Der Zweifler

Wir kennen uns seit gut 40 Jahren. Damals, im Frühsommer 1962, machten wir von Freiburg aus, wo ich studierte, einen Ausflug nach Straßburg. Es war so ein typischer Studentenausflug, Bildungserlebnisse reich garniert mit ausgelassenem Treiben, Stadtbummel, elsässischem Essen ( oh du herrliches hailisches Graab! ), elsässischem Wein (als Anfänger und Norddeutsche wollten wir natürlich Edelzwicker). Das Goethe-Haus wurde bestaunt ("Es schlägt mein Herz. Geschwind zu Pferd..."). Einer wusste, dass "Petite France" seinen Namen den dort vor den Toren der Stadt angesiedelten Syphilitikern verdankt. In allen anderen elsässischen Städten heißen die vergleichbaren Viertel "Petite Venice". Ein Blick aufs Kammerzell, aber das war für unsere studentischen Geldbeutel viel zu teuer. Und dann  das Münster.

Wieder bildungsbürgerlich "Erwin du hast ...", Staunen und Bewunderung vor der Fassade, Wiedererkennen des Verführers, dann am Südportal Ecclesia und Synagoge, dort hinein in die Kathedrale. Die astronomische Uhr, der Engelspfeiler, die gigantischen Pfeiler der Vierung, die Sinfonie der Farben der Glasfenster, die große Rosette, alles erst einmal nur angeschaut mit dem ungeübten touristischen Blick. Alles nicht länger als eine knappe Stunde. Wir wollten schon wieder hinausgehen, eher hinausdrängeln, vorbei an der Menschentraube, die sich die astronomische Uhr erklären ließ, da passierte es.

Ich spürte einen Blick. Nicht aus der Menge. Er kam von irgendwo her, aus der Höhe. Dort war auf den ersten Blick nichts zu erkennen, alles war in ein sanftes Dunkel gehüllt, das noch intensiver als ohnehin schon war, weil wieder einmal der Engelspfeiler in gleißendes Licht getaucht wurde. Erst als die Scheinwerfer erloschen und sich meine Augen wieder an das natürliche Licht gewöhnt hatten, sah ich ihn. Hoch über den gaffenden Massen, auf einer Chortribüne, saß er und blickte herunter. Nur sein Oberkörper und der mit einem Barett geschmückte Kopf waren zu sehen. Die Mundwinkel leicht nach unten, die Augenbrauen nach oben gezogen, die Stirn dadurch von einigen Falten durchfurcht. Seine Augen waren auf den Engelspfeiler gerichtet, schienen aber auch nach der einen oder anderen Person tief unter ihm zu suchen, mit der er ein Einverständnis herstellen könnte.

Der Zweifler im Straßburger Dom. Foto: Manfred Wolff

Mir war der Mann auf den ersten Blick sympathisch. Tiefe Skepsis, ja besorgten Zweifel schien er auszudrücken. Mir war nicht gleich klar, welchem Umstand dieser Zweifel galt. Waren es die Figuren des Jüngsten Gerichts, das er nicht aus den Augen ließ? Konnte er nicht fassen, dass man so etwas Schönes wie den Engelspfeiler schaffen konnte? Rührten die vorbeidrängenden Menschenströme in ihm einen Verdacht? Je länger ich Kontakt mit seinen Augen suchte, desto sicherer war ich mir aber, dass in ihm etwas vorging, was auch mir nicht fremd war. Ich konnte nicht länger verweilen, die Gruppe drängte, und ehe ich wieder in die helle Sonne vor der Kirchentür trat, sah ich mich noch einmal um, zu ihm hinauf, und es schien mir, als zwinkerte er mir einverständlich zu. Ich wusste, ich hatte einen Freund gewonnen.

Ich bin seither noch oft in Straßburg gewesen. Es gibt ja auch viele gute Gründe für eine Reise dorthin. Für mich war aber vor allem er, mein stummer Freund, immer einer der wichtigsten Gründe, die Stadt und ihr Münster aufzusuchen. Man erzählte mir seine Geschichte. Es sei ein Ratsherr, der beim Bau des Münsters bezweifelte, ob wohl dieser Pfeiler des Jüngsten Gerichts, gemeinhin Engelspfeiler genannt, mit seiner filigranen Auflösung des tragenden Elements das schwere Gewölbe des Südflügels würde tragen können. Zur Strafe für seinen Zweifel am Können der Experten  sei er versteinert auf die Chortribüne verbannt worden und müsse dort nun so lange ausharren, wie der Pfeiler seinen Dienst verrichtet. Niemand kennt seinen Namen. Er ist einfach "der Zweifler".

Einmal abgesehen von der zeitlichen Zuordnung - der Engelspfeiler wurde Anfang des 13. Jahrhunderts geschaffen, der Zweifler gehört nach Stil und Kleidung eindeutig ins 15. Jahrhundert - ist die Sage um ihn ein schönes Beispiel für den Hochmut der Experten und den naiven Glauben an ihre Unfehlbarkeit. Da musste jeder Zweifel bestraft werden. Aber ist nicht gerade da der Zweifel angebracht, wo die Argumente mit unerschütterlicher Gewissheit vorgetragen werden? Ist nicht jeder Zweifel eine Hilfe zur Verbesserung des noch so guten Arguments? Zweifler sind gewiss nicht beliebt. Sie scheinen der Sand im Getriebe eines zügigen Denk- oder Produktionsprozesses zu sein, dem schnellen Gewinn im Wege zu stehen. Eher hat schon der Verzweifelte Aussicht, von seinen Mitmenschen angenommen zu werden, sei es auch nur als Bestätigung des eigenen Erfolgs. Aber der Zweifler? Er stört  den ruhigen Schlaf der Gewissen, ihre Betriebsamkeit, die sich so harmonisch im Kreise dreht, er ist ein Ärgernis den Zufriedenen, ein Störenfried. In der Regel kann er den von ihm vermuteten Fortschritt nicht selbst erzielen, deshalb bleibt er ungenannt in den Geschichtsbüchern, andere geben ihm vielleicht um des lieben Friedens willen nach und versuchen, einen neuen oder anderen Weg zu gehen. Ihr Licht leuchtet in der Geschichte, der Zweifler ist das Ärgernis der Gegenwart.

Seit 40 Jahren sind wir Freunde, selbst über die Entfernung fühlen wir uns verbunden, und kehre ich wieder einmal zu ihm zurück, begrüßt er mich mit seinem freundlichen, einverständigen Zwinkern. Oft treffe ich Leute, die ebenfalls gern und oft das Straßburger Münster besuchen, selten kennen sie meinen Freund. Sie haben nie seine Bekanntschaft gemacht und sind sich doch ganz sicher, alles gesehen zu haben und alles zu kennen.

Text © Manfred Wolff,  Bad Oeynhausen 2002

 

zur Homepage

zu meinen Favoriten