oper
Schließlich noch die Theater und Opernhäuser. Dafür gibt es zwar keine Gratiskarten, aber Hartz IV-Empfänger können dort für drei Euro eine Eintrittskarte erwerben, was sicher manchmal erschwinglich und im Vergleich zu den regulären Preisen wirklich fast geschenkt ist. Allerdings hat die Sache einen Haken. Es gibt diese Karten in der Regel nur an der Abendkasse, nur wenige Theater bieten die Möglichkeit, Drei-Euro-Karten telefonisch vorzubestellen.

Bibliothek
Wer schließlich sein Theater oder Kino lieber im Kopf hat, kann in den zahlreichen Stadtbibliotheken kostenlos einen Benutzerausweis bekommen und dann Bücher und elektronische Medien kostenlos ausleihen und in Ruhe zu Hause genießen.

Und wie kann man am besten erfahren, was wann wo geboten wird? Am komfortabelsten informiert man sich in den beiden Zeitschriften „Tip“ und „Zitty“. Und das geht meist auch kostenlos, denn in vielen Läden liegen die griffbereit aus, so dass man schnell mal ganz lässig durchblättern kann, was an dem betreffenden Tag gerade los ist.

Die Formel „Hartz IV = RTL2 + Flaschenbier und Kartoffelchips“ ist also falsch. Berlin bietet mehr, auch für Hartz IV-Empfänger.


Erst der Vorgarten, dann der Regenwald – Heiligendamm vor dem Gipfel

„Et blievt allens bin Ollen“ soll in der mecklenburgischen Landesverfassung gestanden haben. „Wenn die Welt untergeht, ziehe ich um nach Mecklenburg, denn da passiert alles fünfzig Jahre später“ wurde Bismarck in den Mund gelegt. Ein idyllisches Fleckchen Erde, wo die Menschen so ruhig sind wie die Naturschutzgebiete und wo es nur die Ostsee sich manchmal leistet, mal so richtig aufgewühlt zu sein. Und nun das! Ausgerechnet das kleine Ostseebad Heiligendamm soll im Juni für ein paar Tage zum Mittelpunkt der Welt werden.

Schon jetzt wirft der G8-Gipfel seine Schatten voraus und beherrscht nicht nur die Gespräche der Bewohner, sondern verändert auch ihren Alltag. So werden immer wieder allzu neugierige Beobachter an den Baustellen der großen Zaunanlage von Polizeibeamten zum Zücken der Personalausweise aufgefordert. Ohne dieses Dokument geht man besser nicht mehr spazieren.

Um die Sicherheit der Gipfelteilnehmer kümmert sich die Polizei, und das Land Meckpomm scheut keine Kosten und Mühen. Aber wer kümmert sich um die Einwohner von Heiligendamm, von Klein, Hinter und Vorder Bollhagen, von Bad Doberan und Kühlungsborn? Die Polizei veranstaltet Informationsabende, aber die hinterlassen mehr offene Fragen als beruhigende Antworten. Und dort treten als ungebetene Ratgeber am Rande auch die Aktivisten der NPD auf.

Fragt man die Leute auf der Straße, ergibt sich ein vielfältiges Meinungsbild. Der Kioskinhaber am Rande der Heiligendammer Kuranlagen weiß angeblich von nichts, ihn geht das alles nichts an, er will nur sein Flaschenbier und seine Currywürste verkaufen. Ein Gastwirt in Kühlungsborn hält den ganzen Aufwand für übertrieben. Nach seiner Meinung sollte der Putin ein paar Kompanien aus Tschetschenien mitbringen, die würden schon für Ordnung sorgen. Ein Rentner sorgt sich, ob er wohl auch während des Gipfels auf der Seebrücke seinen Fisch für das Abendessen angeln kann.

So ganz nebenbei ist noch ein Uraltproblem wieder auf den Tisch gekommen. Bad Doberan hatte wohl als erste deutsche Stadt schon 1932 Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft1) verliehen, und der hatte sich prompt revanchiert und die Dammer Chaussee zur schönsten Straße Deutschlands erklärt, was wiederum dazu führte, dass sie nach ihm umbenannt wurde. 45 Jahre Sozialismus und 17 Jahre Demokratie hatten wohl nicht ausgereicht, die Ehrenbürgerschaft wieder rückgängig zu machen. Und nun steht man damit vor der Weltöffentlichkeit …

Die Anwohner machen sich keine großen Gedanken über die Agenda des Gipfels. Ihre Vorgärten sind ihnen näher als die Regenwälder. Wer schützt sie davor, dass nicht die Demonstranten da alles platt treten? Wenn Zehntausende wirklich zur Dauerkonferenz nach Bad Doberan kommen, haben die ja nicht nur die Zukunft der Welt im Kopf, sondern auch menschliche Bedürfnisse – wohin damit? Umweltschutz fängt zu Hause an. Die Einzelhändler und Gaststätten befürchten Umsatzeinbußen, da spielen die globalen Handelsbeziehungen keine Rolle. Ob die Ängste realistisch sind oder nur geschürt durch die Medien, ist da unerheblich. In den Köpfen der Leute sind sie real. Die Bilder von Genua 2001 sind noch nicht vergessen.

Es gibt allerdings auch Leute, die das alles sehr viel positiver sehen. Da sind die Gastwirte, die sich auf über 1.500 zahlungskräftige und hungrige Journalisten freuen – Fisch satt! Und die Touristik-Manager erhoffen sich von der Bekanntheit nicht nur Heiligendamms, sondern ganz Mecklenburgs, einen nachhaltigen Aufschwung der Besucherzahlen, am liebsten aus Amerika, mit vielen Dollars in der Tasche. Schließlich das Kempinski Grand Hotel Heiligendamm, von dem gemunkelt wird, dass da die Bilanzen gar nicht so rosig aussehen: die Unterbringung der Staatsgäste ist sicher ein warmer Regen und beschert endlich mal volle Ausbuchung des Hauses.

Verdient wird auf jeden Fall. Der 13 Kilometer lange Zaun rund um Heiligendamm ist schon fast fertig, 2,50 Meter hoch, auf 900 Kilogramm schweren Betonsockeln, gekrönt mit Stacheldraht, und kostet zwölf Millionen Euro. Damit er möglichst unversehrt second hand weiterverkauft werden kann, werden ihn 16.000 Polizisten bewachen. Was wird daraus, wenn der Gipfel vorbei ist? Er soll weiter verwandt werden. Vielleicht weiter rund um Heiligendamm, um endlich die neugierigen Einheimischen vom feinen Kempinski Hotel fernzuhalten, sie zu dem zu machen, was man ihnen jetzt nur nachsagt – zu Zaungästen?


Wochenend und Sonnenschein

... trällern die Comedian Harmonists, aber wie oft trifft das schon mal gleichzeitig ein? Wenn man so an die Sommerwochenenden zurückdenkt, möchte man eher den Blues von „Wochenend und Regenschirm …“ anstimmen. Mit schöner Regelmäßigkeit versaut einem das Wetter die Wochenenden mit ihren Grillpartys, Biergartenorgien, Ausflügen „in’t Jriine“ und Bootsfahrten auf Havel und Spree. Und weil es immer wieder vorkommt, sind auch die Verschwörungstheoretiker zur Stelle, die ihre Bösewichte präsentieren.

Sind es die Arbeitgeber, die verhindern wollen, dass ihre Mitarbeiter erschöpft von den Kraft raubenden Aktivitäten des Wochenendes am Montag an Werkbänke und Schreibtische sinken? Oder die Museumsdirektoren, die ihr Aufsichtspersonal nicht vergeblich für Sonnabend und Sonntag antreten lassen wollen? Vielleicht auch die böse Nachbarin, die uns die am Freitagnachmittag geputzten Fenster neidet? Andererseits muss es ja mal sonnige Wochenenden gegeben haben. Das Lied wäre sonst nie erdacht, und die Älteren erinnern sich vielleicht noch an Sonntagsspaziergänge im schönsten Staat, bei denen die Kinder ständig ermahnt wurde, nicht in die Pfützen zu treten – denn geregnet hatte es unter der Woche.

Die jetzt zu beobachtenden Wetterzyklen im Wochenrhythmus sind jedenfalls nicht geophysikalisch zu erklären wie die Jahreszeiten oder der Einfluss der Sonnenflecken. Die Wissenschaft war gefragt, die Mythen zu entkräften und schlüssige Erklärungen zu finden. Die beiden Karlsruher Meteorologen Dominique Bäumer und Bernhard Vogel haben eine solche Erklärung gefunden.

Sie verglichen über einen Zeitraum von 15 Jahren die Daten von zwölf deutschen Wetterstationen und haben tatsächlich einen klimatischen Wochenrhythmus beobachten können. Der Sonnabend ist mit Abstand der nasseste Tag der Woche, der Montag der trockenste. Dienstags scheint die Sonne am meisten, und Mittwoch ist es am wärmsten, und zwar auf Helgoland ebenso wie auf der Zugspitze, in Aachen ebenso wie in Berlin.

Und sie haben auch eine Erklärung für dieses unangenehme Phänomen. Der Wetterrhythmus bildet mit einer zeitlichen Verschiebung von zwei bis drei Tagen den Rhythmus der Schadstoffemissionen ab. Diese Emissionen werden vor allem von Montag bis Freitag als Feinstäube und Abgase vom Straßenverkehr und von der Industrie erzeugt. Sie werden aber nicht sofort wirksam. Es dauert ca. zwei Tage, bis sie sich zu solchen Größen in der Atmosphäre zusammengefunden haben, dass sich daran Wassermoleküle ansetzen können. Und um aus diesen kleinsten Tröpfchen richtige Regenwolken entstehen zu lassen, vergeht auch noch mal eine Zeit. Am Mittwoch bilden sich erste zarte Wolkenschleier, die sich am Donnerstag und Freitag verdichten, bis alles grau in grau ist, und am Sonnabend regnet es aus Eimern. Der Rest kommt am Sonntag runter, und ab Montag ist der Himmel wieder blau, denn die Emissionen haben ja am Wochenende keinen Nachschub bekommen. Die Sonne kann aus allen Knopflöchern scheinen.

Die Forschungsergebnisse von Bäumer und Vogel taugen nur bedingt für die Freizeitplanung. Erst mal sind sie nur eine Erklärung für ein unangenehmes Wetterphänomen, das sich kurzfristig  zeigt. Neben den Schadstoffemissionen gibt es darüber hinaus noch eine ganze Reihe anderer Faktoren, die unser Wetter versauen, z.B. Tiefdruckgebiete, die auch kraftvoller ausfallen, seit sie männliche Namen tragen dürfen.

Wir haben es bei dem verregneten Sonnabend mit einer Klimabeeinflussung durch den Menschen zu tun, nicht so dramatisch wie die globalen Klimaveränderungen, die die Gletscher und Polkappen abschmelzen lassen, aber ärgerlich ist es eben auch. Und welche Schlüsse sollen wir daraus ziehen?

Man könnte ja die sonnigen Tage am Wochenanfang intensiver für Freizeitaktivitäten nutzen und so weniger Schadstoffe produzieren, so dass auch am Wochenende der Himmel blau bleibt für noch mehr Freizeitvergnügen. Also, Montags ein Spaziergang im Tiergarten mit anschließendem Bummel über die Linden, Dienstags an den Wannsee und Mittwochs ausführliche Diskussionen im Biergarten. Donnerstag und Freitag arbeiten wir ein bisschen, und am Wochenende holen wir alles das nach, was wir von Montag bis Mittwoch nicht geschafft haben.

Für den Frühling können kurzfristig erst mal nur Warnungen ausgesprochen werden: Keinen Frühlingsspaziergang am Wochenende planen, das Ostereiersuchen kann zwar unbesorgt am Sonntag stattfinden, denn wegen des arbeitsfreien Karfreitag verschiebt sich der Zyklus ja um einen Tag. Wer allerdings auf der sicheren Seite sein will, sucht seine Ostereier erst am zweiten Feiertag – wenn dann noch welche da sind…


Der Kampf um die Gemüter – Kunst und Propaganda

Mit der Ausstellung „Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930 – 1945“ zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin die Kunst in Deutschland, Italien, der Sowjetunion und den USA als willfährige Dienerin des Staates, der herrschenden Ideologie, ohne sich um die moralischen bzw. unmoralischen Ziele des Staates zu kümmern. Kunst, Architektur und die modernen Massenmedien Film und Fotografie erhalten aus Staat und Politik den Auftrag, die Bevölkerung für deren Ziele zu motivieren und ein Bild des Staates und seiner Herrschenden zu schaffen, das von der oft bösen, oft kläglichen Wirklichkeit ablenkte und schließlich sich der Lüge bediente, um den Ansprüchen der Auftraggeber gerecht zu werden. Die totalitären Regime Nazi-Deutschlands, der Sowjetunion und des faschistischen Italiens gaben die Leitvorstellungen für diesen Kunstbetrieb vor und verfolgten die abweichenden Positionen kompromisslos. Die Regierung der USA suchte durch Lenkung und Förderung der regierungsfreundlichen Künstler, eine Kunstszene in ihrem Sinne zu schaffen.

Ein Rundgang durch die Ausstellung führt im ersten Raum vor die Bilder der Staatsführer. Das Herrscherbild ist in der gesamten Kunstgeschichte Mittel der staatlichen Propaganda und Lenkung. Hier stehen sich Hitler und Stalin gegenüber: der eine als kämpferischer Held in dramatischer Pose, der andere vor allem als gütiger Vater und strahlende Lichtgestalt. Mussolinis Pathos kontrastiert zur ruhigen Sachlichkeit des amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Diese Herrscherbilder wurden vom staatlichen Apparat in Auftrag gegeben und kontrolliert, eine rigide Zensur wachte darüber, dass der totalitäre Herrscher in dem von ihm gewünschten Licht erschien. Aber auch die amerikanische Regierung sorgte über ihre Pressestäbe für ein positives Bild des Präsidenten.

Im zweiten Raum werden die Menschenbilder der vier politischen Systeme präsentiert. Die totalitären Regime zeigen junge, gesunde und glückliche Menschen, die die Heilsversprechen der Staatsideologie als Wirklichkeit vortäuschen. Athletische Sportler, glückliche Mütter, harmonische Familien und auch die heldenhaft verklärten Aktivisten der politischen Bewegungen beschwören Visionen einer idealen Welt, die durch die Negativfolie des Feindbildes noch verstärkt werden. Gerade in diesem Raum wird aber auch der Gegensatz des amerikanischen Entwurfs zu den Diktaturen der Alten Welt deutlich: Die im Rahmen des „New Deal“ geförderten Fotos zeigen keine glorreichen Helden, sondern das verarmte Drittel der amerikanischen Gesellschaft, das auf die Solidarität der Mitbürger Anspruch hat.

Bilder von den Großprojekten und Erfolgen stellen im dritten Raum eine Art Leistungsbilanz der Regierungen vor. In Deutschland entwickelte sich mit den Autobahnbrücken ein eigenständiger ikonographischer Topos, die industriellen Großkomplexe am Dnjepr und die Staudämme in Tennessee wie die Trockenlegung der Sümpfe in Italien stehen für Fortschritt, Modernisierung und wachsenden Wohlstand. In ihnen feiert sich das System. Städtebauliche Großprojekte gigantischen Ausmaßes werden für die Zukunft entworfen.

Wie die Kriegspropaganda die vorher entwickelten Muster der künstlerischen Verherrlichung des Regierungshandelns nahtlos weiterführt, ist im vierten Raum zu sehen. Die Überhöhung des Soldatentodes als Helden- und Opfertod für die Nation bestimmt die Agitation. Alles steht im Dienst der Kriegsmaschinerie, ihrer Logik ist alles unterzuordnen. Der deutsche Soldat wird in einer Verteidigungsschlacht gezeichnet, die italienischen Futuristen begeistern sich an der technischen Perfektion des Waffengebrauchs, während die USA die „Verteidigung der Freien Welt“ und die Sowjetunion den „Großen Vaterländischen Krieg“ verherrlichen. Auch in der Kriegspropaganda klafft jedoch eine weite Lücke zwischen alter und neuer Welt. Diesseits des Atlantiks die kollektive Aufopferung für die Nation, jenseits des Atlantiks die Beschwörung des individuellen Wohlergehens wie in Rockwells vier Freiheiten: Freiheit des Worts und des Glaubens, Freiheit von Not und Angst.

Dr. Hans-Jörg Czech hat diese Ausstellung aus den Beständen des DHM zusammengestellt, die dem Museum aus dem Depot des Münchner Hauptzollamtes im Jahr 2000 überstellt wurden. Dorthin war die NS-Propagandakunst gelangt, als die USA die nach 1945 beschlagnahmten Machwerke der Bundesrepublik zurückgaben. Offenbar schienen mehr als 60 Jahre vonnöten, um sich sicher zu sein, dass die Propagandamachwerke der Nazizeit ihren Wirkungszauber verloren haben. Durch die gemeinsame Präsentation mit vergleichbaren Zeitdokumenten aus den beiden anderen totalitären Regimen und aus den USA, die durch großzügige Leihgaben der „Wolfsonian Foundation“ in Miami Beach möglich wurde, ist ein Lehrstück entstanden, wie totalitärer Anspruch und technische Vollkommenheit eine Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist und an sich selbst zweifelt, mit Bildern einer heilen Welt verführen können.


New York baut – Berlin zeigt: Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts in der Neuen Nationalgalerie

Der Superlativ ist des Berliners liebstes Kind. Dass er dabei in Geschmacks- und Stilfragen nicht immer gerade glücklich seine Wahl trifft, lehrt ein Blick auf die Stadt und ihre Bewohner. Aber ein Superlativ muss her, wenn es um was Berlinerisches geht. Davor sind auch Ereignisse nicht sicher, die nur eine Gastrolle in Berlin geben. „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ heißt die Ausstellung der „Neuen Nationalgalerie“ vom 1. Juni bis 7. Oktober 2007, mit der Berlin in diesem an Highlights wahrlich nicht armen Kunstsommer der Kasseler „Documenta“, der „Biennale“ in Venedig und der „Skulptur Projekte“ in Münster Paroli bietet.

Eine Zeitreise
136 Gemälde und 14 Plastiken von 44 Künstlern aus dem Besitz des New Yorker „Metropolitan Museum of Art“ werden gezeigt, die in einem so nur selten zu sehenden Längsschnitt die Entwicklung der Kunst des 19. Jahrhunderts demonstrieren. Große Namen sind präsent: von Jean Auguste Dominique Ingres bis Pablo Picasso. Ebenso begegnet man allen Stilrichtungen dieses so widersprüchlichen Jahrhunderts, beginnend mit dem Klassizismus und der Romantik, dem Realismus Courbets, den Impressionisten, den Vätern der Moderne und schließlich dem vorläufigen Abschluss dieser Entwicklung in den Arbeiten Picassos, Matisse’ und Modiglianis.

Die chronologische Hängung ermöglicht eine Zeitreise durch die Kunstgeschichte. Höhepunkt dieser Reise werden für die meisten Besucher sicher die Impressionisten sein. Sie lösen die Welt in Licht und Farbe und Atmosphäre auf. Das sind die schönsten Franzosen dieser französischen Ausstellung aus New York. Allerdings wird der Kenner einige Bekannte schmerzlich vermissen: Die allerschönsten Franzosen sind eben immer noch in Paris im „Musée d’Orsay“.

Was das alles kostet?
Dass eine solche Ausstellung in Berlin möglich ist, verdankt die „Neue Nationalgalerie“ dem Umstand, dass im New Yorker „Metropolitan Museum of Art“ in diesem Sommer umgebaut wird. 7,5 Millionen Euro kostet diese vor allem logistische Kraftanstrengung. Das ist nur zu schultern mit der Unterstützung zahlreicher Sponsoren, u. a. sind auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit im Boot, also über die GEZ-Gebühren auch wir alle. Daneben sollen ein Angebot von 700 Artikeln im Museumsshop (vom T-Shirt bis zum Sonnenschirm), eine eigens zur Ausstellung produzierte CD sowie eine Zeltgastronomie mit savoir vivre Geld in die Kassen spülen. Wenn 500.000 Besucher in die „Neue Nationalgalerie“ finden, sind die Veranstalter glücklich und zufrieden.

Warten, ohne anzustehen!
Besonders stolz ist man bei den Freunden der Nationalgalerie, darauf, dass niemand lange anstehen muss. Jeder Käufer einer Eintrittskarte erhält eine individuelle Einlassnummer, die seine persönliche Einlasszeit in die Ausstellung bestimmt. An einem Bildschirm kann so der Besucher verfolgen, wo er in der „virtuellen Schlange“ steht und wann er an der Reihe ist. Diese Neuerung haben sich die Ausstellungsmacher bei einem Metzgerladen in der Toskana abgeguckt.

Wie kommt man hin und was kostet es?
Die „Neue Nationalgalerie“ ist Dienstag und Mittwoch von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Donnerstag von 10 bis 22 Uhr und Freitag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr. Frühaufsteher können Dienstag bis Freitag schon um 8 Uhr die Franzosen mit dem Earlybird-Ticket besuchen, das nur im Internet gebucht werden kann und zehn Euro kostet. Ansonsten kostet der Eintritt Dienstag bis Freitag zehn Euro und am Wochenende zwölf Euro. Kinder bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres haben freien Eintritt. Schüler, Studenten, Grundwehr- und Zivildienstleistende, Arbeitslose und Schwerbehinderte gegen Vorlage eines entsprechenden Ausweises zahlen die Hälfte. Der freie Eintritt am Donnerstag ab 18 Uhr ist leider gestrichen.


Käufliche Liebe in der Antike, oder wie machten es die alten Griechen?

Die griechischen Götter waren nicht gerade Musterbeispiele für Tugendhaftigkeit. Allen voran Zeus, der Göttervater, trieb es ziemlich bunt mit seinen Trieben. Keine Frau war vor ihm sicher, wenn sie sich widersetzte, wurde sie bestraft, wenn sie willfährig war, göttlich belohnt. Hera, seine Gemahlin, spielt in seinem Liebesleben keine besondere Rolle, sie ist die Mutter der Göttersöhne und –töchter und hält den olympischen Haushalt in Ordnung. Es verwundert kaum, dass dem Olympier nicht nur seine Mitgötter nacheiferten, sondern auch die Menschen ihr erotisches Leben weitgehend an seinem Vorbild orientierten.

Auch im athenischen Bürgertum war die Rolle der Ehefrau weitgehend auf die Hausfrauenrolle beschränkt. Die Gemahlin versorgte den Haushalt, zog die legitimen Erben auf, und wenn sie darüber noch etwas Zeit hatte, gab sie sich dem Spinnen und Weben hin. Geliebt zu werden – darauf hatte sie keinen Anspruch. Sollte es dennoch der Fall sein, war das ein unbeabsichtigter und auch angenehmer Nebeneffekt der Ehe.

Erotik und Lust suchte und fand der Athener Bürger außerhalb seiner Ehe und seines Standes. Das lag einmal am recht späten Heiratsalter von über 30 Jahren. Zum anderen war der Ehefrau das Auftreten in der Gesellschaft, sei es auf öffentlichen Plätzen oder im Theater, nicht gestattet. Schließlich waren die athenischen Frauen auch kaum auf eine solche Rolle an der Seite des Mannes in der Öffentlichkeit vorbereitet.

Hier treffen wir als Begleiterinnen des Bürgers die Hetären. Da sie keine athenischen Bürgerinnen waren, sondern vor allem aus dem kleinasiatischen Ionien stammten, wo man wie z. B. in Milet mehr Wert auf die Ausbildung der Frauen legte, konnten sie sich gewandt und geistreich unterhalten und den Gesprächen der Männer folgen, sei es beim Symposion, wo neben dem Weingenuss, dem Flötenspiel und dem Tanz eben auch das angeregte Gespräch eine Rolle spielte. Am ehesten könnte man ihre Rolle wohl heute mit einem ‚Begleit Service’ vergleichen. Einige dieser Hetären erlangten Berühmtheit: Aspasia, die Konkubine des Perikles oder auch Rhodope, mit der Sapphos Bruder sein Vermögen durchbrachte. Ausführliche Informationen über das Leben der Hetären verdanken wir dem Prozess gegen Neaira, eine kleine Dirne aus Korinth, die zur gefragten Hetäre aufgestiegen war und ihrem Ehemann Stephanos ein Vermögen einbrachte.

Wie das Hetärenwesen war auch die gewöhnliche Prostitution vor allem ein Feld für Frauen mit, wie man heute sagen würde, Migrationshintergrund. Sowohl die Frauen, die im öffentlichen Raum arbeiteten, wie auch die in Bordellen kasernierten Dirnen waren sogenannte Metöken, Wohnsitzberechtigte von außerhalb ohne Bürgerrechte, oder Sklavinnen. Entsprechend geringschätzig waren denn auch die Bezeichnungen. Porne leitet sich ab von dem Wort für verkaufen, daneben sprach man von gephyris (Brückensteherin), katakleistos (Eingeschlossene) oder einfach demie (Öffentliche).

Im Bordell thronte die Vorsteherin im Kreise der Dirnen, die sich den hausfrauentypischen Tätigkeiten hingaben, um den Anschein der Wohlanständigkeit vorzugaukeln, was bei den Freiern sicher den Reiz erhöhte. Gezahlt wurde natürlich im Voraus, was die Vasenbilder zeigen, auf denen sich der Freier mit erhobenem Geldbeutel der Dirne nähert. Die Preise waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von einem Obolus (griechisch obolós) bis zu zehn Drachmen (eine Drachme gleich sechs Obolen), wobei ein bis zwei Drachmen der gängige Preis war. Eine Flötenspielerin beim Symposion kostete zwei Drachmen. Über die Preise wachte der Agoranomen, ein städtischer Beamter für die Marktaufsicht. Um die Preise anschaulich zu machen: Ein Bergarbeiter verdiente einen Obolus pro Tag, das Lohnausfallgeld für die Handwerker, wenn sie an der Volksversammlung teilnahmen, betrug zwei Obolen, die Steinmetzen beim Bau der Akropolis verdienten eine Drachme pro Tag. Auch für die Sklavinnen, die als Dirnen arbeiteten, ist der Preis bekannt. Er lag bei 500 Drachmen. Ein Arbeitssklave wurde zwischen 140 und 230 Drachmen gehandelt. Die Hetäre Neaira wechselte sogar für 3.000 Drachmen ihren Besitzer.

Die Prostitution war im gesellschaftlichen Leben der athenischen Demokratie fest verankert. Sie war nicht anstößig, aber sie war auch nicht Gegenstand besonderer Wertschätzung. Die Ausschweifung erfuhr ja durch das Beispiel der Götter eine gewisse Rechtfertigung, ihrem Beispiel zu folgen konnte nichts Arges bedeuten. Oder folgten die Götter nur den Vorbildern der Menschen?


Todesursache Asyl

Im Jahr 2006 haben 21.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt, so wenige wie noch nie seit 1983. Im selben Zeitraum wurden 251 Personen als Asylberechtigte anerkannt und 1.097 Menschen erhielten Abschiebeschutz. Nicht einmal fünf Prozent der Antragsverfahren endeten somit positiv.

Die Antirassistische Initiative e. V. verweist nicht nur auf die schleppenden und fremdenfeindlichen Verfahren, die sich oft über bis zu 15 Jahre hinziehen. Sie hat auch die Fälle aufgelistet, in denen Asylbewerber zu Tode gekommen sind oder erhebliche körperliche Schäden genommen haben. Für den Zeitraum von 1993 bis 2006 ergibt das folgende schwarze Bilanz:
170 Flüchtlinge starben auf dem Weg in die Bundesrepublik Deutschland oder an der Grenze, davon allein 127 an den deutschen Ostgrenzen.
470 Flüchtlinge erlitten beim Grenzübertritt Verletzungen, davon 290 an den deutschen Ostgrenzen.
138 Flüchtlinge töteten sich angesichts ihrer drohenden Abschiebung oder starben bei dem Versuch, vor der Abschiebung zu fliehen, davon 50 Menschen in Abschiebehaft.
669 Flüchtlinge haben sich aus Angst vor der Abschiebung oder aus Protest gegen die drohende Abschiebung selbst verletzt oder versuchten, sich umzubringen, davon befanden sich 399 Menschen in Abschiebehaft.
5 Flüchtlinge starben während der Abschiebung.
327 Flüchtlinge wurden durch Zwangsmaßnahmen oder Misshandlungen während der Abschiebung verletzt.
25 Flüchtlinge kamen nach der Abschiebung in ihrem Herkunftsland zu Tode.
411 Flüchtlinge wurden im Herkunftsland von Polizei oder Militär misshandelt und gefoltert.
67 Flüchtlinge verschwanden nach der Abschiebung spurlos.
13 Flüchtlinge starben bei abschiebe-unabhängigen Polizeimaßnahmen.
390 Flüchtlinge wurden durch Polizei oder Bewachungspersonal verletzt, davon 129 Menschen in Haft.
67 Menschen starben bei Bränden oder Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte.
744 Menschen wurden dabei zum Teil erheblich verletzt.
13 Menschen starben durch rassistische Übergriffe auf der Straße.
Die Dunkelziffern dieser Fälle sind mit Sicherheit sehr viel höher.
Und das alles passiert auch vor unseren Augen in Berlin.

2006
13. Februar, Abschiebegefängnis Köpenick: Ein 63jähriger Mazedonier versucht sich angesichts seiner drohenden Abschiebung zu erhängen; 14 Mitgefangene treten in den Hungerstreik und setzen Matratzen in Brand, mehr als 100 Gefangene erleiden schwere Rauchvergiftungen.
24. Februar, Bellermannstraße: der Roma Zarko Barbul soll abgeschoben werden und klettert in Panik auf die Fensterbank im 3. Stock; er stürzt 15 Meter in die Tiefe, erleidet mehrfache Knochenbrüche.
17. März, Hohenschönhausen: Bei einem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft werden vier Menschen verletzt.
13. September, Justizvollzugsanstalt Moabit: der kurdische, anerkannte politische Flüchtling Dervis Orhan wird in Berlin verhaftet und tritt in einen Hungerstreik.
10. November, Alte Schönhauser Straße: Ein 23jähriger Flüchtling wird von zwei Männern rassistisch beschimpft und geschlagen und getreten. Die herbeigerufene Polizei kümmert sich nicht um den Verletzten; im Krankenhaus wird ein mehrfacher Unterkieferbruch festgestellt.
27. November, Tempelhof: Ein 30jähriger Russe soll gefesselt nach Weißrussland abgeschoben werden; als er um einen Anwalt bittet, tritt ein Beamter in seine Fußfessel, sodass er gegen die Wand schlägt; der Russe muss stationär im Krankenhaus behandelt werden.

2005
5. Januar, Abschiebegefängnis Köpenick: Ein 45jähriger Gefangener schneidet sich die Unterarme auf.
8. Februar, Abschiebegefängnis Köpenick: die allein erziehende und psychisch kranke Romni Hanusa Vasi? wird ohne ihre Kinder nach Sarajewo abgeschoben, sie gilt seitdem als verschollen.
25. Februar, Kreuzberg: Der 26jährige Ramazan Kaya stürzt sich aus dem Fenster und erliegt seinen Verletzungen; er litt unter akuten Depressionen wegen der Aufenthaltsunsicherheit und war deswegen im Urban-Krankenhaus behandelt worden.
1. April, Abschiebegefängnis Köpenick: Selbstmordversuche eines kurdischen und eines libanesischen Gefangenen.
28. Mai, Abschiebegefängnis Köpenick: unterlassene Hilfeleistung zum Nachteil eines algerischen Häftlings, der einen Herzinfarkt erlitten hatte.
14. Juni, Abschiebegefängnis Köpenick: Selbstmordversuch eines Gefangenen aus Serbien-Montenegro
4. Juli, Abschiebegefängnis Köpenick: Selbstmordversuch eines 23jährigen Tunesiers
29. September, Märkisches Viertel: Ein 39jähriger Ghanaer stürzte sich bei einem Polizeieinsatz aus dem 4. Stock einer Wohnung, weil er keine gültigen Aufenthaltspapiere besaß.
29. Oktober, Abschiebegefängnis Köpenick: Selbstmordversuch eines 30jährigen Algeriers


Kleine Bilder einer großen Reise von St. Petersburg nach Moskau

Russland – das kann man nicht beschreiben. Dazu reicht nicht eine Seite. Und man kann es auch nicht ganz erleben. Dazu reicht nicht ein Leben. Darum nur wenige Bilder – subjektiv, ein Kaleidoskop, das auch nie alles zeigt, was es in sich birgt. Die Einreise am Flughafen Sankt Petersburg verläuft wunderbar: höflich, zügig, entgegenkommend. Kein Vergleich zu den Erfahrungen in Washington D.C. vor drei Jahren. Die Beamten verstehen Fremdsprachen und geben hilfsbereit Auskunft.

Sankt Petersburg, das die Bewohner zärtlich Pieter nennen, ist nicht nur wegen seiner Lage am Wasser und seiner Brücken ein Venedig des Nordens. Die Stadt schwelgt in Schönheit und Stil. Ein Besuch in der Eremitage mit ihren 1.000 Sälen und mehr als 60.000 Kunstwerken ist das aufreibendste Kunsterlebnis, das man sich zumuten kann. Kein beschaulicher Rundgang – Kunstjogging ist angesagt.

Auf dem Wasser von Sankt Petersburg nach Moskau
Nächtliche Fahrt auf dem Ladogasee. Erst hier wird der ganze Zauber der weißen Nächte spürbar: das nicht enden wollende Licht des Tages, die Weite der Landschaft, nachdem wir die Festung Schlüsselburg hinter uns gelassen haben. Das Schiff hält in Mandrogy. Ein russisches Disneyland mit scheinbarer Folklore. Die wichtigste Erkenntnis dort: Putin bemalt Matrjoschka-Figuren. Ist das nicht süß?

Im Onega-See die Insel Kischi mit der Verklärungskirche. Ein Wunderwerk ganz aus Holz, eine Mehrkuppelkirche wie aus einem russischen Märchenbuch. Die Espenschindeln glänzen silbern im Sonnenlicht. Wann immer wir an der Wolga eine Stadt oder auch nur ein Dorf passieren, fallen die Kirchen auf. Entweder glänzen sie frisch restauriert oder sind eingerüstet. Die Kosten übernimmt der Staat. Das Bündnis von Thron und Altar aus der Zarenzeit ist wieder erwacht.

In Uglitsch steht die Dimitri-Blut-Kathedrale. Hier wurde der Thronfolger Dimitri von den Leuten Boris Godunows ermordet. Ein Untersuchungsausschuss erkannte auf einen Unfall beim Spiel mit tödlichen Folgen. Die Bürger der Stadt wussten es besser. Die Geschichte der Herrscher Russlands eine einzige Kette von Mord und Betrug. Nur wenige Mächtige sind eines natürlichen Todes gestorben. Unser Schiff gleitet in der langen Dämmerung der weißen Nächte auf dem Moskwa-Wolga-Kanal. Plötzlich erhebt sich am Ufer riesengroß die Silhouette Lenins in den Himmel. Da steht er, mitten im Wald, und weist den Weg. Man mag es nicht glauben …

In Moskau
Moskau ist eine teure Stadt, auch für Touristen aus Deutschland. Am Roten Platz kostet ein Cappu umgerechnet sechs Euro, im Straßencafé am Manegeplatz in einem Pappbecher immer noch vier Euro. Zucker kostet 15 Cent extra. Am Moskwaufer ist eine Wohnanlage geplant und schon vor dem ersten Spatenstich verkauft. Der Quadratmeter kostet angeblich 50.000 Dollar. Die Käufer rechnen mit einer Wertsteigerung.

Moskau ist eine saubere Stadt. Nirgendwo liegen Papier- und Plastikreste oder Zigarettenkippen herum. Wirft auf dem Roten Platz doch mal jemand was weg, taucht sofort eine Person auf, die den Müll wegfegt. Es gibt keine Graffiti, keine zerkratzen Scheiben in Bussen und Bahnen. Das fällt einem auf, wenn man aus Berlin kommt. „Wir leben nicht gut, darum wollen wir schön leben“, sagt ein Moskauer.

Am Roten Platz steht noch immer das GUM (Glawny Uniwersalny Magasin – zu deutsch Hauptkaufhaus), neben dem Lenin-Mausoleum die meistbesuchte Attraktion in Sowjetzeiten. Das Lenin-Mausoleum ist nur an drei Tagen in der Woche geöffnet, nur Touristen aus dem Westen schauen sich das an. Das GUM ist täglich geöffnet und bietet statt der Bedürfnisbefriedigung der werktätigen Massen alle Nobelmarken der Welt in luxuriösen Boutiquen. Die Waren sind nicht ausgezeichnet, wem dort etwas gefällt, der fragt nicht nach dem Preis.

Vor drei Jahren bemerkte Putin, dass er Petunien sehr mag. Seither bemühen sich die Stadtgärtner Moskaus, Petunien zu pflanzen, wo immer es geht. Putinien nennen die Moskauer jetzt die Blumen.

Im Kreml sieht man die größte Kanone der Welt. Sie hat nie einen Schuss abgegeben. Unweit davon die größte Glocke der Welt. Sie hat nie geläutet. Größe ist nicht immer vorteilhaft. „Dort oben im 1. Stock ist Putins Arbeitszimmer“, erklärt die Kreml-Führerin. Alle schauen teils andächtig, teils neugierig, teils besorgt empor. Was mag er da jetzt aushecken? Wird da Geschichte gemacht?

Im Alexandergarten ist das Grabmal des Unbekannten Soldaten. An den Gedenksteinen der Schlachten des Großen Vaterländischen Kriegs legen Angehörige Blumen nieder. Nur 200 Meter entfernt am Manegeplatz spielt eine Kapelle Tanzmusik, und die Leute tanzen an diesem Sonntagnachmittag auf der Straße.

Eine Krähe sitzt auf einem Baum, ein Stück Käse im Schnabel. Fragte sie der Fuchs: „Wirst du Putin wählen?“ Die Krähe schweigt. Der Fuchs fragt noch einmal: „Wirst du Putin wählen?“ Die Krähe antwortet: „Ja.“ Der Käse fällt zu Boden, und der Fuchs läuft damit weg. Fragt sich die Krähe: „Was wäre anders, wenn ich nein gesagt hätte?“


Der Linksaußen – eine aussterbende Art

Das Artensterben umgibt uns weltweit und überall, nicht nur in den Regenwäldern, Ozeanen oder in Wald und Flur um uns herum. Auch der Fußballplatz ist davon nicht verschont geblieben. Ich denke da nicht an die Gänseblümchen, die zu meiner Zeit einfach dazugehörten und in den Rasenwüsten der modernen Sportplätze nicht mehr zu finden sind. Es ist der Linksaußen, der kaum noch anzutreffen ist in diesem Gewühl von 22 Männern ( und seit einiger Zeit auch Frauen) um einen Lederball.
 
Der Linksaußen hatte es nie leicht in einer Fußballmannschaft, bei den Mitspielern nicht, bei den Zuschauern nicht und oft auch nicht bei den Schiedsrichtern. Seine Leistung, seine Bedeutung für das Spiel wurden oft nicht gewürdigt. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Außenseiter.

Zwei Verrückte auf dem Platz
Man sagte mit einem gewissen Recht, dass in jeder Fußballmannschaft zwei Verrückte mitspielen: der Torwart und der Linksaußen. Der Torwart nimmt die Hände zu Hilfe, um das Schicksal des Balls zu bestimmen, er steht ganz allein in seinem Kasten und trägt letztlich auch allein die Verantwortung für die Fehlleistungen seiner Vorderleute. Er wirft sich ins dichteste Getümmel und kann sich nicht verstecken, wenn er mal einen schlechten Tag hat. Wenn er hält, ist das selbstverständlich, haut man ihm die Hütte voll, ist er der Versager. Nur bei Strafstößen hat er eine minimale Chance, die Heldenrolle zu erhaschen.

Und der Linksaußen? Seine Außenseiterrolle begann schon damit, dass er in der Regel die Klebe links hatte. Womöglich war er auch noch Linkshänder. In den Fällen, wo eifrige Eltern ihr Kind auf das „schöne Händchen“ umdressiert hatten, war der Linksfuß geblieben. Und Links ist nicht schön. Auch die Nummerierung der Mannschaft stellte ihn in ein merkwürdiges Licht: er trug die 11 – eine Schnapszahl. Konnte man das ernst nehmen? Sein Pendant der Rechtsaußen durfte sich mit der diabolischen 7 schmücken.

Mit diesen beiden Handicaps ging der Linksaußen seinem Spiel nach. Meist auf Höhe des eigenen Strafraums ergatterte er den abgewehrten Ball und trieb ihn dann – immer schön den Ball am Fuß, immer hart an der Außenlinie entlang – mit Sprintergeschwindigkeit bis auf die Höhe des gegnerischen Strafraums, um von dort dann eine Flanke zur Mitte zu schlagen, die seine stürmenden Mitspieler aufnahmen und in einen satten Torschuss verwandelten. So sah das idealtypisch aus. Die Wirklichkeit war anders.

List und Leistung
Gerade dort, wo er zum Abschluss seines Sturmlaufs kommen sollte, wartete auf ihn ein entschlossener Mensch, nicht sonderlich beweglich, aber mit jenem Killerblick in den Augen, der diesen Verteidigern in der Fußballlyrik den Beinamen Recke verleiht. Dessen Ziel war es nun, den Ball vom Linksaußen zu trennen. Und weil der Ball nun mal entschieden kleiner ist als ein Mann, gelang ihm das immer am leichtesten, indem er sicherheitshalber auf letzteren trat. Verwundert es, wenn die Linksaußen unangefochten die Verletztenstatistik anführten? Da gab es nur ein Durchkommen – links antäuschen und rechts vorbei, um dem gefährlichen Tritt nicht zu nahe zu kommen. Wenn dieser Verteidigungshüne dann ins Stolpern kam, machte der Schiri nur zu gern den Linksaußen per Ferndiagnose dafür verantwortlich.

Die Leistung der Linksaußen wurde selten voll gewürdigt. 100 Meter unter elf Sekunden zu laufen, ist schon eine große Leistung. Aber diese 100 Meter in 90 Minuten 50 mal und mehr zu laufen, wenn auch nur in 15-18 Sekunden, das konnte sich doch wohl auch sehen lassen. So viel lief keiner der so genannten Läufer. Die Torausbeute war dagegen in der Regel mangelhaft, wenn man von dem genialen Charlie Dörfel absieht, der auch als Vollstrecker seine Qualitäten hatte. Nicht zu vergessen der hohe Unterhaltungswert der Linksaußen für das Publikum. Durch seine Nähe zum Spielfeldrand fand er vielfältige Möglichkeiten, mit Clownerien die Zuschauer zu unterhalten, ja sogar hitzige oder witzige Wortgefechte gehörten zu seinem Repertoire. Da war Fußball wirklich noch ein Spiel, eine Comedia dell’arte für 22 Männer und einen Ball.

Wer heute zu einem Fußballspiel geht – gleich in welcher Spielklasse – wird vergeblich nach dem Linksaußen Ausschau halten. Überall gilt das Prinzip „Schieben- schieben und ab durch die Mitte“ als der Trainerweisheit letzter Schluss. Heute spielt man mit System, und in einem System ist der individualistische und eigenwillige Linksaußen eher ein Störfaktor. Egal ob im Mittelfeld Rasenschach gespielt wird oder englisches Kick-and-Rush: das Misstrauen der Trainer gegen die linken Vögel verbannt sie vom Platz.


Eine Welt ohne Odysseus und Harry Potter

Odysseus kennen wir. Klar, wir haben ja irgendwann mal Homer gelesen. Und wir kennen Harry Potter natürlich auch. Alle Bücher von der Rowling haben wir verschlungen. Und wir kennen auch die Brüder Karamasow und Robinson Crusoe, Don Quijote und Madame Bovary, Sinuhe den Ägypter und Pippi Langstrumpf. Dostojewski und Defoe, Cervantes und Balzac, Waltari und Lindgren lagen ja auf unserm Nachttisch, und wir haben sie alle gelesen. Wirklich?

In Wirklichkeit haben wir wohl Übersetzungen gelesen, denn einmal sprechen wir in der Regel nicht so viele fremde Sprachen, und zum anderen sind unsere Fremdsprachenkenntnisse oft so schlecht, dass sie nicht ausreichen, die Schönheiten eines literarischen Texts voll zu erfassen. Literarische Sprache ist eben mehr als die Aneinanderreihung von Bedeutungen von Bedeutetem. Wie komisch solche simplen Übersetzungen sind, kennt man von manchen Gebrauchsanweisungen, und auch die Computerübersetzungen im Internet haben ihren eigenen unfreiwilligen Witz.

Übersetzen als Kunst
Der Übersetzer literarischer Texte muss nicht nur die Geschichte verständlich vermitteln, die in dem zu übersetzenden Text erzählt wird. Es gilt auch, dem Leser der Übersetzung den kulturellen Hintergrund des Originalwerkes zu vermitteln. Der Leser soll in seiner Sprache die Denk- und Empfindensweise einer anderen Sprache und Kultur kennen lernen und verstehen. Der Übersetzer nimmt den Leser gleichsam an die Hand und führt ihn durch eine unbekannte Welt, in der er auf die Schönheiten und Abgründe gleichermaßen weist.
Der Übersetzer schafft auf diese Weise das Kunstwerk des Autors neu. Nicht nur die Bedeutungen werden in einen neuen Erfahrungshintergrund übertragen, auch die Melodie und der Rhythmus der fremden Sprache sollen in der neuen Sprache wieder hörbar sein und den Leser das Original erleben lassen. Das ist nicht immer leicht, wenn die Ausgangssprache Laute verwendet, die der Zielsprache unbekannt sind, wenn ihr Rhythmus ein ganz anderer ist oder ganze Wortgruppen darin nicht vorkommen, wie zum Beispiel die Artikel in den slawischen Sprachen. Oft reichen auch die Worte der eigenen Sprache nicht aus, um einen Begriff angemessen zu übersetzen. Da wird dann der Übersetzer zum Sprachschöpfer. Ein berühmtes Beispiel ist das Wort „Tatsache“. Herder hat es im 18. Jahrhundert als Übersetzung des „matter of fact“ in die deutsche Sprache eingeführt.

Viele Übersetzungen sind als solche Klassiker: die Shakespeare-Übersetzungen von Schlegel, die Homer-Übersetzungen von Voss, der Platon von Schleiermacher und natürlich die Bibel von Luther. Ohne die Übersetzungen gäbe es keine Weltliteratur.

Das zweitälteste Gewerbe der Welt
Das Problem mit dem Übersetzen begann, als sich die unterschiedlichen Sprachen der Menschheit entwickelten und ihre eigenen Wege gingen. Man kann also sagen, dass Übersetzen das zweitälteste Gewerbe der Menschheit ist. Eines der ältesten Zeugnisse eines übersetzten Textes ist der zweisprachige Stein von Rosette, der das Verständnis der altägyptischen Hieroglyphen ermöglichte. Im antiken Rom wurden die griechischen Schriftsteller übersetzt, denn eine eigene Lektüre hatte der Militär- und Rechtsstaat Rom noch nicht hervorgebracht. Mit der Ausbreitung des Christentums entstand die Notwendigkeit, die Schriften des Alten und Neuen Testaments in andere Sprachen zu übertragen. Unsere Kenntnisse der griechischen Philosophie verdanken wir der Übersetzerschule von Bagdad, die diese Texte ins Arabische übertrug. Im deutschen Sprachraum blühte das Übersetzen im Kreis der Weimarer Klassiker und in der Romantischen Schule. Heute sind mehr als fünfzig Prozent der Bestseller in Deutschland Übersetzungen.

Übersetzen als Beruf
Übersetzer ist ein schöner Beruf. Man kann seine Liebe zur Literatur und Sprache voll ausleben. Es ist aber auch ein einsamer Beruf. Schon der berühmte antike Bibelübersetzer Hieronymus wird immer als Einsiedler in seiner Klause dargestellt. Und es ist auch ein schlecht bezahlter Beruf: für eine Seite gibt es zwischen 17 und 20 Euro, mehr als 100 Seiten schafft man kaum im Monat. Da bleiben nach Abzug der Steuern und Sozialversicherungen – immer wie bei Selbstständigen – 1
000 Euro netto. Wenigstens wird seit einigen Jahren der Name des Übersetzers von seriösen Verlagen in der Titulatur mit aufgeführt. Auf dem Umschlag fehlt er weiterhin.

Wenn Sie also demnächst ein Buch eines fremdsprachigen Autors in deutscher Übersetzung lesen und es Ihnen gefällt: Danken Sie nicht nur dem Autor, sondern auch dem Übersetzer, denn er hat Ihnen die Tür zur Welt weit aufgetan.


Der geschenkte Gaul

Wer Freude hat an Bosheit, Niedertracht und sexuellen Ausschweifungen, der findet das alles in drei Büchern, die in jeden Haushalt der gebildeten Stände gehören: die Bibel, Shakespeares Gesammelte Werke – und das Bürgerliche Gesetzbuch, kurz BGB. Hier werden alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens und Trachtens abgehandelt, und wer noch nicht so recht weiß, wie er sich verhalten soll, bekommt wertvolle Anregungen. Hier soll uns zum Thema Schenken aber nur das BGB als Lektüre dienen.

Eigentlich sollte ja der Vorgang des Schenkens, dieser Akt herzlichster Hingabe aus warmer Liebe heraus, diese intime Handlung zwischen zwei einander zugetanen Herzen, frei sein von staatlichen Regelungen. Und wenn es schon einer rechtlichen Beurteilung  bedarf, hat der Volksmund dafür eine einfache Regel, die wir alle aus Kinderzeiten kennen: „Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen!“

Das BGB definiert das Schenken als eine Zuwendung, durch die jemand aus seinem Vermögen einen anderen bereichert, wenn beide Teile darüber einig sind, dass die Zuwendung unentgeltlich erfolgt (§516).

So ganz und gar selbstlos sind die Schenkenden ja auch nicht. Wer schenkt, erwartet auch ein Gegengeschenk, und weil der Beschenkte das spürt, gerät er leicht in Gewissensnot. Kleine Kinder dürfen aber noch keine Geschenke verteilen. Deshalb beschenkt sie der Weihnachtsmann oder das Christkind, die beide sich einer Rückbeschenkung durch Abwesenheit entziehen.

Undank
Erweist sich der Beschenkte als undankbar und macht sich schwerwiegender Verfehlungen gegen den Schenker schuldig, hat der das Recht, das Geschenk zurückzufordern. Solche Verfehlungen müssen allerdings aus einer tadelnswerten und unsittlichen Gesinnung erfolgen. Das kann der Fall sein, wenn der Beschenkte dem Schenker nach dem Leben trachtet, ihn körperlich misshandelt oder ihn grob beleidigt. Beispiel: Der kleine Thomas schenkt dem Papa zu Weihnachten eine Pfeife und empfängt später vom Papa eine Backpfeife – das Geschenk kann zurückgefordert werden; oder die kleine Lisa schenkt der Mama eine feine Seife und wird später von ihr ein faules Luder genannt – Lisa kann die Seife zurückfordern. Allerdings ist zu beachten, dass zwischen Geschenk und undankbarer Handlung nicht mehr als ein Jahr verstrichen sein darf (§ 530).

Nicht immer sind Geschenke ganz selbstlos. Der Schenker kann das Geschenk mit Auflagen verbinden, die der Beschenkte aus dem Geschenk erbringen muss (§ 525). Dieser Sachverhalt kommt häufig bei Weihnachtsgeschenken vor, wenn zum Beispiel der Vater dem Sohn eine elektrische Eisenbahn schenkt und dabei zur Auflage macht, dass vor allem er selbst damit spielen darf.

Haftung
„Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ ist leider ein Grundsatz, der im BGB keinen Bestand hat. Denn nach § 524 ist der Schenkende verpflichtet, etwaige Mängel am Geschenk nachzubessern oder daraus entstandenen Schaden zu ersetzen, wenn er die Mängel arglistig verschwiegen hat. Da das Schenken ein Rechtsvorgang ist, kann auch ein Kind schon schenken, denn mit dem Zeitpunkt der Vollendung der Geburt ist jeder Mensch rechtsfähig (§ 1). Das heißt aber nicht, dass der kleine Sven seiner Kindergartenliebe Jennie einfach seine Legosteine schenken darf. Bis zur Vollendung des siebten Lebensjahres ist er nämlich überhaupt nicht geschäftsfähig und danach bis zur Volljährigkeit auch nur eingeschränkt.

Und da wir gerade beim Schenken aus Liebe sind: Auch Verlobungsgeschenke sind rückerstattungspflichtig, wenn das Verlöbnis gegenstandslos wird (§1298). Die junge Frau, die sich eine schöne Goldkette aus den nicht mehr benötigten Verlobungsringen hat anfertigen lassen, konnte dies nur tun, weil ihre verflossenen Verehrer diesen Paragraphen entweder nicht kannten oder großzügig keinen Gebrauch davon machten.

Leider werden Geschenke oft nicht selbstlos gemacht. Wenn der Schenkende die Absicht hegt, dass der Beschenkte ihm eine Gegenleistung erbringt, auf die der Schenkende keinen Anspruch hat, dann spricht man wohl eher von einer Bestechung oder von Korruption als von einem Geschenk. Damit erst gar nicht der Verdacht einer solchen Handlung auftritt, dürfen Beamte überhaupt nicht beschenkt werden. Wo es dennoch geschieht, machen sich beide Seiten strafbar. Für Abgeordnete gilt das nicht. Für sie ist es wie in der Wirtschaft nur eine Frage der Ethik …

Lassen wir uns aber durch die juristischen Fußangeln nicht am freudigen Schenken hindern. Ein Buch unter dem Weihnachtsbaum ist immer eine schöne Überraschung. Wie wäre es diesmal mit einem BGB?


Imaginäre Reisen durch die Welt. Eine Ausstellung über Karl May im Deutschen Historischen Museum

Hätte es damals schon Bewährungshelfer gegeben, wäre die Prognose für den Wiederholungstäter Karl May wohl eher schlecht ausgefallen. Nachdem er eine erste Strafe im Arbeitshaus Zwickau abgesessen hatte, war er wiederum durch Betrügereien aufgefallen und musste eine zweite Strafe im Zuchthaus Waldheim verbüßen. An eine Berufstätigkeit als Volksschullehrer war unter diesen Umständen nicht zu denken. Eine geplante Auswanderung nach Amerika scheiterte an dem Vorstrafenregister.

Und dann geschah das Wunder. Karl May wurde der erfolgreichste deutsche Schriftsteller aller Zeiten. Mehr als 200 Millionen mal wurden seine Bücher verkauft, in über 40 Sprachen übersetzt. Zu seinen Lesern gehörten die Kaiserfamilie und Adolf Hitler. Vor allem aber beruhte sein Erfolg auf den jugendlichen Lesern vieler Generationen, die die Abenteuer von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi verschlangen und aus ihnen ihr Bild des amerikanischen Westens und des osmanischen Orients gewannen, das sie ein Leben lang prägte.

Vom Vorbestraften zum Erfolgsautor

May hatte schon während der Haftzeit den Literaturmarkt beobachtet und Pläne geschmiedet, wie er sich als Schriftsteller darin behaupten könnte. Der Verleger Münchmeyer sah in seiner kriminellen Lebensgeschichte keinen Nachteil, im Gegenteil, so einer kannte das Leben, darüber verfügte May als Lehrer über eine breite Allgemeinbildung und er konnte erzählen. Also stellte er den jungen Mann als Redakteur ein, und Karl May lieferte mit seinem ersten großen Kolportageroman „Das Waldröschen“ sein Gesellenstück ab: 500.000 mal wurde es verkauft.

Der große Durchbruch gelang ihm aber erst mit seinen Reiseerzählungen. Seit den 1880er Jahren schickte er seine Helden Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand durch den Orient, durch Südamerika und den Wilden Westen. Und die zumeist jugendlichen deutschen Leser folgten ihnen gern zu den Sklavenjägern, den Bösewichten und Indianern. Wer ist nicht an ihrer Seite mit roten Ohren durch den Llano Estacado, über den Schott el Djerid und durch die Rocky Mountains geritten?

Das Gute siegt!

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, der Sieg des Guten, ein von Zweifeln ungetrübtes christliches Menschenbild und eine gehörige Portion Belehrung über die kulturellen und politischen Hintergründe seiner Abenteuerszenarien machten Karl May vor allem zum Jugendbuchautor. Hier konnten die Leser schon vor über hundert Jahren erfahren, was es mit den Jesiden oder den Kurden auf sich hatte. Die Verurteilung des Bösen – die „Sklavenjäger“, die Feuerwasserhändler, und die verschlagenen Indianer und die korrupten osmanischen Beamten – und das Bild vom edlen Wilden, wie er uns in Winnetou gegenübertrat, rechtfertigen auch die imperialen Phantasien des Wilhelminischen Deutschlands.

Karl May liebte die Verkleidung und das Rollenspiel. Das zeigte sich schon bei seinen betrügerischen Handlungen als junger Erwachsener. So konnte er auch nicht der Versuchung widerstehen, sich als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi zu verkleiden und schließlich zu verkünden, er habe diese imaginären Reisen alle selbst unternommen und die Abenteuer selbst bestanden. Diese Schwindelei war ein Marketingtrick, aber eben auch ein Ausdruck der mythomanischen Persönlichkeit des Schriftstellers und brachte ihm zahlreiche Prozesse ein.

Vom Schriftsteller zum Literaten

Im vorgerückten Alter wollte sich Karl May nicht mehr mit der Rolle des Jugendschriftstellers begnügen und strebte nach Höherem. Der edle Wilde musste dem Edelmenschen schlechthin weichen, wie er schon in der Winnetou-Figur angelegt war. May vertrat pazifistische Ideen und stand in Verbindung mit Bertha von Suttner. Seine Leserschaft folgte ihm in diese Welt nicht.

Das Deutsche Historische Museum zeigt in seiner Ausstellung „Karl May – Imaginäre Reisen“ mit Dokumenten und Requisiten (für die Karl-May-Fans wohl eher Reliquien) den Lebenslauf  des Schriftstellers sowie Hintergrund und Umfeld seines Schaffens und Wirkens. Natürlich sind auch der Henrystutzen, der Bärentöter und die Silberbüchse zu bewundern, und wer mag, kann dem „Ave Maria“ von Karl May lauschen, das die Winnetouleser kennen.

Dass Karl May heute im Historischen Museum Einzug gehalten hat, beweist aber auch, dass seine Zeit als Autor vorbei ist und sein Werk nur noch als historisches Phänomen Interesse findet. Die heutigen Kids finden den Orient nicht mehr spannend, wohin man mit einer all-inclusive-Reise gelangen kann. Ihre Abenteuer finden in den Weiten des Weltalls oder – etwas näher – in Mittelerde statt.

 

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