Anette auf der Zimtsternwiese

Immer wenn es auf Weihnachten zuging, geschah eine bemerkenswerte Veränderung mit der kleinen Anette, die eigentlich schon gar nicht mehr so klein  war, weil sie im nächsten Sommer schon fünf werden wollte, eine Veränderung, die sie davon abhielt, ruhig in ihrem Bettchen zu schlafen, bis die Mama sie weckte, und die sie noch größere Augen machen ließ, weil Neugier und Ungeduld sie plagten. Sonst konnte sie ja gut und gern bis 10 Uhr schlafen und musste oft erst recht energisch geweckt werden. War aber erst einmal der Adventskranz im Wohnzimmer aufgestellt, dann stand sie immer schon recht früh auf, um in ihren kleinen Stiefel zu gucken, den sie jeden Abend auf die Fensterbank stellte, ob wohl der Nikolaus vorbeigekommen war, um ihr darin eine kleine Süßigkeit zukommen zu lassen. "Eigentlich," dachte sie, "ist es ja recht praktisch, dass Weihnachten im Winter ist, wo die Leute warme Stiefel tragen, denn in einen solchen Stiefel passt doch viel mehr rein als in die kleinen Sommersandalen, wo zwischen den Riemchen alles wieder rauspoltern kann." Allerdings hatte auch diese Sache einen Haken: in die Sandalen hätte der Nikolaus nie und nimmer die Rute stecken können, die sie vorfand, als sie am Tag vorher ihre Bohnensuppe nicht essen wollte. Alles hatte eben zwei Seiten...

Es lag nun schon zwei Tage zurück, dass Anette furchtbar erschrocken war, als sie den Vorhang zurückschlug, um nach ihrem Stiefel zu schauen. Der ganze Himmel hinter dem kleinen Wäldchen, das sich bis an den Garten erstreckte, war nämlich feuerrot! Es sah aus, als ob er in Flammen stand, und die schwarzen Zweige der Bäume wiegten sich davor düster hin und her. "Mama, es brennt, es brennt!" rief sie aufgeregt, aber Anettes Mama blieb ganz ruhig und lachte nur: "Ach was, kleines Dummchen, es brennt nicht. Der Himmel ist so glühend rot, weil die Engel den großen Ofen eingeheizt haben, um Plätzchen zu backen. Es wird aber auch Zeit, denn es ist ja nur noch fünf Tage bis Weihnachten."

Diese Sache mit dem Keksebacken ging Anette nun immerfort durch den Kopf. Sie hätte zu gern dabei zugesehen, und vielleicht dürfte sie ja auch schon mal ein Plätzchen probieren, besonders gern so eines mit bunten Zuckerperlen darauf, und wenn das nicht ging, wäre sie auch zufrieden, wenn sie die große Rührschüssel zum Schluss mit den Fingern auslecken dürfte, wie Mama es ihr immer erlaubte, wenn sie Kuchen buk.

Am Morgen des Sonntags, an dem die vierte Adventskerze angezündet werden sollte, war der ganze Himmel wieder in leuchtendes Rot gefärbt, aber Anette erschrak nicht, denn sie wusste ja jetzt Bescheid. Im Gegenteil: sie freute sich, dass die Engelchen so fleißig  waren. Wie sie das wohl machten? Man müsste es sich einfach mal ansehen und hingehen, es konnte ja gar nicht so weit sein, gleich hinter dem Wald schien ja der große Ofen zu stehen. Und wenn sie sich beeilte, konnte sie ja noch zurück sein, bevor Mama aufwachte, denn die schlief am Sonntag auch immer etwas länger. Also zog sie sich schnell an, doch als sie gerade in ihren Anorak schlüpfen wollte, fiel ihr ein, dass Mama ausdrücklich verboten hatte, allein aus dem Haus zu gehen. Wenn sie allerdings wartete, bis Mama aufwacht, waren die Engel längst fertig mit dem Backen. Wer sollte sie also begleiten? Natürlich Max der Kater! Schnell huschte sie in die Küche, wo Max zusammengerollt in seinem Körbchen tief schlief. "Los, du fauler Kater! Wach auf! Wir gehen zu den Engelchen!" Zu allem hatte der jetzt Lust, nur nicht zu einem Spaziergang an diesem kalten Wintermorgen, und was Engelchen waren, wusste er auch nicht, aber weil er Anette gern mochte und sich auch ein bisschen verantwortlich für das kleine Mädchen fühlte, reckte er sich und folgte Anette mit hoch erhobenem Schwanz.

Draußen war es bitter kalt. Anette zog sich die Kapuze über den Kopf, damit die Ohren nicht frieren, und lehnte die Haustür nur leicht an, damit sie auch wieder in das Haus zurückkehren konnten, ohne bemerkt zu werden. Und dann marschierten die beiden entschlossen los.

Der Raureif, der auf den Hecken und Gräsern lag, blitzte in dem frühen Licht schon richtig wie der Christbaumschmuck, und die ganze Welt war so still und ruhig, dass Anette meinte, sogar die weichen Pfötchen von Max hören zu können, wie sie so ihrem Ziel entgegenstrebten. Der Atem malte kleine weiße Wölkchen um ihre rote Nasenspitze.

Was war das? Konnte sie nicht schon den köstlichen Duft von frischem Kuchen schnuppern? Dann konnte es ja nicht mehr weit sein. Anette wollte schon einen Schritt zulegen, um endlich zu den Engelchen zu kommen, da erklang vor ihr ein lautes und tiefes "HALT!"

Anette hielt inne und Max sträubten sich die Haare. Vor ihnen stand ein riesengroßer Stutenkerl, der süß duftende Qualmwolken aus seiner weißen Tonpfeife stieß, und seine schwarzen Rosinenaugen rollten mächtig. "Halt!" sagte er noch einmal, "Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?"

"Ich bin Anette und das ist Max," antwortete Anette artig, "und wir wollen zu den Engelchen, die die leckeren Plätzchen backen."

"Da seid ihr aber ganz falsch hier. Die Engelchen arbeiten bekanntlich im Himmel."

"Und wo sind wir hier?"

"Hier ist der Eingang ins Zuckerland, und ich passe auf, dass niemand da hineinkommt, der es nicht verdient hat."

"Au fein, das würde ich auch gern sehen."

"Na, darüber lässt sich reden," sagte der Stutenkerl nun schon etwas freundlicher und paffte eine große Wolke. "Aber weil es nun mal das Zuckerland ist, muss ich dich etwas Wichtiges fragen. Putzt  du dir auch immer brav die Zähne?"

"Aber natürlich!" versicherte Anette und hatte doch ein schlechtes Gewissen dabei, denn wenn Mama es nicht immer kontrollierte, würde sie es schon gern mal vergessen.

"Na also, das hört sich gut an," nickte der Stutenkerl beifällig, nahm Anette bei der Hand und zog sie mit sich, Max schlich misstrauisch hinterher. Sie gingen um ein kleines Tannenwäldchen herum, und plötzlich wurde es hell und warm um sie herum. "Das also ist die Zimtsternwiese. Viel Spaß wünsche ich euch beiden." Und damit wandte sich der Stutenkerl um und bezog wieder seinen Wachposten.

Anette und Max blinzelten mit den Augen, um sich an das helle Licht zu gewöhnen. So eine Wiese hatten sie noch nie gesehen. So wie sonst im Sommer auf der Wiese die Gänseblümchen blühten, so war hier alles weiß getupft von unendlich vielen Zimtsternen, die sich leicht auf ihren Stängelchen wiegten. Und wie süß sie dufteten. Sollte sie sich ein paar davon pflücken? Besser nicht, wer weiß, wem sie gehören.

Vielleicht den Spekulatiusmännern, die zwischen den Sternen in lustigen Kostümen herumstolzierten. Max sträubten sich die Haare, als er die Spekulatiushunde sah, die fröhlich hinter den Männern herliefen. Und die Spekulatiuswindmühlen drehten leise knarrend ihre Flügel dazu.

Auf einer Bank am Weg saßen zwei große Lebkuchenherzen zusammen auf einer Bank und schmusten miteinander, so dass ihre Schokoladenglasur zu schmelzen drohte.

Jetzt klapperte es mächtig, und Anette und Max mussten schnell zur Seite springen, als ein Schwadron von Anisspringerle heran galoppiert kam.

Dann gingen sie staunend weiter, bis sie an ein großes kakaobraunes Feld kamen. Darauf machten sich Spekulatiusmänner mit großen Säcken zu schaffen. "Was macht ihr denn da?" fragte Anette artig, nachdem sie sich vorgestellt hatte. "Wir roden Marzipankartoffeln," kam die Antwort, "die wachsen unter dem Kakao." Das hätte Anette nie gedacht, denn sie kannte sie nur aus den durchsichtigen Tüten im Supermarkt.

Es gab also wirklich was zu entdecken. Und so ging sie mit großen neugierigen Augen weiter und merkte sich alles, denn das wollte sie unbedingt ihrer Freundin im Kindergarten erzählen, natürlich nur als großes Geheimnis!

Auf einmal standen sie vor einer Mauer, ganz aus Dominosteinen errichtet, und dahinter erhob sich ein prächtiges Lebkuchenhaus, das über und über mit Fondant- und Geleeringen bedeckt war. Wer darin wohl wohnen mochte? Sicher der Wichtigste im Zuckerland! Weil aber kein Name an dem kleinen Türchen stand, musste es wohl jemand sein, den alle kennen. Und wenn ein Name dran gestanden hätte, hätte es auch nichts genützt, denn Anette konnte ja noch nicht lesen.

Also fragte sie die Spekulatiusdame mit dem weiten Reifrock, die gerade vorbeikam.

"Hier wohnt der Weihnachtsmann," erhielt sie Auskunft, "und oben unter dem Dach hat Knecht Ruprecht eine kleine Kammer."

"Wirklich? Der Weihnachtsmann? Den möchte ich gern sprechen und ihm alle meine Wünsche sagen," erwiderte Anette eifrig. "Ich habe nämlich ganz viele Wünsche!"

Die Spekulatiusdame schüttelte unwirsch den Kopf. "Das geht nicht. Gerade jetzt, vor dem Fest, hat der Weihnachtsmann alle Hände voll zu tun und keine Zeit. Und außerdem weiß er sowieso schon alles über alle großen und kleinen Kinder. Siehst du das da oben auf dem Dach?"

Anette blickte hinauf. In alle vier Himmelsrichtungen ragte jeweils ein großes Rohr aus dem Dach. "Was ist das?"

"Das sind die Fernrohre des Weihnachtsmanns. Damit beobachtet er alle und überzeugt sich, dass alle immer hübsch brav sind, damit sie ihre Weihnachtsgeschenke auch verdienen. Aber wehe, er sieht ein unartiges Kind ..."

Anette erschrak furchtbar, und auch Max der Kater zuckte zusammen. Ob der Weihnachtsmann sich wohl auch für naschende Katzen interessierte?

"Max, ich glaube, wir laufen besser ganz schnell nach Hause, ehe uns der Weihnachtsmann hier entdeckt. Schließlich sind wir ja heimlich weggegangen, und Mama wird sehr böse, wenn sie das entdeckt. Und der Weihnachtsmann erst!"

Also machten sie kehrt und suchten den Ausgang der Zimtsternwiese. Und wie sie noch so gingen, legte sich auf einmal eine große schwere Hand auf Anettes Schulter, und eine tiefe Stimme fragte: "Was machst du denn so allein und so früh auf der Straße?"

Anette blickte verdattert nach oben und sah in ein freundliches Gesicht, das von einem Bart eingerahmt war, der auch schon ziemlich grau war. "Na, raus mit der Sprache! Wo willst du hin?"

"Ich bin doch gar nicht allein, Max ist doch bei mir," versuchte sich Anette herauszureden, "und außerdem will ich schon nach Hause."

"So, so - und wo bist du zuhause und wie heißt du?"

"Ich heiße Anette, und ich wohne in der Gartenstraße."

"Dann bringe ich dich da wohl besser hin, damit du nicht verloren gehst. Wäre doch schade um dich." Und dann nahm der freundliche Mann Anette bei der Hand, und Max schlich ziemlich schuldbewusst hinterher. An der Haustür klingelte der Mann, und als Anettes Mama im Bademantel an die Tür kam, erzählte er ihr, wo er das kleine Mädchen eingefangen hatte, und als er gegangen war, erzählte Anettes Mama ihrem Töchterchen was. Aber das erzähle ich hier nicht, weil es überhaupt nicht weihnachtlich war.

Anette musste natürlich den ganzen Tag und noch viel länger über ihren Spaziergang nachdenken. Und wenn sie an den Mann dachte, der sie nach Hause gebracht hatte, war sie fest davon überzeugt, das das ganz bestimmt der Weihnachtsmann selbst war. Das Gesicht kam ihr nämlich irgendwie bekannt vor. Nur dass er keinen roten Mantel und eine Zipfelmütze an hatte, sondern eine grüne Jacke und eine weiße Mütze - das kam ihr doch seltsam vor.

Text © Manfred Wolff, 2002

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